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25/09/2017 08:19 CEST | Aktualisiert 25/09/2017 09:34 CEST

"Deutschland rückt nach rechts": So kommentiert die deutsche Presse das Wahlergebnis

  • Die deutsche Presse versucht die Gründe für die Wahlniederlagen von Union und SPD herauszufinden

  • Und kommentiert den Erfolg der AfD mit Sorge

  • Mehr Kommentare seht ihr oben im Video

Es war ein denkwürdiger Abend. "Was ist eigentlich euer Problem in Sachsen", fragte "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt etwas ratlos auf Twitter.

In dem ostdeutschen Bundesland schaffte die AfD einen traurigen Erfolg: Sie erhielt die meisten Stimmen, noch vor der CDU.

Die Bundestagswahl bietet viel Diskussionsstoff für die Medien. Die Presse beschäftigt sich nach dieser Bundestagswahl vor allem mit vier Fragen:

Warum hat die Union so überraschend wenige Stimmen geholt? Was hat die SPD falsch gemacht? Was bedeutet der Wahlerfolg der AfD für die Zukunft der Bundesrepublik? Und wie geht es jetzt überhaupt weiter?

Die Pressestimmen in der Übersicht:

1. Der "Albtraum-Sieg" der Kanzlerin

Die Union wird mit 33 Prozent der Stimmen zwar stärkste Kraft im Bundestag, aber bleibt doch sehr hinter den eigenen Erwartungen zurück.

Von einem "Albtraum-Sieg" für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht die "Bild"-Zeitung und kommentiert: “Es hätte noch schlimmer sein können. Aber nicht viel mehr.”

"Merkel hat doch nicht so viele Wähler bezirzt, wie es noch bis vor vier Wochen aussah, weswegen sogar die CSU mit dem Konterfei der Kanzlerin warb", kommentiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ"). Der mögliche Grund?

Der "als abgeworfen betrachtete Ballast der Grenzöffnung" habe plötzlich wieder auf der Union gelastet. Und Merkel habe trotzig "Je ne regrette rien" gesummt, statt sich mögliche Fehler einzugestehen.

"Daraufhin sang auch die AfD wieder dankbar ihre alten Lieder." Herausgekommen sei eine Schlappe für die Union - und ein Erfolg für die AfD.

Die "Schwäbische Zeitung" sieht Merkel auch als die größte Verliererin der Wahl: "Die Bundeskanzlerin verantwortet ein unerwartet schlechtes Wahlergebnis, das im Inland wie im Ausland je nach politischer Ausrichtung für Unruhe oder Genugtuung sorgen wird."

Die Zeitung kommentiert aber, die Wahlkampfstrategie der CDU/CSU sei an dem Debakel Schuld - denn die Union habe diese nur um Merkel herum aufgebaut.

2. Das Schulz-Desaster

Für die SPD bedeuten die 20,5 ein Debakel - und ihr zugleich schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl.

Dem Kandidaten allein die Schuld daran zu geben, wäre zu kurz gegriffen, kommentiert "Focus Online": "Schuld trägt auch die Partei, die es ihren Spitzenkandidaten stets so schwer wie möglich zu machen scheint."

Die Partei habe sich nicht deutlich hinter ihren Kandidaten gestellt. Außenminister Sigmar Gabriel habe sich immer wieder selbst ins Rampenlicht gedrängt, auch Arbeitsministerin Andrea Nahles habe sich mit Unterstützung zurückgehalten.

Der Berliner "Tagesspiegel" analysiert die Niederlage der Sozialdemokraten anders. Natürlich trage Schulz als Spitzenkandidat die Hauptverantwortung.

"Den Wahlkampf auf das Thema Gerechtigkeit zu verengen, war nicht sein einziger, aber sein wohl folgenschwerste Fehler", kommentiert der "Tagesspiegel". Gerechtigkeit als Thema allein reiche nicht, um das Kanzleramt zu erobern.

Dafür müsse die SPD schon eine "Vision von einem modernen Deutschland mitbringen, und die war bei Schulz nicht zu erkennen."

Die "FAZ" kommentiert das Abschneiden der SPD düster: Der Partei drohe, "von der Volkspartei über die Programmpartei direkt zur Sektiererpartei zu schrumpfen."

Gründe für die schrumpfende SPD gebe es viele, aber keiner sei wirklich ausschlaggebend. Noch immer könne sich die SPD nicht aus dem Schatten der Agenda-Politik von Gerhard Schröder befreien.

Die Sozialdemokraten seien thematisch einfach schlecht aufgestellt, so das Fazit der "FAZ": “Wirtschaftskompetenz? Innere Sicherheit? Vor allem aber: kontrollierte Migration? Fehlanzeige!”

3. “Deutschland rückt nach rechts”

Viele Kommentare widmen sich dem Erfolg der AfD. "Das Land rückt nach rechts", schreibt die "Rheinische Post" ("RP") kurz und knapp.

“Mit unüberhörbarem Lärm und mehr als 80 Abgeordneten zieht eine Partei in den Bundestag ein, die sich als Anti-Establishment profilierte, dabei Ressentiments gegen Fremde schürte und den Konsens der Demokraten umdefinieren möchte, dass die Erinnerung an den Holocaust nur eine der Scham und der Verantwortung für ein "Nie wieder" sein kann”, heißt es in dem Kommentar.

Das "RP"-Fazit kommt mit nur einem Wort aus: "Traurig!"

"Spiegel Online" sieht bei dieser Wahl nur Verlierer: Denn die AfD hat es in den Bundestag geschafft - und "die anderen haben das nicht verhindert”. Es sei ein Denkzettel für die etablierten Parteien. Fraglich ist nur, ob die Politiker diesen Zettel auch lesen würden.

"Die anderen Parteien haben sich nicht ausreichend um diese Ängste bemüht. Die AfD war, wenn man so will, näher dran am Volkszorn", kommentiert "Spiegel Online".

Was bedeutet dieser Sieg der Rechtspopulisten für Deutschland? In einem Kommentar spricht ZDF-Journalist Elmar Theveßen von einer "ernsten Gefahr" für die Demokratie. Die AfD machen den Begriff "Volkswillen" zu ihrer Waffe.

“Wer anderer Ethnie, Religion, anderer Partei oder nur anderer Meinung ist, kann zum Volksfeind erklärt werden. In diesem Sinne ist die AfD durch und durch autoritär und damit gefährlich für Parlamentarismus und Pluralismus in unserer Gesellschaft”, schreibt Theveßen.

Die Wähler der AfD aber seien keine Rechtsradikalen oder Rechtsextremen. "Die Regierungsparteien haben Sorgen vieler Bürger zu lange, zu wenig beachtet", heißt es in dem Kommentar. "Das muss sich ändern!"

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4. Oh, wie schön ist Jamaika?

Die wichtigste Frage ist nun: Können sich die Union, die Grünen und die FDP zusammenraufen für ein Regierungsbündnis? Die SPD hat gleich nach Bekanntgabe der ersten Prognosen am Wahlabend eine Fortsetzung der Großen Koalition ausgeschlossen.

Scheint nun die Sonne für ein Jamaika-Bündnis, fragt ein Kommentar der "Westfälischen Nachrichten". Die Antwort:

"Diese Dreifarben-Koalition wäre zweifellos ein waghalsiges politisches Experiment auf maximal kleinstem gemeinsamem Nenner - womöglich aber zusammengeschweißt aus der staatspolitischen Verantwortung, angesichts einer erschreckend starken AfD im Bundestag eine möglichst stabile Regierung bilden zu wollen."

Das Bündnis mit seinem karibischen Inselflair klinge immer noch "exotisch und nach Parteigezänk", kommentiert der "Kölner Stadt-Anzeiger". Dennoch müsse diese Option mit großer Ernsthaftigkeit ausgelotet werden.

"Ein Neustart mit Schwarz-Grün-Gelb und mit der SPD in der Opposition, wo sich die schwer geschlagene Partei neu finden kann, verspricht Vorteile auf vielen Ebenen." Das Wahlergebnis zeige, dass viele Deutsche einen Wechsel herbeigesehnt hätten.

Die Große Koalition habe sich nicht als "Fortschrittsmotor" hervorgetan. Gerade die FDP könne das mit ihrem Fokus auf Digitalisierung und Bildung besser machen in der Regierung.

Das Fazit der "Kölner Stadt-Anzeigers": "Die Wahl vom Sonntag, das steht fest, verändert unser Land. Viel stärker, als die meisten von uns ahnen."

Mit Material der dpa.

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