Schulz schaltet in der Elefantenrunde auf Opposition - seine Abrechnung mit Merkel ist gnadenlos

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  • SPD-Chef Schulz hat CDU-Chefin Merkel in der Elefantenrunde scharf angegriffen
  • Beobachter sind fassungslos - denn genau darauf hatten alle im Wahlkampf nahezu vergeblich gewartet
  • Eine Zusammenfassung seht ihr auch im Video oben

Das darf nicht wahr sein. Eines der großen Probleme des Wahlkampfs war, dass sich Union und SPD kaum unterschieden haben. Dass sich die Spitzenkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) mehr in Harmonie denn in Wettstreit geübt haben.

Und beim ersten Aufeinandertreffen nach der Wahl, in der sogenannten Elefantenrunde am Sonntagabend in ARD und ZDF, ging Schulz Merkel in beispielloser Schärfe an.

Schon vor der Sendung hatte Schulz in Interviews der Kanzlerin "Wattebausch-Politik" und "Schlaftabletten-Strategie" vorgeworfen. Um in der Runde der Spitzenkandidaten der Parteien dann Merkel einen "skandalösen" Wahlkampf zu unterstellen. Ihre "systematische Verweigerung von Politik" habe ein Vakuum entstehen lassen, das die AfD teils geschickt genutzt habe. Jemand habe Merkel einmal als "Ideenstaubsauger" bezeichnet, das finde er sehr treffend.

Dass die Union etwa acht Prozentpunkte verloren habe, sei eine "verdiente Niederlage", sagte Schulz, für die Merkel die "große Verantwortung" trage.

Schulz verspricht "scharfe Opposition"

Schulz sagte, er erwarte eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Und versprach eine "scharfe Opposition".

Diese Festlegung auf die Opposition wiederum hielten Union und FDP nicht für lauter. Rechnerisch ist eine Große Koalition ebenso denkbar wie eine Jamaika-Koalition. Merkel wiederholte fast mantraartig, dass es ihr Ziel sei, eine stabile Regierung zu bilden.

Soll heißen: Sie will derzeit zumindest öffentlich eine Große Koalition nicht ausschließen.

Lindner warf Schulz vor, Jamaika für falsch zu halten, aber nichts dagegen zu tun. Wie man das als verantwortliches Handeln bezeichnen könne? "Für eine solche Haltung hätte sich Helmut Schmidt geschämt!" Die FDP werde nicht zulassen, dass die Liberalen in die Regierung gezwungen würden.

Dass Lindner sich der Union nicht an den Hals wirft, war zu erwarten – je stärker er taktiert, desto mehr wird er in Koalitionsverhandlungen herausschlagen können.

"Es ist ein starkes Stück, was Sie hier sagen"

Schulz keilte zurück: "Wenn es eine Partei gibt die Verantwortung ernst genommen hat, dann die Sozialdemokratie." Direkt an Merkel gewandt sagte er: "Es ist ein starkes Stück, was Sie hier sagen!" Er habe sie bei seinem Antritt als SPD-Chef angerufen und gesagt: "Sie können sich auf uns verlassen!" Jetzt aber sei die Große Koalition abgewählt. "Sie sind die stärkste Verliererin!"

Schulz' Konzentration auf die Opposition ist nachvollziehbar. Experten glauben, dass von der SPD nach einer weiteren Legislaturperiode de facto nichts mehr vorhanden wäre, dass sie als erneuter Juniorpartner unterginge. Und nicht nur die SPD wäre froh, wenn nicht die AfD Oppositionsführer würde.

Trotzdem wünscht man sich einfach, die großen Parteien hätten vor Wochen Tacheles geredet. Jetzt ist es zu spät.

Da bleibt nur Galgenhumor, wie sie ihn die Satiresendung "Extra 3" twittert: "Wenn man dem Schulz so zuhört, wie der Merkel scharf angreift ... Der wäre doch mal ein guter SPD-Kanzlerkandidat!"

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(jg)

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