Der AfD-Effekt: Ein Experte erklärt, warum die hohe Wahlbeteiligung vor allem den Rechtspopulisten genützt hat

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Die AfD zieht mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag ein - und profitiert von der Wahlbeteiligung | Wolfgang Rattay / Reuters
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  • Jetzt ist es passiert: Die AfD sitzt im Bundestag - und das direkt als drittstärkste Kraft
  • Die Partei hat bei ihrem Ergebnis massiv von der gestiegenen Wahlbeteiligung profitiert
  • Ein Experte erklärt, wie es dazu kam

Die AfD ist ein Phänomen. Genauer gesagt: Ein Nichtwähler-Phänomen. Und genau deshalb hat sie von der gestiegenen Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl profitiert.

Das klingt zunächst paradox - ist es doch ausgemacht, dass eine höhere Wahlbeteiligung dafür sorgt, dass extreme Randparteien schlechtere Ergebnisse einfahren. Doch für die AfD gilt diese Annahme nicht.

Ganz im Gegenteil.

Der AfD-Effekt

Denn die AfD ist nicht nur Profiteur der gestiegenen Wahlbeteiligung - sie ist zu einem großen Teil auch ihre Ursache. Robert Vehrkamp, Direktor des Programms “Zukunft der Demokratie” bei der Bertelsmann Stiftung, nennt das den AfD-Effekt.

Er beschreibt, dass es der AfD bei Wahlen gemeinhin gelingt, eine große Menge an Nichtwählern für sich zu gewinnen. Bei der Bundestagswahl waren es geschätzt fast 1,5 Millionen dieser Nichtwähler, die von den Rechtspopulisten mobilisiert wurden.

Nach Abzug der Abwanderung von ehemaligen Wählern ins Nichtwähler-Milieu der mit weitem Abstand höchste Wert unter allen Parteien.

"Der AfD-Effekt ist eingetreten", sagt Vehrkamp der HuffPost. "Die AfD hat nach den bisher vorliegenden Zahlen etwas mehr als ein Viertel ihrer Wähler aus dem Bereich der Nichtwähler geholt."

Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung gestiegen: Von etwa 71,5 Prozent im Jahr 2013 auf 76,2 Prozent bei dieser Wahl.

Alles Dank der AfD, glaubt Vehrkamp: Das Plus von 1,5 Millionen ehemaligen Nichtwählern, die sich diesmal für die AfD entschieden hätten, würde umgerechnet dem Großteil der Zahl an Prozentpunkten entsprechen, um die die Wahlbeteiligung insgesamt gestiegen sei.

Das zeige auch, warum keine der anderen Parteien so richtig von der höheren Wahlbeteiligung profitiert hat.

Die gescheiterte Gegenmobilisierung der etablierten Parteien

"Die etablierten Parteien haben den Kontakt in die typischen, sozial prekären Nichtwähler-Milieus verloren", erklärt Wahlforscher Vehrkamp. Die sogenannte etablierte Gegenmobilisierung sei weitgehend ausgeblieben.

Gerade diese war etwa bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen noch erfolgreich gewesen.

Auch hier mobilisierte die AfD Nichtwähler, etwa 120.000. Doch eben so viele aktivierte auch die FDP, die SPD konnte sogar 360.000 Nichtwähler für sich gewinnen - und die CDU nahezu 500.000. Der AfD-Effekt wurde ausgeglichen und sogar weit übertroffen.

Dabei konnten sich die etablierten Parteien auf die Sorte Nichtwähler verlassen, die bei Landtagswahlen normalerweise zuhause bleibt, aber bei den Bundestagswahlen aktiv wird. Diese stille Reserve haben CDU, SPD und Co. bei der NRW-Wahl gegen die AfD aktiviert.

Das Problem: Bei der Bundestagswahl reichte diese stille Reserve der "politischen Nichtwähler" nicht aus, um die eigenen Verluste an die AfD, andere Parteien und ins Nichtwähler-Milieu auszugleichen.

Die CDU konnte so zwar fast 2 Millionen Nichtwähler aktivieren - doch gleichzeitig gingen knapp 1,6 Millionen CDU-Wähler von 2013 dieses Mal nicht zur Wahl. Eine weitere Million entschied sich diesmal lieber für die AfD.

Darüber hinaus gilt: Es wurden bei dieser Wahl vor allem auch die sozial-prekären Nichtwähler mobilisiert - und das zu Gunsten der Rechtspopulisten.

Das Problem der sozial gespaltenen Wahlbeteiligung

Robert Vehrkamp ist davon überzeugt, dass die etablierten Parteien aus diesen typischen Milieus von Nichtwählern keine Stimmen gewonnen haben. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich eigentlich aus dem politischen System ausgeklinkt haben, die sich bewusst nicht an Wahlen beteiligen.

Bis jetzt.

Der AfD ist es gelungen, diese notorischen Nichtwähler an die Wahlurnen zu treiben. "Die AfD hatte ein unglaublich mobilisierendes Thema: Die Flüchtlingskrise", sagt Bertelsmann-Experte Vehrkamp. "Ohne dieses Thema hätte dieser Wahlabend ganz anders ausgesehen."

Für die Bundestagswahl bedeutet das: Der AfD-Effekt hat die etablierte Gegenmobilisierung geschlagen. Letztere fand zwar statt, wurde aber durch anderweitige Verluste komplett untergraben.

Zwar gingen insgesamt weniger System-Gegner als System-Befürworter unter den ehemaligen Nichtwählern zur Wahl. Doch gleichzeitig sind auch viele ehemalige Wähler der etablierten Parteien zu Nichtwählern geworden.

Für unsere Gesellschaft hat das weitreichende Folgen.

Wahlforscher Vehrkamp sagt: "Die etablierten Parteien haben das Problem der sozial gespaltenen Wahlbeteiligung unterschätzt - und der AfD das Feld überlassen."

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

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(ben)

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