"Es wird Krieg geben": Nach dem Referendum steuern die Kurden im Nordirak auf eine Katastrophe zu

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KIRKUK
Nach kurdischem Unabhängigkeitsvotum: Irak schickt Truppen nach Kirkuk | Thaier Al-Sudani / Reuters
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  • Im Norden des Iraks droht ein BĂĽrgerkrieg
  • Die Kurden haben dort in einem Referendum fĂĽr ihre Unabhängigkeit gestimmt
  • Die irakische Zentralregierung will jetzt Truppen nach Kirkuk schicken

Die Kurden feiern. Menschen im nordirakischen Dohuk tanzten auf der StraĂźe. In Erbil schoben sich Autos hupend durch ein Fahnenmeer rot-weiĂź-grĂĽner kurdischer Flaggen.

Die Menschen zelebrierten die kurdische Unabhängigkeit. Viele von ihnen hatten seit Jahrzehnten für dieses Ziel gekämpft – um nun, am Montag, endlich in einem Referendum darüber abzustimmen – trotz massiver Gegenwehr der irakischen Zentralregierung und der internationalen Gemeinde.

Hochrechnungen gehen von einem klaren Votum für die Unabhängigkeit Kurdistans aus: Demnach stimmten über 92 Prozent der Kurden für den eigenen Staat. Doch die Abstimmung wird nur der Anfang eines langwierigen Prozesses sein. Die Unabhängigkeit Kurdistans könnte zu einer blutigen Angelegenheit werden, befürchten Experten.

Irak will Truppen nach Kirkuk schicken

"Kurdistan könnte verschwinden“, wenn das Referendum stattfinden würde, hatte der Ministerpräsident der Republik Irak, Haider al-Abadi, schon im Vorfeld der Abstimmung gewarnt.

Dass das durchaus eine Drohung war, machte Bagdad jetzt deutlich. Das irakische Parlament beschloss, Truppen in die hauptsächlich von kurdischen Peschmerga-Kämpfern gehaltene Öl-Hauptstadt Kirkuk zu entsenden.

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Kirkuk soll Teil des neuen kurdischen Staates werden, obwohl die Stadt bis zum Beginn der IS-Herrschaft 2014 nicht zum kurdischen Autonomiegebiet gehörte. "Es wird Krieg um Kirkuk geben", warnt jetzt der kurdische Hochschullehrer Mohammed Al-Qissi in der linken Zeitung "Neues Deutschland".

Tatsächlich: Viel deutet auf einen Bürgerkrieg hin. Und das ausgerechnet in einer Phase, in der der Kampf gegen die Terrormiliz IS noch immer anhält.

Auch die Türkei und der Iran haben sich mit drastischen Worten gegen eine Anerkennung des Referendums ausgesprochen.Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drohte ganz offen mit einem Einmarsch in das kurdische Autonomiegebiet: "Wir können eines Nachts ganz plötzlich kommen.“

"Eine halbe Million Tote nehmen wir in Kauf"

Der Sprecher Erdogans, Ibrahim Kalin, warnte vor Folgen in der Region. "Wenn das Referendum nicht abgesagt wird, wird das ernsthafte Konsequenzen haben", schrieb Kalin am Samstag auf Twitter. Er erinnerte zudem an die Erklärung des Nationalen Sicherheitsrats der Türkei, der die geplante Volksabstimmung am Freitag als "illegal und inakzeptabel“ bezeichnet hatte.

Schon vor dem Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak am Montag hatten die türkischen Streitkräfte ihre Präsenz nahe des Grenzübergangs Habur verstärkt. Bislang hatte die Türkei eine Unabhängigkeit der Region zwar abgelehnt, aber gute wirtschaftliche Beziehung zur kurdischen Autonomieregion unterhalten. Jetzt droht der Abbruch.

Auch der Iran mobilisierte Truppen. Das Nachbarland hat die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Grenzen zum Nordirak verschärft.

Der iranische Nationale Sicherheitsrat gab am Sonntag bekannt, dass auf Wunsch der Zentralregierung in Bagdad der Luftraum zum Nordirak geschlossen und alle FlĂĽge nach Suleimanija und Erbil bis auf weiteres gestrichen worden seien. Das berichtete die Nachrichtenagentur Tasnim.

In den iranischen Grenzprovinzen West Aserbaidschan und Kurdistan veranstalteten die Revolutionsgarden ein Militärmanöver.

So könnten die kämpferischen Worte, die ein Parteikollege des kurdischen Präsidenten Masud Barzani bei einer Veranstaltung vor mehreren Tagen den Menschen zurief, mehr sein als Pathos: "Für die Unabhängigkeit nehmen wir auch eine halbe Millionen Tote in Kauf."

Mit Material der dpa.

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(ll)

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