Der Abstieg der SPD in einer Grafik - wie eine Volkspartei den Kontakt zu den "kleinen Leuten" verlor

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Der Abstieg der SPD in einer Grafik - wie eine Volkspartei den Kontakt zu den "kleinen Leuten" verlor | Getty/HuffPost
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  • Die SPD hat am Sonntag ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis auf Bundesebene eingefahren
  • Schuld daran ist eine bereits seit Jahrzehnten anhaltende Tendenz: Der Kontakt zu den Arbeitern

Ob es mit dem Masseneintritt der Akademiker nach 1968 losging? Oder erst mit den Hartz-Reformen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder?

So ganz genau lässt es sich nicht sagen, wann die SPD aufgehört hat, eine Arbeiterpartei zu sein.

Vielleicht war es auch ein Prozess: Erst kamen die jugendbewegten Studenten mit den geschliffenen Argumenten. Dann verdrängten sie die weniger eloquenten Genossen aus den Gremien. Und schließlich hatte kaum jemand im Willy-Brandt-Haus noch Zweifel daran, dass die Agenda 2010 eine gute Idee ist.

Bei der Bundestagswahl wurde jedenfalls deutlich, wie tief das Ansehen der Sozialdemokraten bei ihrer einstigen Kernzielgruppe schon gefallen ist. Nicht nur, dass die Union bei den Arbeitern mehr als fünf Prozentpunkte besser abgeschnitten hat. Die SPD wäre in dieser Wählergruppe auch beinahe noch von der AfD abgefangen worden, die fast ein Fünftel der Arbeiter bei dieser Wahl von sich überzeugen konnte.

Diese Grafik macht die Gründe des SPD-Wahldebakels deutlich:

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Das SPD-Stammklientel ist zusammengeschmolzen

Denn die knapp 24 Prozent der Arbeiter, die der SPD ihre Stimme gegeben haben, waren unter allen klassischen Berufsgruppen noch das beste Ergebnis.

Anders gesagt: 76 Prozent der Arbeiter wollten eben jene Partei nicht wählen, die über mehr als ein Jahrhundert die klassische Interessenvertretung der Geknechteten in den Betrieben waren.

Spannend ist auch eine zweite Zahl in dieser Grafik: Unter den Selbstständigen droht die SPD zu einer Splitterpartei zu werden. Was auf den ersten Blick nicht besonders außergewöhnlich scheint – wenn man bei „Selbstständigen“ nur an Zahnärzte und Unternehmensberater denkt. Doch es bekommt dann eine gewisse Brisanz, wenn man sich überlegt, wo das Prekariat des 21. Jahrhunderts arbeitet.

Die Stammklientel der SPD, Industriearbeiter und einfache Handwerker, ist in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive zusammengeschmolzen.

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Die neuen "Selbstständigen"

Heute gibt es andere Berufsgruppen, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu leiden haben: Essenszusteller, Paketfahrer, Putzkräfte und viele andere, die formell selbstständig sind - de facto aber nur für ein Unternehmen arbeiten.

Oder die in juristisch ausgeklügelten Zeitarbeitsverhältnissen gefangen gehalten werden, deren Rahmenbedingungen immer nur der Firma dienen, und niemals den Bedürfnissen der Mitarbeiter.

Sie stecken in Arbeitsverhältnissen fest, die erst durch die Reformen von Gerhard Schröder möglich wurden.

Und die wichtigste Aufgabe für die SPD wird in den nächsten vier Jahren sein, genau diesen Menschen zu erklären, warum Deutschland die Sozialdemokraten noch braucht.

Dann wird sie es auch schaffen, die AfD in der Opposition wirkungsvoll zu bekämpfen. Es könnte eine Sternstunde für diese verdienstvolle Partei werden.

Wenn sie wirklich bereit ist, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

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