So reagieren die Grünen auf ihren Überraschungserfolg bei der Bundestagswahl

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GOERING ECKARDT
Eine Partei atmet auf. Und weiß, dass schwierige Wochen kommen. | Fabrizio Bensch / Reuters
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  • Die Hochrechnungen lassen die Grünen jubeln - auch wenn sie nicht die drittstärkste Partei sind
  • Eine Jamaika-Koalition steht im Raum
  • Schwierige Wochen stehen nun für die Grünen an

Der Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt stehen Tränen der Erleichterung in den Augen, als sie über den grünen Laufsteg zum Mikrofon geht. Cem Özdemir neben ihr ist die Anspannung noch ins Gesicht geschrieben.

"Wer hätte das gedacht?", ruft ihnen ein Grüner durch den Jubel zu. "Wer hätte das gedacht?", wiederholt Göring-Eckardt ins Mikrofon.

Eine Partei atmet auf. Und weiß, dass schwierige Wochen kommen.

Butikofer: "Wir sind kein gerupftes Hühnchen"

Selbst die Optimisten in der Ökopartei hatten kaum noch auf ein besseres Ergebnis als vor vier Jahren zu hoffen gewagt. Die 8,4 Prozent waren damals eine schlimme Schlappe.

Zweistellig und dritte Kraft im Bundestag, das offizielle Wahlziel, ist nicht erreicht. Am Sonntagabend ist das fast egal.

Dass die ersten Prognosen wohl doch etwas zu optimistisch waren, kann die Stimmung nicht trüben. Wenn die Grünen jetzt eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP sondieren, dann sind sie kleinster Partner - aber kein einfacher, versichert Özdemir.

"Wir sind kein gerupftes Hühnchen, über das sich die anderen hermachen können", frohlockt Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer.

"Es muss mehr kommen als ein bisschen Öko"

Die Grünen wollen nun drei Ministerien, sie wollen Zugeständnisse beim Kohleausstieg, bei Elektroautos - aber das wird nicht reichen. "Es muss mehr kommen als ein bisschen Öko", sagt schon jetzt ein Vertreter des linken Parteiflügels. Auch in der Sozialpolitik müssten Erfolge her.

Klappt das mit Union und FDP? Oder wird, wie bei den Grünen manche orakeln, die CSU das Bündnis verhindern, um vor der bayerischen Landtagswahl 2018 nicht die eigene Klientel zu erzürnen?

Sondiert wird Jamaika auf jeden Fall, die SPD will sich nach ihrer historischen Niederlage in der Opposition berappeln. Das macht Druck auf die Grünen - haut Jamaika nicht hin, drohen Neuwahlen.

Aber die Zeichen stehen auf Erfolg. Denn zwei Dinge sind anders als 2013:

1. Grünen werfen ihren Spitzenpolitikern keine groben Fehler vor

Grobe Fehler wirft den beiden Spitzenkandidaten keiner vor. Keine Steuerforderungen, kein Veggie-Day, keine Pädophilie-Debatte drückten die Umfragen in den Keller wie 2013.

Die interne, nicht allzu laute Kritik lautet: Nicht kämpferisch genug, zu unklar, zu sehr auf Schwarz-Grün gerichtet. Auch eine offene Flanke in der Asylpolitik wird genannt.

Aber vorherrschend war das große Fragezeichen, als die Umfragen im einstelligen Bereich stagnierten: Warum wollen die Leute uns nicht wählen? Obwohl Öko-Themen wie Autoabgase und sogar sterbende Bienen es auf Titelseiten schaffen?

2. Schwarz-Grün ist dieses Mal denkbar

Vor vier Jahren war ein erheblicher Teil der Partei strikt gegen Schwarz-Grün, diesmal sprechen auch die Linksgrünen viel von staatsbürgerlicher Verantwortung. Das Argument, dass noch einmal vier Jahre große Koalition schlecht für das Land wären, nehmen sie sehr ernst - auch wenn manchen die Oppositionsrolle lieber wäre.

Für die Spitzenkandidaten stand viel auf dem Spiel, sie haben ihren realpolitischen Kurs gegen manche Widerstände durchgesetzt. Größere Personalrochaden sind unwahrscheinlich, solange sondiert und verhandelt wird.

Auch Jürgen Trittin ist dafür fest eingeplant - als einer, der bei Linksgrünen weiterhin großen Einfluss hat. Die Hoffnung: Wirbt Trittin für Schwarz-Gelb-Grün, der Mann, der 2013 nichts von Schwarz-Grün hielt, dann wird die Basis wohl folgen. Die muss einen Koalitionsvertrag in einem Mitgliederentscheid absegnen.

An diesem Montag tagen die Parteigremien, am Dienstag kommen alte und neue Abgeordnete zusammen. Am Samstag entscheidet dann ein kleiner Parteitag in Berlin, genannt Länderrat, formell über die Sondierung mit Union und FDP. Man werde die Einladung zum Gespräch annehmen, sagt Özdemir schon jetzt.

Aber es wird wohl trotzdem einen Wechsel an der Partei- und Fraktionsspitze geben

Bei aller Erleichterung: Über die Neubesetzung der Partei- und Fraktionsspitzen wird intern unabhängig vom Wahlergebnis längst gesprochen. Özdemir hat angekündigt, dass er nach neun Jahren nicht noch einmal Parteichef werden will. Amtskollegin Simone Peter will wieder antreten, aber viele Parteifreunde bezweifeln, dass sie sich durchsetzen würde.

Robert Habeck ist der Name, der am häufigsten fällt. Im Gespräch sind auch jüngere Bundestags-Abgeordnete wie Annalena Baerbock, Franziska Brantner oder Konstantin von Notz. Aber auch der Europapolitiker Sven Giegold und der bisherige Parteimanager Michael Kellner, und noch einige andere. Der Wunsch nach Erneuerung ist da.

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(cho)

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