"Die Gegenrevolution hat begonnen": Wie der Einzug der AfD in den Bundestag Deutschland verändern wird

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"Die Gegenrevolution hat begonnen": Wie der Einzug der AfD in den Bundestag Deutschland verändern wird | dpa
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  • Die AfD wird zum ersten Mal im Bundestag sitzen
  • Wie wird das Deutschland verändern?
  • Wir haben vier Wissenschaftler und Kulturschaffende gefragt

Die AfD zieht als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass eine Partei rechts der Union im Parlament der Bundesrepublik vertreten ist.

Wie wird der Einzug der Partei Deutschland verändern? Diese Frage haben wir Wissenschaftler, Kulturschaffende und Influencer gefragt. Die einen sprechen von einem "Einschnitt in die deutsche Parteiengeschichte", andere sehen die "Zeit der Gegenrevolution" begonnen.

Hier sind ihre Antworten.

"Angst für Deutschland macht keine gute Politik"

katharina nocun

Katharina Nocun, Netzaktivistin

"Das letzte Mal, als AfD-Abgeordnete im Bundestag saßen, haben sie eine Rede des Bundestagspräsidenten zum Holocaust mit "Ich kann's nicht mehr hören" kommentiert. Ich weiß es, denn ich war live dabei.

Es ist eine Schande für Deutschland, wenn mit der AfD-Fraktion Rechtsextreme, Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker einen direkten Ansprechpartner im Bundestag bekommen. Als Polin macht es mir natürlich Sorgen, dass eine im Bundestag vertretene Partei in ihrer Mitte Mitglieder toleriert, die die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen wollen.

Als Mensch bedrückt es mich, dass das Beschimpfen meiner muslimischen Freunde nun im ganz großen Plenum stattfinden darf. Und als Deutsche frage ich mich, ob wir nicht gut daran beraten wären aus der Geschichte zu lernen. Angst für Deutschland macht keine gute Politik."

"Die Zeit der Gegenrevolution hat begonnen"

marie

Marie von den Benken, Kolumnistin und Model

"So wie der 30. Januar 1933 das Ende der Weimarer Republik bedeutete, bedeutet der 24. September 2017 das Ende der nazifreien Zeit im Reichstag. Damals empfanden viele Deutsche die politische Lage in ihrem Land als 'demokratisches Chaos' und wandten sich der NSDAP zu.

Heute hat es die AfD geschafft, mit Themen wie Flüchtlinge (die sie konsequent Migranten nennen) und Islam (der ausschließlich im Kontext mit Terror genannt wird) wieder die ersten Massen dazu zu bewegen, der Demokratie einen Denkzettel verpassen zu wollen. Aber Protest kann man nicht wählen. Menschlichkeit schon. Und hier verlieren wir dann alle.

Alle, die sich monatelang in liberaler Hysterie über die AfD echauffiert oder lustig gemacht haben. Alle, die mit verheerend unsinnigen Aktionen wie der Übernahme vieler AfD-Fanseiten auf Facebook das Bild einer Opfer-Partei, die "von oben" gemaßregelt werden soll, weil sie die einzigen sind, die die Wahrheit aussprechen, befördert haben. Alle, die wir der AfD damit ein Full House in die Karten gespielt haben. Wir alle haben versagt.

Wir alle müssen darauf vorbereitet sein, dass Deutschland sich mit der AfD im Bundestag verändern wird. Dass das Land sich spalten wird. Aber wir sollten dabei eines nie vergessen: 1933 darf sich niemals wiederholen. Nicht im Ansatz, nicht im Entferntesten. Das ist die größte Aufgabe unserer Generation in diesem Land. Stellen wir uns ihr.

Damals wie heute gibt es viele Anzeichen dafür, was bestimmte Ideologien verbrechen können. 1933 war es zu spät, die größte Katastrophe menschlichen Verbrechens zu verhindern, von der ich je gehört habe. Heute ist es noch nicht zu spät - aber wir müssen aufwachen. Die Zeit der Gegenrevolution hat begonnen."

Den Beitrag in voller Länge lest ihr hier.

Mehr zum Thema: Wir waren eine Woche auf Wahlkampf-Veranstaltungen der AfD - das haben wir gelernt

"Das Licht der Aufklärung verlischt zum zweiten Mal"

kaleri

Anna Kaleri, Initiatorin "Literatur statt Brandsätze"

"Das ist jetzt zu erwarten: Die durch Dauerhetze aufgestachelten Unzufriedenen werden ihre Stunde gekommen sehen und sich aufgrund der parlamentarischen Legitimation der von ihnen gewählten Partei im Alltag Macht anmaßen und Ihre Wut an Sündenböcken auslassen.

Ich möchte mir nicht vorstellen, dass das Licht der Aufklärung und des Humanismus in Deutschland zum zweiten Mal verlischt.

Ich möchte in einem Land leben, in dem jeder seiner Bewohner in seiner Einzigartigkeit in Ruhe leben und sich frei entfalten kann. Das scheint utopischer denn je. Aber im Gegensatz zu zerstörerischen Utopien setzen konstruktive Utopien konstruktive Energie frei."

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"Grenzen zwischen Konservativ und Rechts werden deutlich"

bednarz

Liane Bednarz, Juristin und Buchautorin

"Was wird der Einzug der AfD in das Hohe Haus bedeuten? Wird die Partei zu einer Verrohung des Debattenklimas beitragen? Wird sie sich, worauf viele hoffen, selbst zerlegen? Wird sie inhaltliche Dürftigkeit in machen Feldern zeigen? Und was wird all das für Folgen für die Demokratie haben?

Radikale Debattenbeiträge zu erwarten

Angesichts der zu erwartenden, in etwa zur Hälfte durch den rechten Flügel geprägten Zusammensetzung der Fraktion wird es gewiss viele radikale und schrille Debattenbeiträge geben. Damit dürfte viel deutlicher als bisher offenbar werden, dass es sich dabei keineswegs um Einzelfälle handelt, sondern dass diese inzwischen die Partei deutlich mitprägen.

In den Landtagsfraktionen der AfD ist das schon länger zu beobachten, nur bleibt dies weitgehend unter dem Radar einer größeren Öffentlichkeit, denn wer schaut sich schon die Übertragung von Landtagsdebatten an?

Das wird sich nun ändern und könnte vor allem Konservativen, die von der CDU enttäuscht sind, klarmachen, dass, wie Matthias Geis es aktuell in der 'Zeit' ausdrückt, sich alle Themen, die auch Unionspolitiker umtreiben, bei der AfD ins 'nun einmal Schrille und Radikale gesteigert (finden)'.

Das kann CDU und CSU die Chance geben, ihre eigenen konservativen Flügel zu stärken, so sie es schaffen, diesen wieder mehr Raum zu geben und so diese selbst Maß und Mitte halten und deutlich machen, wo die Grenze zwischen konservativ und rechts liegt."

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"Einschnitt in die Geschichte des deutschen Parteiensystems"

patzelt

Werner Patzelt, Professor für Politikwissenschaften an der TU Dresden

"Die AfD im Bundestag markiert einen Einschnitt in der Geschichte des deutschen Parteiensystems und ist die Folge politischer Torheit.

Der Einschnitt besteht darin, dass nun erstmals seit den Gründungswahlen der Bundesrepublik wieder eine Partei klar rechts von der Union auf bundespolitischer Ebene agieren kann. Das mag der CDU/CSU dauerhaft die gleichen Probleme bescheren, wie sie seit 1983 die SPD hat, als nämlich die Grünen zur linken Bundestagspartei aufstiegen.

Raufen sich in den nächsten Wochen nicht Union, FDP und Grüne zu einer Regierung zusammen, falls Schwarz-Gelb keine Mehrheit erreicht, so wird die AfD die einzige umfassende Alternative zu einer dann weiterregierenden Großen Koalition sein. Das aber wirkte für die AfD wie ein Überlebens- und Mästungsprogramm.

Im Übrigen wird sich das Plenum des Bundestags rasch als jener "Resonanzboden des öffentlich Zumutbaren" erweisen, auf dem klar wird, wo - aus guten Gründen - die Grenzen von Anstand sowie des Sagbaren liegen. Das kann Bundestagsdebatten wieder spannend machen - und wird das Schicksal der AfD prägen. Denn eine 'NPD light' wird in offene Messer laufen und untergehen."

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2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

(ll)

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