Medien feiern den französischen Präsidenten für seine Europa-Rede - doch eine Frage bleibt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EMMANUEL MACRON
Medien feiern den französischen Präsidenten für seine Europarede - doch ein Fragezeichen gibt es | POOL New / Reuters
Drucken
  • Der französische Präsident hat eine visionäre Rede über Europas Zukunft gehalten
  • Dafür gibt es von deutschen Medien viel Lob
  • Nur eine Zeitung fürchtet, dass Deutschland zur "Melkuh" wird

Umparken im Kopf. Unter dieses Motto hätte der französische Präsident Emmanuel Macron seine Rede zu Europa stellen können, die er am Dienstag in Paris hielt.

In ihr skizzierte er nicht weniger als eine Neugründung Europas als Antwort auf die Krisen unserer Zeit.

"Wir machen Reformen, wir bauen unser Land um, aber wir machen das auch mit einer europäischen Ambition. Ich habe keine roten Linien. Ich habe nur Horizonte", sagte Macron.

Mehr zum Thema: "Keine roten Linien, nur Horizonte": 4 visionäre Ideen, mit denen Emmanuel Macron die EU erneuern will

"Macron will wenigstens etwas"

Macrons ambitionierte Vision hat EU-weit Reaktionen hervorgerufen. Sie reichen von großem Lob bis zum Vorwurf der Träumerei. Hier dokumentieren wir die interessantesten Stimmen:

Die Zeitung "Die Welt" schreibt: "Macron hat verstanden, dass man die Idee Europas gegen seine extremistischen Feinde nur dann verteidigen kann, wenn man Europa mit seinen Bürgern verändert und es für sie erfolgreicher macht. Macron will vielleicht zu viel. Und er will alles auf einmal. Aber er will wenigstens etwas."

Damit zielt die Zeitung aus Berlin indirekt auf die Bundesregierung. Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble hielten sich im Wahlkampf auffallend zurück mit ambitionierten Aussagen zu Europa.

So kommentiert die "Süddeutsche Zeitung" bildlich: "Während Macron seine ideale Parklandschaft ausmalt und mit gewaltigem Wortwerk umrankt, zupft die Gärtnerin Merkel lieber hier und da ein Unkraut und wässert die Beete, die zu trocken sind."

"Dieser Gestaltungswille hat der EU bisher gefehlt"

Die "Badische Zeitung" feiert Macron derweil überschwänglich für seine Rede. "Dieser Gestaltungswille, dieser Mut zu neuem Denken, diese Kreativität im Kombinieren unterschiedlicher Themen haben der EU zuletzt bitter gefehlt."

An alle Bedenkenträger richtet die Zeitung den Appell:

"Natürlich bergen die einzelnen Reformvorschläge Risiken... Aber insgesamt überwiegt das Zukunftsweisende.

Demokratische Konvente, länderübergreifende Kandidatenlisten schon bei der nächsten EU-Wahl zur Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit und flankierend noch mehr Integration zwischen Deutschland und Frankreich - darauf lässt sich aufbauen."

Die "Volksstimme" aus Magdeburg vergleicht Macrons Ideen mit denen, die EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker kürzlich präsentierte.

Mehr zum Thema: EU-Kommissionspräsident Juncker plädiert für die Einführung des Euros überall in der EU

Der bessere Juncker

"Die Rede von Emmanuel Macron hatte alles, was den jüngsten Ausführungen des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker fehlte", schreibt die Volksstimme.

Der französische Präsident übe zurecht Kritik an einer ineffizienten EU. Für Juncker stehe die EU glänzend da.

Macron gehe auf die Ängste der Menschen ein: Schlüssel der Souveränität seien Sicherheit und Kontrolle der Migration. Juncker schrecke sie mit einem größeren Schengenraum.

Positiv sehen die Magdeburger auch, dass Macron zeigt, wie er seine Ideen umsetzen will. "Macron zeigt einen Weg auf, wie das Projekt einer gemeinsamen europäischen Armee vorankommen könnte. Und sei es in so kleinen Schritten, wie die nationalen Armeen allen Europäern zu öffnen."

Deutschland als “Melkkuh”

EU-phorie allerorten Orten also, angesichts von Macrons Visionen? Nicht überall. So streut zum Beispiel die "Nordwest-Zeitung" Salz in die Suppe.

Und sie hat viel zu kritisieren:

Emmanuel Macron präsentierte nichts weniger als die Blaupause eines europäischen Einheitsstaates ...

… und zwar eines Einheitsstaates nach französischen Bedingungen und zum Vorteil Frankreichs.

Was das Geld betrifft, sieht Macron für Deutschland die Rolle der Melkkuh vor.

Natürlich würde Frankreich als militärisch stärkste europäische Macht dieses Euro-Bündnis absolut dominieren. Im Extremfall könnte das darauf hinauslaufen, dass Deutsche als eine Art Fremdenlegion für französische Interessen etwa in Afrika herhalten müssten.

Grundsatzdebatte über die EU in Berlin

Vor allem ein Fragezeichen bleibt nach Macrons Rede: Wie kommen seine Idee in Berlin an?

Hier kritisiert die "Nordwest-Zeitung": “Die deutschen Grünen haben Macrons Ideen bereits bejubelt. Es liegt nun wahrscheinlich an der FDP, ob dieses Maximalprogramm deutsche Regierungspolitik wird oder nicht. Knicken die Liberalen hier ein, ist das ein Konjunkturprogramm für AfD-artige Kräfte in ganz Europa."

Die "Welt" schätzt:

"'Wenn die Liberalen an die Regierung kommen, bin ich tot', soll Macron einem Vertrauten zugeraunt haben. Nun wird es ganz so schlimm nicht kommen, aber man darf gespannt sein, auf welchen Widerhall Macrons Ideen in Berlin treffen."

"Macron beschert der EU eine gewaltige Grundsatzdebatte – und legt sich gleich zu Beginn auf ein Ergebnis fest. Merkel sieht ihre Rolle als Mittlerin, die Fliehkräfte bindet und Kompromisse auslotet. Diese Rolle ist ihr in den vergangenen Jahren zugefallen. Macron will sie nun als Verbündete, oder eben als Kontrahentin", bilanziert die "Süddeutsche Zeitung".

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

(ll)

Korrektur anregen