Die Clinton-Falle: Die Kanzlerin hat den Fehler wiederholt, der Trump in den USA so stark machte

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MERKEL CLINTON
Merkels Clinton-Fehler: Die Kanzlerin hat den Fehler wiederholt, der Trump in den USA so stark machte | Pawel Kopczynski / Reuters
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  • Die CDU hat im Wahlkampf einen entscheidenden Fehler gemacht
  • Statt neue Wähler zu überzeugen, beschränkte sie sich darauf, Sympathisanten zu mobilisieren
  • In den USA machte Clinton denselben Fehler: In beiden Fällen profitierten Populisten

Das Beben, das Deutschland bei der Bundestagswahl am Sonntag erschüttert hat, war zweifelsohne auch in der CDU-Zentrale deutlich zu spüren.

Wer wissen wollte, wie es um die Gemütslage der deutschen Christdemokratie zu dieser Zeit wirklich bestellt war, musste dabei nur auf das Gesicht des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber schauen. Traurig applaudierte der seiner Chefin, als sie die Bühne betrat und erste Kritik oberflächlich beiseite schob.

Tauber wusste: Dieser Sonntag war eine Niederlage; obwohl Merkel weiter regieren würde.

Eine Niederlage, die in vielen Punkten an das überraschende und dramatische Scheitern Hillary Clintons bei der US-Wahl im vergangenen November erinnert.

Populisten zündeln – und siegen

Clintons Anhänger vergossen damals sprichwörtlich bittere Tränen, die Demokraten waren geschockt.

Niemand unter ihnen hatte es für möglich gehalten, dass der unerfahrene Polit-Rüpel Donald Trump die Demokratin besiegen könnte. Doch er konnte: Mit Angriffen auf die Medien, Pöbeleien gegen Minderheiten – und dem Versprechen seine Kontrahentin einsperren zu lassen.

Auch die CDU sah sich Angriffen von Rechts ausgesetzt. Immer wieder forderten AfD-Politiker und Unterstützer im Wahlkampf, Merkel einsperren zu lassen. "Merkel muss in einer Zwangsjacke aus dem Kanzleramt abgeführt werden", polterte der Thüringer AfD-Chef Björn Hocke gar einmal.

Aber nicht nur die Angriffe der AfD ähnelten denen Trumps. Angela Merkel weigerte sich wie Hillary Clinton, um die Herzen der Menschen zu kämpfen. Im Rückblick bezeichnet Clinton das als den größten Fehler ihres Wahlkampfes.

CDU hat sich auf Mobilisierung beschränkt

Der CDU-Wahlkampf war, genau wie die Clinton-Kampagne, nur auf die Mobilisierung der Wähler angelegt, die ohnehin schon mit der Union nahestanden.

"Was beide Kampagnen verbindet ist, das zu wenig auf Persuasion, also das Überzeugen potenzieller Wähler, gesetzt wurde", erklärt Julius van de Laar der HuffPost.

Der politische Strategieberater ist Experte für den US-Wahlkampf. Er half 2013 die Barack-Obama-Kampagne zu organisieren und war auch in Deutschland bereits als Wahlkampfstratege für die SPD im Einsatz.

Stattdessen ging es den Strategen der CDU darum, möglichst viele Unions-Sympathisanten an die Wahlurne zu treiben. Es ging darum, bestehendes Wählerpotential zu aktivieren, statt neues zu generieren.

"Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“: Das war Wohlfühl-Wahlkampf.

Frische Ideen hatte die CDU dabei nur wenige anzubieten. Spät - erst nachdem sie ihre Wahlplakate vorgestellt hatte - präsentierte die Partei überhaupt ein Wahlprogramm. Zu vielen dringenden Themen wie der Rente lieferten die Christdemokraten darin nur triviale Antworten.

Stattdessen verließ man sich offenbar auf optimistische Rechnungen: Bei der letzten Bundestagwahl hatten 41,5 Prozent der Menschen die Union gewählt. Dieses Jahr würden es wohl ein paar weniger werden: In der Flüchtlingskrise hatte die Partei Federn gelassen.

Doch ein Ergebnis zwischen 37 und 40 Prozent schien machbar – auch weil die Konservativen sich lange durch Umfragen bestätigt sahen.

Auch Clinton wusste nicht mit Ideen zu überzeugen

Auch Hillary Clinton hatte sich verrechnet.

Viele der Wähler, die Trump-Vorgänger Barack Obama für die Demokraten gewinnen konnte, vor allem Schwarze, Latinos und junge Wähler, sah das Team der Präsidentschaftskandidatin als sichere Beute. Versuche, neue Wählergruppen zu erschließen, blieben derweil marginal.

Am Ende blieben viele der Obama-Wähler zuhause, ein starkes eigenes Klientel hatte die Demokratin aber nicht auf sich eingeschworen, weil ihre politischen Themen nicht griffen. Bis zu acht Prozent büßte sie im Vergleich zu Obama bei Minderheiten ein, erzielte besonders bei Männern ein katastrophales Ergebnis.

Haustürwahlkampf wird zur nutzlosen Akkordarbeit

Die CDU hätte solche Überzeugungsversuche an den Türen des Landes starten können. Mit der Connect17-App hatte die Partei medienwirksam einen digital koordinierten Haustürwahlkampf hochgezogen.

Mehr zum Thema: "Die SPD mobilisiert – aber halt für uns": Unterwegs mit Peter Tauber im Haustürwahlkampf der CDU

Das Problem: Auch beim Haustürwahlkampf ging es der CDU nur darum, die eigenen Anhänger an ihre Stimmabgabe zu erinnern. Eine Strategie: Höchstens eine Minute pro Tür, niemals der Einladung ins Haus folgen, keine Diskussionen anfangen. die

Diese Taktik ging zwar im kleinen Saarland bei der Landtagswahl auf: Auf Bundesebene allerdings brachte der Partei diese ökonomische Effizienz-Maximierung nichts.

Der Strategieberater van de Laar zumindest ist skeptisch: "Wie ausschlaggebend der Haustürwahlkampf für diese Bundestagswahl war, ist äußerst fraglich. Eine Million Türen – wobei man nicht weiß, zu wie vielen Gesprächen es überhaupt gekommen ist – das ist eigentlich kein relevantes Ausmaß. Das könnte man meiner Meinung nach alleine in Rheinland-Pfalz schaffen."

Merkel und Clinton in der Echokammer

Und Merkel?

Die lieferte Marktplatzrede um Marktplatzrede ab. Fast überall wurde sie von Demonstranten ausgepfiffen. Von Menschen, die die CDU aufgegeben hatte. In der Hoffnung, dass es nur ein paar Prozent der Wähler seien, die dort standen und die Kanzlerin anbrüllten. Das stimmte - aber diese Menschen standen für das Lebensgefühl einer signifikanten Minderheit in Deutschland.

Die Kanzlerin spulte bei den Auftritten ihre gewohnten Sätze ab.

Man könne stolz sein, was in der Flüchtlingskrise geleistet wurde. Dennoch dürfe sich das nicht wiederholen. Es sei viel getan worden für die Menschen in den vergangenen Jahren, niemand habe ihnen etwas weggenommen, im Gegenteil.

Eine Überzeugungsstrategie war auch das nicht.

Auch Clinton blieb in ihrer Ansprache meist bei denen, die ihrer Sache wohlgesonnen waren. Bei jungen Frauen etwa, bei denen sie zumindest in urbanen Gegenden Zustimmung fand, Schwarzen und Latinos, die eher zu ihr hielten als zu Trump. Es reichte nicht.

Im Gegensatz zur US-Politikerin hat Merkel jetzt eine Chance, ihre Fehler als Amtsinhaberin zu korrigieren und wieder zu allen Menschen zu sprechen. Schon am Sonntag versprach Merkel, das Vertrauen der AfD-Wähler zurückgewinnen zu wollen.

Es könnte die schwerste Aufgabe ihrer politischen Karriere werden.

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(ben)

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