Was 11 Deutsche mit Migrationshintergrund der AfD jetzt zu sagen haben

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AFD PROTEST
Mehr als tausend Menschen haben sich einen Tag nach der Wahl zur Demonstration gegen die AfD versammelt - Photo by Eric Cortes/NurPhoto via Getty Images | NurPhoto via Getty Images
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  • Der Einzug der AfD in den Bundestag verunsichert viele Menschen in Deutschland
  • Besonders junge Migranten befĂĽrchten jetzt, dass Rassismus und Diskriminierung im Alltag zunehmen
  • 11 Deutsche mit Migrationshintergrund erklären in der HuffPost, warum sie der AfD die Zukunft des Landes nicht ĂĽberlassen werden

Der Wahlerfolg der AfD hat Deutschland erschĂĽttert. Zum ersten Mal seit langer Zeit werden wieder Rechtsradikale im deutschen Bundestag sitzen.

Zahlreiche Migranten und Deutsche mit Migrationshintergrund befürchten nun, dass sich der Rechtsruck in der Politik auch im Alltag zeigen wird. Sie fragen sich: Wird der Fremdenhass von AfD-Politikern und -Anhängern das Leben auf den deutschen Straßen verändern?

Wir haben 11 Deutsche mit Migrationshintergrund gefragt, was der Erfolg der Rechtspopulisten für sie persönlich bedeutet. In einem waren sich alle einig: Sie wollen die Zukunft des Landes der AfD um keinen Preis überlassen.

"Deutschland gehört uns allen und das wird für immer so bleiben"

nada assaad

Nada Assaad, Kolumnistin

Obwohl ich mich gegen ein "uns" als Volksbezeichnung sträube, gilt in diesem Fall eine Ausnahme.

Anstelle der Ausgrenzung, wofĂĽr dieses "uns" in politischen Debatten gerne genutzt wird, bedeutet es fĂĽr mich eine neue deutsche Einheit. Denn "Deutsch sein" hat nichts mit deutschen Eltern zu tun.

In einem Kommentar unter meinem Artikel, indem ich beklagte, dass weder Syrien noch Deutschland meine Heimat sei, sagte ein User, dass Heimat dort ist, wo man sich zuhause fĂĽhlt.

Das stimmt. Ein groĂźer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund fĂĽhlt sich in Deutschland zuhause.

Sie alle zahlen Steuern und brauchen keine Leitkultur, um nach deutschen Wertvorstellungen zu leben. Sie sind in der Politik ebenso vertreten wie in der Medienlandschaft.

Die Menschen müssen verstehen, dass multikulturelle Gesellschaften die Zukunft sein werden. Nationalismus bringt absolut gar nichts und erscheint beinahe lächerlich in Anbetracht gesellschaftlicher Entwicklungen.

Denn das jetzige Deutschland mit all seinen guten und schlechten Seiten haben wir alle erschaffen.

"Ich bin als Migrantenkind unter Kohl groĂź werden - die AfD ĂĽberleben wir auch"

najib karim

Najib Karim, Biochemiker und Politiker

Das Wahlergebnis ist kein Weltuntergang. Ich bin als Migrantenkind unter Helmut Kohl groß geworden, als unser Land 16 Jahre von Leuten wie Zimmermann, Koch, Kanther und Gauland geprägt wurde.

Ich konnte mich dennoch normal entwickeln und denke, dass auch heutige Einwandererkinder und Jugendliche trotz Rechtsrucks diese Chance haben werden.

In der Verantwortung dafĂĽr steht nun die Wahlgewinnerin FDP.

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Man kann nicht Wahlkampf damit machen, die Sozialdemokratisierung der Republik beenden zu wollen, nur um dann empört zu sein, dass die SPD als klare Verliererin tatsächlich das Feld räumt.

FĂĽrchtet man etwa, dass man nun liefern muss?

Man hat jetzt die Chance, mit Regierungsleistung zu glänzen, nicht nur mit Angriffen gegen die Regierung. Mein Appell: Jamaika ist ihre dornige Chance, Herr Lindner.

"Wir mĂĽssen den Sieg der AfD als eine Chance verstehen"

jennifer yazar

Jennifer Yazar, Lehrerin fĂĽr Kunst und Musik

So grausam kann Demokratie sein. Das Ergebnis der Bundestagswahl wird fĂĽr die Migranten keine negativen Folgen haben.
Eine AfD wird am Grundgesetzt, das allen Bürgern Deutschlands Grundrechte sichert, nichts ändern können!

Trotzdem sollten sich alle Bürger Deutschlands in vielerlei Hinsicht Sorgen machen und überlegen, was in diesem Land schief läuft und dazu führt, dass eine AfD drittgrößte Partei werden kann.

Die Hetzte der Medien gegen FlĂĽchtlinge, die Ohnmacht deutscher Politiker gegenĂĽber Erdogan, die FlĂĽchtlingskrise, mangelnde wirksame Konzepte zur Integration der Zuwanderer und die Angst vor einer Islamisierung Deutschlands sind einige der GrĂĽnde, die dazu gefĂĽhrt haben, dass am Ende die AfD die Verzweiflung der Menschen fĂĽr sich nutzen und zum Sieg kommen konnte.

Das Gute im Schlechten wäre, den Sieg der AfD als eine Chance für die großen Parteien zu sehen. Vielleicht nehmen sie endlich die Unzufriedenheit der Menschen ernst, handeln anstatt viel zu reden und gewinnen dadurch wieder das Vertrauen der Menschen.

"Ein buntes Deutschland wird wieder braun - das mĂĽssen wir verhindern"

bĂĽlent babĂĽr

BĂĽlent BabĂĽr, Ă–konom

Leider ist es so, dass genau das eingetreten ist, was ich befürchtet habe. In den Umfragen wurde die AfD schlechter eingeschätzt, als die Partei letztlich abschnitt.

Es gibt Menschen, die die AfD wählen, aber sich öffentlich nicht zu ihr bekennen.

Wenn die kommende Regierung die sozialen Problemen nicht lösen kann - bezahlbaren Wohnraum, bessere Entlohnung des Niedriglohnsektors, Investition in die Pflege und verbesserte Renten - dann werden vermehrt deutsche Bürger nicht den Kapitalismus dafür verantwortlich machen, sondern die Migranten.

Das Land wird sich dann noch mehr spalten. Es ist dann eben kein Land, in dem wir gut und gerne leben können.

Nur mehr soziale Gerechtigkeit wird die AfD schwächen. Sollte das nicht eintreten, hat die AfD das Potential, bei der kommenden Wahl noch viel stärker zu werden. Das ist dann nicht mehr mein Land. Ein buntes Deutschland wird dann wieder braun.

"Die AfD hat keine groĂźe Zukunft"

arin

Arin Jafaar, Studentin

Ich bin nach wie vor stolz, deutsche Staatsbürgerin zu sein und habe großes Vertrauen in unser Grundgesetz. Abgesehen davon zählen für mich die 87 Prozent mehr, als die 13 Prozent der AfD.

Viele Menschen werden in den nächsten vier Jahren begreifen, was sie gewählt haben. Die AfD hat uns zwar viele Probleme vor Augen geführt, doch für keine davon hat sie konkrete Lösungen parat.

Schon kurz nach der Wahl wurde durch Frauke Petrys Abgang klar, dass selbst innerhalb der Partei nicht alles geklärt ist. Allein das zeigt, dass die AfD keine große Zukunft haben wird.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr fĂĽr alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur ĂĽber sie geredet wird.

Wenn ich als Deutsche mit Migrationshintergrund die AfD nicht als reine Nazis, sondern als Rechtspopulisten, Nationalsozialisten und rechte Extremisten differenzieren soll, dann erwarte ich das in der Zukunft andersrum genauso.

Ich bin schon lange keine Migrantin mehr, auch wenn ich einen Migrationshintergrund habe. In erster Line sehe ich mich als Deutsche. Und genauso möchte ich auch behandelt werden.

"Ich kann meine Heimat nicht verlassen, um sie rechten Hetzern zu ĂĽberlassen"

said rezek

Said Rezek, Politikwissenschaftler

Als deutscher Muslim mit Migrationshintergrund und Politikwissenschaftler ist die Frage, wie es mit der AfD weitergeht, existenziell.

Die AfD macht keinen Hehl daraus, dass sie den Islam ablehnt und die Rechte der Muslime einschränken will. Damit sind Muslime aus AfD-Sicht Menschen zweiter Klasse.

Manche Muslime überlegen bereits, ob eine Auswanderung notwendig ist. Dahinter steckt die Sorge vor zunehmender Diskriminierung und Rassismus aufgrund der Religionszugehörigkeit. Die Ängste sind berechtigt, aber die Reaktion ist überzogen.

Ich werde nicht tatenlos dabei zusehen, wie rechte Parolen gesellschaftsfähig werden. Ich kann meiner Heimat auch nicht einfach den Rücken kehren, um sie rechten Hetzern zu überlassen.

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Nach den Wahlen lautet mein Motto: Jetzt erst Recht! Das sage ich in meinem Eigeninteresse als deutscher Muslim, aber auch gemeinwohlorientiert, um fĂĽr eine weltoffene und pluralistische Gesellschaft einzutreten.

"Muslime werden sich warm anziehen mĂĽssen"

ismae

Ismail Yavuzcan, Gymnasiallehrer und Islamwissenschaftler

Es ist eine vorhersehbare Katastrophe gewesen. Es schadet dem Ansehen Deutschlands, spiegelt aber auch die gesellschaftliche Realität in unserem Land wieder.

Während die Mitte der Gesellschaft bröckelt, erleben wir vermehrt Islam,- und Ausländerfeindlichkeit und Hetze gegen Migranten und Flüchtlinge.

Muslime, Flüchtlinge und Migranten werden sich tatsächlich warm anziehen müssen, denn die AfD wird weiterhin und diesmal mit großem Nachdruck Stimmung gegen sie machen.

"Was passiert, wenn sich die AfD zunehmend radikalisiert?"

yasin baz

Yasin Baz, Politologe

Eine Befürchtung von mir ist, dass die in den Bundestag eingezogenen Rechtspopulisten - um nicht den Begriff "Nazis" zu verwenden - ihre Stellung weiter ausbauen könnten.

Schlimm wäre es, wenn die Partei sich - ähnlich wie in der Weimarer Republik die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) - weiter radikalisiert und dadurch unschöne Zeiten für den Frieden und den gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland beginnen.

"Die Ankunft von Asylsuchenden verursachte bei vielen Deutschen groĂźe Ă„ngste. Die AfD hat das schamlos ausgenutzt."

umut öksüz

Umut Ă–ksĂĽz, Aktivist

Das Ergebnis der Wahlen repräsentiert unter anderem das Ergebnis einer verfehlten Integration. Einige rechtsextreme Politiker nutzen die Enttäuschung der Bevölkerung schamlos aus und schüren aktiv Hass in der Gesellschaft.

Die Ankunft neuer Menschen in Deutschland verursacht bei den Einheimischen groĂźe Fragezeichen und Ă„ngste.

Deutschland war in der Vergangenheit erwiesenermaĂźen nicht bereit fĂĽr eine solche Herausforderung. Auch nicht vor 40 Jahren, als Millionen Gastarbeiter in Deutschland versuchten, FuĂź zu fassen.

Lagerbildungen beziehungsweise ideologische Gruppierungen mit multi-ethnischen Kontexten sind nicht zufällig zusammengekommen. Viele Migranten blieben und bleiben noch immer größtenteils unter sich.

Heute muss das alles anders laufen, damit die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik wieder vertrauen können. Und das von allen Seiten! Das Einzige, was die Regierung jetzt tun kann, um den Frieden des Landes aufrecht zu erhalten, ist weniger darüber in Talkshows zu sprechen und vermehrt Lösungsansätze praktisch in die Tat umsetzen.

"Morgen beklagen sich die Rechten über Mustafa und Ali, um nebenbei ihren Döner mit Kräutersoße zu bestellen"

mustafa demertzis

Mustafa Demertzis, Blogger und GrĂĽnder von "Karriekebap"

Die Regierung "jagen" oder Politiker "entsorgen“ – diese und ähnliche Äußerungen werden wir die nächsten vier Jahre tolerieren müssen.

Fakt ist, die stille Panikmache um die vermeintliche Islamisierung trägt erstmals Früchte: Nach dem Zweiten Weltkrieg schafft es zum ersten Mal eine rechte Partei ins Bundesparlament.

Noch dazu will sich der Gauland "das Volk zurĂĽckholen". Von welchem Volk reden wir hier eigentlich? Eine Frage, die sich auch die Volksparteien dringend stellen sollten.

"Wir schaffen das", ein Satz, der anscheinend viele zum Protestwählen animiert hat und wohl nur zu Obamas Amtszeit funktionierte.

Ja, wir werden es schaffen, nur nicht heute. Die Gewinner sind die Rechten, die sich morgen über Mustafa und Ali beklagen werden, aber nebenbei ihren Döner mit Kräutersoße bestellen. In Zukunft gibt's es jede Menge Arbeit für Merkel und Co.

"Ich fĂĽhle mich in Dresden weiterhin sehr wohl - trotz Migrationshintergrund und AfD-Erfolges"

volker abdel fattah

Volker Abdel Fattah

Betroffen und sehr nachdenklich macht mich das sehr starke Abschneiden der AfD als stärkste Kraft im Freistaat Sachsen. Dies hätte ich für den Bereich der neuen Bundesländer so nie erwartet.

Als deutscher Staatsbürger mit einem sichtbaren Migrationshintergrund ändert sich für mich in der Wahrnehmung erstmal nichts, ich fühle mich in meiner Heimatstadt Dresden sehr wohl.

Daran haben auch die sogenannten Montagsspaziergänge von Pegida nichts geändert, auf denen sich eine Minderheit der Dresdner fremdenfeindlich und hasserfüllt artikuliert.

Allerdings sehe ich hier eine große inhaltliche Übereinstimmung mit der AfD, wenn sich deren Spitzenkandidaten provokant und menschenverachtend äußern.

Diese Abwertung und Ablehnung von Menschen wurde auch auf den Wahlplakaten der AfD deutlich, insbesondere mit den subtil verbreiteten nationalistischen und fremdenfeindlichen Botschaften.

Die freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland ist fĂĽr mich ein sehr hohes Gut, dass es zu schĂĽtzen und zu bewahren gilt.

Den verlockenden rhetorischen Angeboten der AfD gilt es in der politischen Auseinandersetzung sachlich und ĂĽberzeugt entgegenzutreten.

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(ll)

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