Die neuen Besser-Wessis: Warum es gefährlich ist, nach der Wahl auf den Osten zu schimpfen

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Die neuen Besser-Wessis: Warum es gefährlich ist, nach der Wahl auf den Osten zu schimpfen | Getty
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Ausgrenzung, Pauschalverurteilungen und einfache Lösungen: Eigentlich ist das der Markenkern der AfD.

Mit einem mehr als einfach nur umstrittenen Wahlkampf hat es die rechtsradikale Partei geschafft, als drittstärkste Fraktion in den nächsten Bundestag einzuziehen. Das ist kein gutes Zeichen für unsere Demokratie.

Seit Sonntag um 18 Uhr zeigt sich jedoch, dass auch fortschrittlich denkende Menschen in Deutschland die Sache mit der Ausgrenzung und den Pauschalverurteilungen beherrschen. Vor allem im Westteil des Landes fühlen sich Menschen berufen, 15 Millionen Menschen über einen Kamm zu scheren und pauschal zu verdammen.

Die Pöbeleien gegen Ostdeutschland sind seit dem Wahlabend wieder in Mode.

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„Gutmenschen“ und „Selbstdenker“

In ihrer Dienstagsausgabe zeigte die „Hamburger Morgenpost“ etwa eine Deutschlandkarte inklusive der früheren DDR-Grenze. Hüben, glauben die Redakteure, leben die „Gutmenschen“. Und drüben, also im Osten, die „Selbstdenker“. Offenbar fehlte dem Grafiker der Mut, das Wort „Egoisten“ auszuschreiben. Aber genau das hat man in Hamburg wohl gedacht.

Und wem das noch nicht bildlich genug war, für den baut die (West-) Berliner „Tageszeitung“ gleich die Mauer wieder auf.

Keine Frage, viele östliche Regionen haben ein Radikalismus-Problem. Unter den ostdeutschen Männern war die AfD stärkste Partei, und in Sachsen schaffte sie es, mit 27 Prozent der Stimmen zur stärksten Kraft des Landes zu werden.

Das wirft kein gutes Licht auf den Stellenwert von demokratischen Werten – zumal auch die Linke mit ihrem gebrochenen Verhältnis zur DDR-Vergangenheit und einer unkritischen Haltung zu Russlands aggressivem Expansionsstreben passable Wahlergebnisse erzielt hat.

Mehrheit aus Linke und AfD

Der ehemalige Parteichef Oskar Lafontaine forderte am Dienstag sogar, dass die Linke noch kritischer mit der Asylpolitik auseinandersetzen soll: „Der Schlüssel für diese mangelnde Unterstützung durch diejenigen, die sich am unteren Ende der Einkommensskala befinden, ist die verfehlte 'Flüchtlingspolitik'.“

In Berlin-Lichtenberg etwa kamen AfD und Linke zusammen auf fast 50 Prozent der Zweitstimmen.

Andererseits heißt das aber auch: Selbst in den Hochburgen der Radikalen gibt es unter den Wählern knapp 50 Prozent, die sich anders entschieden haben. Gegen die Hetze. Gegen die Erosion von demokratischen Spielregeln. Diese Menschen dürfen wir nicht allein lassen.

Unter ihnen gibt es viele Bürger, die im Osten wichtige Arbeit im Kampf gegen Radikalismus leisten. Oft auch unter Einsatz der eigenen Sicherheit, besonders dann, wenn es gegen die weit aggressiver auftretenden rechten Kräfte in den fünf östlichen Bundesländern geht.

"Wir" gegen "die"

Vom Hamburger Redaktionsschreibtisch aus kann man sich das vielleicht nicht so recht vorstellen: Aber es gibt tatsächlich Landstriche in Deutschland, wo linke oder fortschrittliche Positionen nicht zu allgemeinem Kopfnicken führen.

Wer aber nun die Mauer wieder aufbauen will, wirft diesen mutigen Menschen in Ostdeutschland noch zusätzlich Steine in den Weg. Und er hilft dabei, dass sich die AfD als eine Kraft inszenieren kann, die sie gerne wäre, nämlich die wütende Version einer ostdeutschen Volkspartei.

In Sachsen kann man in diesen Tagen mit einigem Recht behaupten, dass es „uns“ und „die“ gibt: Auf der einen Seite die pauschal verurteilten Ostdeutschen, auf der anderen Seite die Ankläger aus dem Westen.

Profitieren werden davon vor allem die Radikalen. Aber vielleicht ist das ja auch der geheime Wunsch, der hinter den Mauer-Sprüchen aus dem Westen steckt: Denn dann wäre die moralische Überlegenheit des eigenen Milieus endlich für alle sichtbar.

Wen interessiert es da noch, dass die AfD auch in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg auf deutliche zweistellige Ergebnisse gekommen ist?

Den neuen Besser-Wessis ist das egal, so lange sie den Zeigefinger Richtung Osten ausstrecken können.

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(mf)

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