So erklärt der Chefredakteur der "Leipziger Volkszeitung" den Wahlerfolg der AfD in Sachsen

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PEGIDA
Rechte Demonstranten in Sachsen | NurPhoto via Getty Images
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  • In Sachsen ist die AfD stärkste Partei geworden
  • Ist das Bundesland das Zentrum von Dunkeldeutschland?
  • Wir haben mit dem Chefredakteur der "Leipziger Volkszeitung" darüber gesprochen

Wie rechts ist Ostdeutschland?

Diese Frage diskutiert Deutschland seit Tagen - seit am Sonntag die AfD in Sachsen mit 27 Prozent Stimmenanteil die stärkste Partei wurde und noch vor der CDU landete.

Was ist da los, fragen sich viele Menschen vor allem in Westdeutschland: Was steckt hinter der Wut, die den Rechtspopulisten so starken Auftrieb gibt?

Warum ist die AfD in Sachsen nochmal sieben Prozent stärker als in anderen ostdeutschen Bundesländern? Ist Sachsen tatsächlich das Zentrum von "Dunkeldeutschland", wie es jetzt in den Medien heißt?

Einer, der das erklären kann, ist Jan Emendörfer, Chefredakteur der “Leipziger Volkszeitung”. Er beobachtet seit Jahren die politischen Entwicklungen in Sachsen.

Aber selbst ihn hat das Ergebnis am Sonntag überrascht.

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”Fruchtbarer Boden für die AfD”

“Ich hätte nicht gedacht, dass die AfD so stark werden würde und ich habe auch nicht erwartet, dass die AfD in Sachsen stärker abschneidet als in den anderen ostdeutschen Bundesländern", sagt er im Gespräch mit der HuffPost.

Was also ist da passiert? Emendörfer nennt vor allem sechs Gründe, die im Zusammenspiel zum starken Abschneiden der AfD in Sachsen führte:

"Die AfD fand in Sachsen einen fruchtbaren Boden vor. Wir haben schon vor zwei Jahren die Möglichkeit beschrieben, dass sich Pegida zur Bodentruppe der AfD entwickelt. An diesem Montag hat Pegida dann in Dresden den AfD-Sieg gefeiert."

"Viele Menschen fühlen sich zurückgesetzt. Die haben das Gefühl, dass sich niemand um sie kümmert. Wenn dann jemand erscheint und ihnen verspricht, dass er sich kümmert, dann kommt das an."

"Hinzu kommt eine hohe Frustration und Hass, wie er sich bei den Wahlkampfauftritten von Angela Merkel zum Beispiel in Torgau zeigte. Dann kommt die Flüchtlingskrise dazu: Gauland war der einzige, der klar und brutal gesagt hat: 'Wir wollen keine Flüchtlinge.'"

"In Sachsen gibt zudem eine gewissen Grundaffinität für rechte Gedanken. Die NPD war über Jahre – von 2004 bis 2014 - mit einer starken Fraktion im Landtag vertreten. Im Osterzgebirge ist sie traditionell stark, dort hat jetzt die AfD jetzt sehr gut abgeschnitten. Der Bodensatz war schon lange vorhanden."

"Hinzu kommt, dass die CDU seit 1990 in Sachsen Regierungspartei ist. Die Menschen dachten sich: Wir wollen ein Zeichen setzen und zeigen denen, dass es zu Ende ist mit deren Gemütlichkeit."

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Auf dem Land sieht es düster aus

Wie überall in Deutschland zeigt sich aber auch in Sachsen ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. Sachsen boomt - zumindest in den Metropolen wie Dresden und Leipzig.

Auf dem Land aber sieht es in vielen Teilen Sachsens düster aus. Vor allem hier, sagt Emendörfer, müsse die Politik um die Menschen kämpfen.

"Je tiefer man ins Landesinnere geht, je gruseliger wird es: Ostsachsen, die Lausitzregionen, Görlitz - dort gibt es keine Konzertsäle, keine Oper, keine prosperierenden Wirtschaftsunternehmen, kein gut ausgebautes Bahnnetz, keinen erfolgreichen Fußballclub, keine jungen Ärzte, keine jungen Lehrer, die da hin wollen."

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Die Menschen in den ländlichen Regionen erlebten einen Abwärtsdrall, sagt Emendörfer. Die jungen Menschen wanderten ab in die Städte, wo es Jobs und etwas zu erleben gebe.

”Die AfD könnte noch stärker werden”

Zwar gibt auch in Westdeutschland Landstriche, wo Ähnliches zu beobachten ist. Allerdings treten die sozialen Probleme wohl nirgends so geballt auf, wie im Osten Sachsens.

Bleibt am Ende die Frage, wie stark die AfD noch werden kann. Emendörfer gibt keine Entwarnung.

"Die Frage wird sein, wer die Partei am Ende gewählt hat: Waren es hauptsächlich Protestwähler oder Überzeugungstäter? Wenn es vor allem Überzeugungstäter waren, dann könnte die AfD sogar noch stärker werden.”

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(ll)

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