Warum ich es bereue, mein Leben aufgegeben zu haben, um ins "Paradies" zu ziehen

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Der Traum: Alles hinschmei├čen, sich von allen Pflichten verabschieden und einfach auf eine einsame Insel auswandern. | fcscafeine via Getty Images
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Dieser Artikel erschien urspr├╝nglich bei Refinery29.

Wer hat ihn nicht schon mal getr├Ąumt, diesen Traum. Alles hinschmei├čen, sich von allen Pflichten verabschieden und einfach auf eine einsame Insel auswandern.

Den ganzen Tag Cocktails aus Kokosn├╝ssen trinken und ganz sicher niemals wieder Schuhe tragen. Tsch├╝ss, Gro├čstadt! Auf Nimmerwiedersehen, Stress! Adieu, v├Âllig aussichtslose Wohnungssuche und: Bye bye, 80-Stunden-Woche!

F├╝r die meisten von uns bleibt das einfach nur eine Fantasie in schlechten Tagen. Ich allerdings habe es gewagt und kann sagen: Auch wenn es die unglaublichsten sechs Monate meines Lebens waren, war ich am Ende froh, als ich zu all meinen fr├╝heren Problemen wieder zur├╝ckkehren durfte.

Arbeiten war mein Leben

Ich war schon immer eine typische New Yorkerin. Workaholic durch und durch. Lange Tage im B├╝ro, die Gedanken immer bei der Arbeit und kaum Privatleben.

Damals, 2003, arbeitete ich als Jungredakteurin bei style.com und war mitten in einer Quarter-Life-Crisis angekommen, was mir zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch gar nicht bewusst war. Ich wollte einfach etwas anderes, irgendwas ├Ąndern, am besten alles. Dadurch, dachte ich, w├╝rde sich mein Leben wie durch Zauberhand pl├Âtzlich verbessern.

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One-Way-Ticket ins Paradies

Anstatt mich auf eine passende Therapie einzulassen, die vielleicht eine bessere Wahl gewesen w├Ąre, k├╝ndigte ich meinen Job und zog Hals ├╝ber Kopf nach Mal Pais in Costa Rica.

Dort hatte ich sechs Monate zuvor bereits meinen Urlaub verbracht und seitdem war der Platz ein absoluter Sehnsuchtsort von mir geworden.

Ich bewunderte, wie entspannt alle dort gewesen waren. Stress gab es einfach nicht, alle schienen gl├╝cklich und ich fragte mich immer ├Âfter, ob ich dort eventuell genauso zufrieden und stressfrei leben k├Ânnte.

Im Dezember 2003 fand ich mich also am Flughafen wieder, im Gep├Ąck ein One-Way-Ticket ins Paradies. Ich hatte fast alles verkauft, au├čer meiner B├╝cher, die ich bei meinen Eltern verstaut hatte, mein Handy hatte ich verschenkt und meine Besitzt├╝mer auf zwei Koffer verteilt. Das meiste davon waren Klamotten, ein paar DVDs und Handt├╝cher.

Mein Vater meinte, ich werfe mein Leben weg

Meine Eltern konnten mich ├╝berhaupt nicht verstehen: "Da sind wir aus einem Dritte-Welt-Land ausgewandert, damit du es einmal besser haben kannst und dann willst du dahin zur├╝ck?ÔÇť

Ich versuchte sie von den sch├Ânen Seiten Costa Ricas zu ├╝berzeugen ÔÇô dem tollen Gesundheitssystem, dem ├ľkotourismus, oder dass es in Costa Rica bereits seit 1948 kein Milit├Ąr mehr gab ÔÇô aber nichts half, mein Vater hielt mich f├╝r verr├╝ckt und war der Meinung, ich sei im Begriff, mein Leben wegzuwerfen.

F├╝r mich aber gab es kein Zur├╝ck mehr und das ziemlich buchst├Ąblich, denn ich hatte bereits alle Zelte abgebrochen. Ich brauchte eine Ver├Ąnderung und diese sollte einen Strand beinhalten. Nat├╝rlich hatte ich Angst vor dem, was vor mir lag, aber das Abenteuer begann.

Ich schaffte mir mein eigenes, kleines Paradies

Recht schnell bekam ich einen Job in dem Hotel, in dem ich zuvor Urlaub gemacht hatte. Ich arbeitete an der Bar, an der Rezeption oder einfach als Kellnerin. Egal, was es zu tun gab, ich war zur Stelle. Als Barkeeperin war ich ziemlich gut, allerdings war ich eine miserable Kellnerin.

Aber auch wenn h├Ąufiger etwas schief ging, f├╝r die G├Ąste schien es nicht weiter wichtig zu sein, sie waren einfach nur fasziniert von der Gro├čst├Ądterin, die alles aufgegeben hatte, um ihren Traum im Paradies zu leben. Auch mein Chef war sehr entspannt ÔÇô er war meist schon gl├╝cklich, dass ich einfach nicht high war.

Ich hatte ein kleines H├Ąuschen gemietet im Nachbarort Santa Teresa. Es war klein aber gem├╝tlich. Das Badezimmer sowie das Schlafzimmer waren ├╝berdacht, nur zum Kochen musste man in die kleine K├╝che nach drau├čen gehen.

Ich fand es gro├čartig, in der Natur zu sein und w├Ąhrend ich meinen Kaffee trank, den Affen beim Spielen zuzusehen. Ich liebte mein kleines Paradies. Kein Handy zu haben machte mich gl├╝cklich und die Auswanderer, ein Mix aus Europ├Ąer*innen, Afrikaner*innen, Australier*innen und S├╝damerikaner*innen, die ich w├Ąhrend meines Aufenthaltes traf, waren wahrscheinlich die au├čergew├Âhnlichsten Begegnungen meines Lebens.

Alle verbrachten, entspannt und ohne Stress, Zeit miteinander und auf fast jede Frage bekam man die gleiche Antwort: "Pura Vida ÔÇô Leben Pur!ÔÇť

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Das Leben war alles andere als perfekt

Damals war mein Plan auf lange Sicht, etwas Geld zu sparen um Land zu kaufen und dann ein eigenes Hotel oder eine eigene Bar zu er├Âffnen. Bald musste ich jedoch lernen, dass h├Âchstens eine Handvoll Bars in der Gegend eine echte Lizenz hatten und alle anderen illegal gef├╝hrt wurden. Inklusive der, in der ich arbeitete (vielleicht hat sich das seit 2003 ge├Ąndert).

Um sich irgendetwas aufzubauen, musste man also genau wissen, wer zu bestechen war. Ich war mir nicht sicher, ob das f├╝r mich in Frage kommen w├╝rde. Je mehr Zeit verging, desto unsicherer wurde ich, was das Leben in Costa Rica anging.

Ich lebte zwar im Paradies, aber das Leben war alles andere als perfekt. F├╝r ein verschlafenes Surfer-Eldorado, gab es hier erstaunlich wenig Gras und erstaunlich viel Kokain. Einige meiner Freund*innen schliefen mit jedem Touristen und jeder Touristin, die in den Ort kamen.

Legend├Ąr waren auch die Streitgespr├Ąche zwischen meiner Chefin und ihrem Freund. Eine Bekannte von mir arbeitete als Drogenkurier, ein anderer Freund starb an einem Herzinfarkt. In Wirklichkeit waren sie eben nicht die super entspannten Leute, ohne jegliche Probleme, sondern hatten genauso mit dem Leben zu k├Ąmpfen, wie ich.

Ich gab mein falsches Paradies auf und kehrte zur├╝ck

Nach sechs Monaten kam ich zu dem Schluss, dass mein ertr├Ąumtes Leben doch nicht so idyllisch war, wie ich es mir erhofft hatte. Ich wurde der immer gleichen Gespr├Ąche m├╝de und konnte die sich ewig wiederholenden Musikplaylisten der Bar nicht mehr ertragen.

Ich vermisste echte Unterhaltungen und echtes Interesse an meiner Person. Seit meiner Ankunft hatte ich kaum Zeitungen gelesen, geschweige denn die Nachrichten gesehen. Sich so v├Âllig abgeschnitten zu f├╝hlen fing an, mich verr├╝ckt zu machen.

Im Mai dann, zu Beginn der Regenzeit, musste ich mich entscheiden, ob ich bleiben oder meinen Aufenthalt abbrechen w├╝rde, um nach New York zur├╝ck zu gehen. Ich ging nach Chicago. Ich war noch nicht bereit nach Hause zur├╝ckzukehren, aber immerhin in die N├Ąhe davon.

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis ich schlie├člich wieder nach New York zog, wo zu meinem Gl├╝ck meine Karriere auf mich gewartet hatte und ich somit dort weitermachen konnte, wo ich zuvor aufgeh├Ârt hatte.

Von den meisten Problemen l├Ąsst sich einfach nicht davon laufen

War es das wirklich wert? Na klar. Es war eine Auszeit, die ich damals dringend brauchte. Ich hatte direkt nach der Uni angefangen zu arbeiten und stieg sofort in eine 60-Stunden-Woche ein. Im Nachhinein w├╝nschte ich aber, ich h├Ątte etwas Sinnvolleres mit der Zeit angefangen. Vielleicht etwas gemacht, dass eine gr├Â├čere Ver├Ąnderung bedeutet h├Ątte.

W├╝rde ich den Schritt weiterempfehlen? Schon, aber man sollte sich im Vorfeld klar machen, dass man sich selbst ÔÇô und all die pers├Ânlichen Konflikte, die das mit sich bringt ÔÇô immer mitnimmt, egal wo man hingeht.

Es sind mittlerweile ├╝ber zw├Âlf Jahre vergangen, seitdem ich meine Auszeit genommen habe, und ich kann ehrlich sagen, dass ich zwar nicht das ausleben konnte, was ich mir erhofft habe, daf├╝r aber eine sehr wichtige Lektion lernen durfte: Vor den meisten Problemen l├Ąsst sich eben nicht einfach davonlaufen.

Ich bin nicht mehr das gleiche M├Ądchen von damals

Im Moment stehe ich ein weiteres Mal vor einer gro├čen Ver├Ąnderung, aber diesmal begegne ich der Angst ganz anders. Auch wenn ich mich am liebsten davon machen m├Âchte, wei├č ich, dass das am Ende nicht m├Âglich ist.

Ich mag nicht mehr ganz so mutig sein wie damals, aber heute wei├č ich etwas, das das M├Ądchen von damals nicht gewusst hat:

Ich kann alles schaffen, jede Widrigkeit durchstehen, die mir das Leben in den Weg stellt. Manchmal muss man sich einfach kurz zur├╝cklehnen und tief durchatmen, wenn der Stress droht, dich zu ├╝berrennen. Und ein leckerer Cocktail in der Hand wird dabei schon nicht schaden.

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(ks)

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