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20/09/2017 22:34 CEST | Aktualisiert 26/09/2017 10:34 CEST

Ich habe versucht, in meinem Alltag komplett auf Plastik zu verzichten - und bin kläglich gescheitert

MBPROJEKT_Maciej_Bledowski via Getty Images
Vintage instagram style picture of garbage left by tourists on a beach, environmental pollution concept picture.

  • Die Berge an Plastikmüll auf der Welt werden immer größer und belasten Mensch und Umwelt

  • Doch können wir auf Plastik verzichten?

  • Eine HuffPost-Redakteurin hat es ausprobiert - und ist gescheitert

Plastik ist überall. Die Welt versinkt im Müll. Tagtäglich erreichen uns neue Horrormeldungen. Aber nur selten denken wir über die Folgen der Plastik-Schwemme nach. Das wollen wir ändern. Was würde es bedeuten, auf Plastik zu verzichten? HuffPost-Redakteurin Uschi Jonas hat es ausprobiert und dabei gemerkt, vor welch gigantischen Problemen unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren steht.

Seit Wochen habe ich mich auf meinen Sizilien-Urlaub gefreut. Doch als ich endlich in Catania ankomme, lande ich wenig später in der hässlichen Realität.

Ich fahre mit dem Mietwagen die Autostrada auf die Stadt zu, die Sonne strahlt, das Meerwasser glitzert, Oleander und Magnolien säumen den Straßenrand.

Und dann sehe ich sie: die Berge an Plastikmüll am Straßenrand. Zerdrückte Joghurtbecher, Einkaufstüten, die im Wind flattern, schmutzige Plastikflaschen, zerfledderte Eisverpackungen.

Schon länger denke ich über solche wachsenden Müllberge nach. Die vollen Säcke, die ich Zuhause alle paar Tage in den Hof schleppe.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere Welt in Plastik versinkt - und selten zuvor ist es mir das so klar geworden wie hier in Catania.

Am Straßenrand stapelt sich der Abfall, am Strand verheddern sich Plastikreste an meinen Füßen, im Meer klebt plötzlich ein Stück Folie an meinen Körper. Mal ist der Müll groß, mal klein, mal durchsichtig.

Plastik ist allgegenwärtig. Morgens der Kaffeebecher, mittags das eingepackte Brötchen - und sogar die Zahnpasta enthält winzige Plastikpartikel.

9,6 Millionen Tonnen Plastik verbrauchen wir in Deutschland jedes Jahr

Was würde es bedeuten, auf Plastik zu verzichten? Irgendwo zwischen Sizilien und meiner Heimat München habe ich entschieden, genau das auszuprobieren.

Seitdem habe ich nicht nur viel über mich gelernt, sondern auch verstanden, vor welch gigantischen Problemen unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren steht, wenn wir das Plastik-Problem ernsthaft angehen wollen.

Am ersten Tag meines Selbstversuchs habe ich überlegt, wo ich im Alltag das meiste Plastik erlebe. Und schnell war mir klar: im Supermarkt.

Mehr zum Thema: So will ein Supermarktbesitzer in seinen Edeka-Filialen künftig Plastikmüll vermeiden

Jedes Mal, wenn ich durch die Obst-Theke bei Rewe, Edeka oder Lidl laufe, frage ich mich, warum müssen zwei Paprika in einer Plastikschale liegen, die dann auch noch von einer Plastiktüte eingeschweißt ist - am besten noch mit Bio-Label drauf?

Aber wie viel Plastikmüll produziere ich eigentlich? Ich lande auf der Website der Verbraucherzentrale.

9,6 Millionen Tonnen Plastik verbrauchen wir in Deutschland jedes Jahr. Das sind rund 130 Kilo pro Kopf.

Weltweit ist der Kunststoffverbrauch in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen. Waren es in den 1950er Jahren noch 1,7 Millionen Tonnen, hat sich das Ganze bis 1989 nahezu um das Hundertfache gesteigert. Im Jahr 2012 waren es schon 288 Millionen Tonnen.

Und die Müll-Mengen lassen sich nicht biologisch abbauen. Ein Joghurtbecher beispielsweise braucht 500 Jahre um sich zu zersetzen.

”Man merkt schnell, dass man vieles gar nicht braucht”, sagt Hannah Sartin vom “Ohne”-Laden

Also was tun? Immer mal wieder hab ich von verpackungsfreien Supermärkte gehört. Die gibt es in vielen deutschen Großstädten. Auch in München.

Im “Ohne”-Laden in der Schellingstraße treffe ich auf Hannah Sartin. Sie hat den Laden vor gut anderthalb Jahren gemeinsam mit ihrem Mann eröffnet.

“Fast jeden Tag kommt jemand zu uns in den Laden, der noch nie da war”, erzählt sie. Fast sei es, wie der Beginn einer neuen Bewegung: “Man fühlt sich frei mit diesem Lebensstil, weil man sich abkoppelt von der Konsumgesellschaft und schnell merkt, dass man vieles gar nicht braucht.”

Der Laden ist kaum größer als ein Kiosk - und trotzdem ist die Auswahl groß: Obst, Gemüse, Nudeln, Reis, Bulgur, Tee, Gewürze, Soßen, Marmeladen, Joghurt, Käse. Was nicht in Glas verpackt ist, ist unverpackt und kann selbst abgefüllt werden - in kleine Baumwollsäckchen, Gläser oder Metalldosen.

Am Ende kaufe ich mir eine Glasflasche, ein bisschen Obst, Couscous, Nudeln und eine Bambus-Zahnbürste. Wirklich alle Lebensmittel bekomme ich aber nicht unverpackt.

flasche

Ladenbesitzerin Hannah erzählt mir, dass sie und ihre Familie weitestgehend plastik- und müllfrei leben.

“Ich fand immer, dass die größte Einschränkung im Kopf stattfindet. Am Anfang kann man sich nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Beim Lebensmitteleinkauf dachte ich mir, okay es bleibt nur Obst, Gemüse und Brot übrig, was ich kaufen kann. Aber mit der Zeit haben sich in den verschiedensten Ecken der Stadt neue Möglichkeiten aufgetan, an unverpackte Dinge zu kommen, in Teeläden, Gewürzläden, auf dem Markt”, sagt sie.

Die erste Herausforderung folgt schon auf dem Weg zur Arbeit. Ich kaufe mir morgens gern Butterbrezeln beim Bäcker. Heute hab ich dann eines meiner neuen Baumwollsäckchen mitgenommen, um die Verkäuferin zu bitten, mir die Brezeln ohne Tüte zu geben, die in manchen Bäckereien auch einen Plastikanteil hat.

“Sie können mir die Brezeln direkt auf die Hand geben.”

“Was, nein wieso? Nehmen Sie doch einen Tüte.”

“Nein, nein, das passt, vielen Dank. Ich nehme sie gerne so.”

“Nein, dann bekommen Sie ja ganz buttrige Hände, ich gebe Ihnen wenigstens Servietten dazu.”

“Nein, wirklich, ich brauche nichts.”

“Haben Sie denn so großen Hunger, dass Sie die beiden Brezn gleich verputzen wollen?!”

“Nein, ich esse gleich eine und gebe die andere gleich noch einer Kollegin.”

Ich dachte ernsthaft, die Variante Ich-brauche-keine-Tüte-weil-ich-gleich-esse ist besser oder einfacher, als der Bäckersfrau einen Vortrag über Verpackungen zu halten. Aber morgen werde ich ihr das einfach erklären. Eine Person mehr auf dem Planeten, die über Müll nachdenkt.

brezel

Oft hole ich mir für die Mittagspause einen Salat bei unserem Brotzeitmann im Büro. Auch daran bin ich heute gescheitert: Plastikverpackung für den Salat, Plastikverpackung für das Dressing.

Also ab in die Kantine oder künftig selber gekochtes Essen mitbringen in meiner neuen Metalldose.

Abends schaue ich mir den Dokumentarfilm “The Plastic Planet” an. Dort zeigt der österreichische Regisseur Werner Boote die Gefahren von Plastik auf und wie die Kunststoffe immer weiter die ganze Welt verschmutzen.

80 Prozent des Mülls im Meer kommt vom Land, davon ist 75 Prozent Plastik

Ein Satz hat sich dabei besonders in meinen Kopf gebrannt: Alle Plastikteile, die bislang hergestellt wurden, sind immer noch irgendwo auf unserem Planeten. Und jedes Jahr kommen Millionen Tonnen dazu.

Und das meiste davon landet irgendwann im Meer. 75 Prozent des Mülls, der in den Ozeanen landet, ist Plastik, wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichtet. ) Allein in Deutschland landet jede Minute eine ganze Tonne Plastik im Meer

Mehr zum Thema: Ich unterstütze weltweit Menschen im Kampf gegen den Plastikmüll - von Deutschland bin ich sehr enttäuscht

Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) treiben auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile unterschiedlichster Größe, der WWF spricht sogar von bis zu 46.000. Und das ist nur der sichtbare Teil des Müllbergs. Denn über 70 Prozent des Plastikmülls sinkt auf den Meeresgrund.

Und da schließt sich auch wieder der Kreis nach Catania. Ich habe dort im Gasthaus eines alten Sizilianers gewohnt, der jeden Morgen Frühstück für seine Gäste macht. Mit frisch gepresstem Orangensaft, süßem Gebäck und ganz viel klein portionierten, in Plastik verpackter Butter, Marmelade, Joghurt, Zwieback.

Komplett auf Plastik verzichten - wie soll das gehen?

Tag 2 meines Experiments. 6.50 Uhr, mein Wecker klingelt, ich greife zum Smartphone - Plastikhülle. 6.55 Uhr, ich stehe auf, gehe in die Küche, mache mir Kaffee - die Maschine ist aus Plastik. 7.00 Uhr, ich gehe ins Bad, greife zu meiner Bambus-Zahnbürste (check!), aber dann ist da die Zahnpasta… 7.25 Uhr, ich steige aufs Fahrrad, mein Lenker ist aus Plastik. 8.00 Uhr, ich komme bei der Arbeit an, öffne die Eingangstür mit meiner Zugangskarte - aus Plastik - fahre meinen Laptop hoch, nutze die Maus - Plastik.

Ich bin frustriert. Komplett auf Plastik verzichten - wie soll das gehen?

Ich stöbere durch alle meine Alltagsgegenstände: Schmuck, Taschen, Kosmetikartikel, Shampoo, Kleiderbügel, Haargummis, Rasierer, Smartphone, Stifte, Kopfhörer, EC-Karten und noch so vieles mehr. Überall ist Plastik verarbeitet.

Und während ich mir das klar mache, denke ich über die Alternativen nach: Papier zum Beispiel, Glas und Stoff. Aber sind die wirklich ökologisch sinnvoller? Wenn es keine bio-zertifizierten Produkte sind, benötigt auch die Herstellung von Stofftaschen und Papiertüten viel Wasser und Chemikalien bei der Herstellung. Umweltfreundlicher werden sie erst durch ihre Wiederverwendung.

Auch beim Plastik selbst gibt es Unterschiede. 76 Prozent des Mineralwassers, das in Deutschland getrunken wird, ist in PET-Flaschen abgefüllt. Mehrwegflaschen sind ökologisch um einiges sinnvoller. Die werden gereinigt und wiederbefüllt - und das ist umweltschonender als Einwegflaschen, die geschreddert werden.

Trotzdem bleibt Glas besser als Mehrweg. Glas wird bis zu 50 Mal neu befüllt, Mehrwegflaschen lediglich 25 Mal. Danach landen die Überreste auch irgendwann im Meer, wie NABU berichtet.

Okay, was kann ich jetzt also durch etwas anderes als Plastik ersetzen? Ich beginne damit, eine neue Smartphone-Hülle zu suchen. Und das ist gar nicht so leicht. Selbst wenn ich nach Holz im Internet suche, versteckt sich in den meisten Hüllen trotzdem irgendwie Plastik.

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Wasser will ich ab sofort nur noch aus meiner Glasflasche trinken. Doch für mich als Sprudel-Fanatikerin wird das eine große Umstellung bedeuten, wenn ich nur noch Leitungswasser abfülle. Ich werde auch versuchen, die Bambus-Zahnbürste zu nutzen. Auch das ist eine Einschränkung, denn seit Jahren benutze ich eigentlich eine elektrische Zahnbürste. Die gibt es auch nicht ohne Plastik.

Ich suche nach einer plastikfreien Kaffeemaschine. Fehlanzeige. Selbst die teuersten Maschinen haben in der Regel irgendwelche Elemente aus Plastik.

Alles ist voll von Mikroplastik

Meine Herausforderung für den nächsten Tag: Ich versuche Plastik in meinem Alltag zu finden, das man gar nicht sieht. Denn ganz nebenbei, von uns unbemerkt, produzieren wir täglich noch so viel mehr Plastikmüll.

Shampoo, Seife, Zahnpasta, Gesichts-Peelings, Waschmittel, Cremes und Schminke enthalten Plastik. All diesen Produkten wird Kunststoff in flüssiger oder gelartiger Form zugesetzt und als Füllstoff und Bindemittel verwendet oder es dient als Schleifmittel zur Glättung und Reinigung von Haut und Zähnen.

Und das ist noch lange nicht alles.

Jedes Mal, wenn wir beispielsweis eine Fleecejacke in der Waschmaschine waschen, landen 114.000 bis 2.200.000 Polyesterfasern im Abwasser.

Eine Jacke, die einmal gewaschen wird. Ich wasche teilweise mehrmals die Woche. Viele Kleidungsstücke. Immer und immer wieder.

Mikroplastik ist also irgendwie überall. Nicht nur dort, wo wir Plastik sehen, sondern auch in Kosmetika, Textilien und Lebensmitteln.

Und das Problem: Die meisten Kläranlagen können es nicht herausfiltern. Lediglich eine Schlussfiltration könnte die Belastung des Gewässer reduzieren. Doch die ist teuer. Folglich landet Mikroplastik in Flüssen und letztlich im Meer.

Wir nehmen es aber nicht nur zu uns, wenn wir Fisch essen. Sondern auch über Leitungswasser oder Nahrungsmittel wie Milch oder Honig. Sie sind verunreinigt durch kleinste Plastikpartikel, die sich in der Umwelt verteilen.

Und das kann schwere gesundheitliche Folgen für uns haben. Bisphenol A, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Phtalate - das sind alles Chemikalien, die als Weich- und Hartmacher in Plastik verwendet werden. Und die können krebserregend sein, hormonverändernd wirken, Diabetes, Herzkrankheiten und sexuelle Störungen verursachen.

Am Ende des Selbstversuchs: Ernüchterung

Ich mache mich auf die Suche nach mikroplastikfreien Kosmetika und werde im Drogeriemarkt fündig. Auf den meisten steht das explizit drauf.

Ich kaufe mir Gesichtscreme, Shampoo, Zahnpasta und Waschpulver und bin gespannt, ob ich einen Unterschied zu meinen bisherigen Lieblingsprodukten feststelle.

mikroplastik

Die Zahnpasta ist aus Nanaminze. Klingt gut. Aber als ich sie benutze, bin ich ein wenig enttäuscht. Ich liebe es, wenn die Zahnpasta für einen richtig frischen Geschmack sorgt und sich meine Zähne total glatt anfühlen. Doch das klappt nicht mit meiner neuen Zahnpasta.

Dafür sind die Creme und das Shampoo super und auch meine frisch gewaschene Wäsche riecht gut. Teurer als die Produkte, die ich sonst benutze, sind sie dennoch.

Apropos Wäsche. Ich liebe Klamotten und ich liebe es, mir neue zu kaufen. Auch gerne online. Ich stöbere durch meine Lieblingsläden im Internet und entdecke, dass es selbst bei einigen großen Modeketten inzwischen ökologische Kleidung gibt. Ob die auch immer plastikfrei ist oder nur recycelt ist nicht immer ersichtlich. Am Ende bestelle ich mir zwei neue T-Shirts, die nicht einmal nennenswert teurer sind.

Doch als die nach ein paar Tagen bei mir ankommen ist es mir fast peinlich, das Paket zu öffnen: Denn auch mein vermeintlich nachhaltiger Einkauf kommt in Plastiktüten verpackt bei mir an.

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Am Ende meines Selbstversuch überkommt mich vor allem eines: Ernüchterung. Es kommt mir vor, als sei Plastik nicht aus meinem Alltag wegzudenken. Klar, ein paar Dinge sind Luxusprodukte, die ich eigentlich nicht brauche. Andere kann ich ersetzen. Aber komplett darauf verzichten? Unmöglich.

Viele plastikfreien Produkte sind teurer, andere bedeuten, dass ich meine Gewohnheiten einschränken muss, mehr Zeit brauche, um Dinge zu besorgen.

Ich werde es höchstwahrscheinlich nie schaffen, vollständig auf Plastik zu verzichten. Aber ich will und kann Schritt für Schritt Dinge in meinem Alltag verändern.

Ich möchte aufhören, online Kleidung zu shoppen, die immer in Plastiktüten verpackt wird und einen hohen Polyester-Anteil hat. Mein Obst und Gemüse kaufe ich ab jetzt auf dem Wochenmarkt oder in einem verpackungsfreien Supermarkt und überlege mir bei allem, was ich kaufe, ob ich das jetzt wirklich brauche und ob es eine umweltschonende Alternative gibt.

Eine Welt ohne Plastik wird es leider nicht mehr geben. Aber wir müssen unseren Konsum überdenken.

Und wenn wir alle einen kleinen Schritt gehen, wird daraus ein großer.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(jg)

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