Darf die das? So unterschiedlich urteilen die Medien über Nahles' "In die Fresse"-Satz

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NAHLES
Darf die das? So kommentieren die Medien den "In die Fresse"-Eklat von Nahles | getty
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  • Die neue SPD-Fraktionschefin Nahles hat mit Blick auf die Union gesagt: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse"
  • Die Medien haben die Äußerung teils heftig verurteilt - einige Journalisten loben dagegen den "Oppositionssound"

Andrea Nahles war nur wenige Stunden im Amt als neue Fraktionschefin der SPD, da sorgte sie schon für einen Eklat. Elf Wörter reichten ihr dafür.

Auf die Frage, wie sie über die letzte Kabinettssitzung als Arbeitsministerin denke, sagte Nahles: “Ein bisschen wehmütig, aber ab morgen kriegen sie in die Fresse.” Adressat war offensichtlich die Union.

Ein Witz soll es gewesen sein, sagte sie später. Doch die heftige Wortwahl sorgte für heftige Reaktionen in den Medien.

Einige Journalisten verglichen Nahles' Pöbel-Aussage mit dem Vokabular, mit dem die AfD auf ihre politischen Gegner losgeht. Andere urteilten eher milde über die Wortwahl der möglichen Oppositionsführerin - und lobten teils den kernigen Sound.

Da werde Gauland geschmeidig

Den Vergleich zur AfD stellte die stellvertretende Chefredakteurin der "Welt" Dagmar Rosenfeld auf Twitter her. Nahles’ Aussage sei im Vergleich zu Gaulands “Jagen” “fast geschmeidig.”

Nach der Verkündung der ersten Wahlprognose am Sonntag hatte der AfD-Spitzenkandidat in die Mikros der Journalisten gerufen: “Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.”

Auch die Tageszeitung “Donaukurier” kritisierte die Nähe zu AfD-Krawallparolen. Klare Kante sei für Nahles nun in der Opposition angesagt, “vor rüdem Vokabular sollte sich die Oppositionsführerin aber tunlichst hüten, will sie sich nicht auf das Niveau der Rechtspopulisten begeben.”

Das Berliner Boulevardblatt “B.Z” macht mit Nahles am Donnerstag auf und titelt: “Kinderstube? Ihr doch egal”.

"Wie schafft man es, sich da nicht fremdzuschämen?"

Die “Berliner Zeitung” rechnete in einem ausführlichen Kommentar mit Nahles ab. Beim Nachsatz “Ab morgen kriegen sie in die Fresse” sei die Noch-Arbeitsministerin von allen guten Geistern verlassen worden.

“Wie abgelöscht muss man sein, um solche Worte nicht gnadenlos unwürdig zu finden? Wie schafft man es, sich in diesem Moment nicht fremdzuschämen für Andrea Nahles?”, fragt der Kommentator.

Wenn Gauland der “Macker im Janker” sei, dann ist Nahles die “Mackerin im Blazer”, spitzt der Kommentar den Vergleich zwischen SPD-Pöbelei und AfD-Hetze zu.

“Sie finden es spießig, das so zu sehen?”, fragt der Kommentar - und warnt: Aus “Fresse” und “Jagen” könnte ein Wettkampf enstehen - und der politische Diskurs verrohen. “Dann haben wir morgen ein Problem.”

"Endlich wieder working class sound"

Nicht alle teilen diese Sicht. “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt lobte ironisch: “Sehr gut, endlich wieder working class sound bei der SPD”.

Als AfD-Anhänger Poschardt darauf hinwiesen, dass er Gauland nach seinen “Jagd”-Rufen noch eine “ekelhafte Niedertracht” vorwarf, blieb der “Welt”-Chef bei seinem Urteil:

“Die Humorlosigkeit der AfD-KameradInnen ist wirklich deprimierend. Aber wir bleiben im Dialog, auch wenn es schwer fällt. Mir zumindest.”

Poschardts “Welt”-Kollege Manuel Bewarder bemerkte ironisch: “Journalisten empören sich derzeit über harsche Wortwahl, weil sie so NIE reden.”

Die Chefreporterin des “Focus Magazins”, Margarete von Ackeren‏, kommentierte auf Twitter: “Andrea Nahles’ Satz war ein (missratener!) Scherz. Wenn Journalisten das ausblenden, wird Politik zur komplett humorfreien Zone.”

Vielleicht ein geschickter Schachzug?

Nahles hatte am Mittwoch verkündet, die SPD müsse erst noch in der “Opposition” ankommen. Sie sprach vom “Umparken im Kopf”.

Der Berliner "Tagesspiegel” kommentiert daher eher wohlgesonnen: Nahles gebe “gleich zu viel Gas”. Was “vermutlich entschlossen und kämpferisch wirken sollte, ist einfach pöbelnder Schulhof-Sprech.”

Die Aufgabe der Parteien im Bundestag müsse es nun sein, sich nicht dem Niveau der AfD nicht anzupassen, sondern hochzuhalten. Womöglich war Nahles' Attacke aber auch ein “geschickter Schachzug”, um “die Wiederauflage der großen Koalition ganz sicher auszuschließen”.

Bleiben lassen sollte Nahles die rüden Töne aber dennoch, so das Fazit des “Tagesspiegels”.

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