POLITIK
24/09/2017 20:25 CEST | Aktualisiert 25/09/2017 07:58 CEST

Blitzanalyse: Das bedeutet die Bundestagswahl für Deutschland

Wolfgang Rattay / Reuters
Deutschland hat gewählt. Und für die Volksparteien gibt es an diesem Abend nichts zu feiern. Das Bild ist trist.

  • Die Volksparteien stehen nach der Wahl vor einem Scherbenhaufen

  • Vor allem in zwei Bereichen haben sie es nicht geschafft, die Wähler für sich zu gewinnen

Deutschland hat gewählt. Und für die Volksparteien gibt es an diesem Abend nichts zu feiern.

Das Bild ist trist.

Angela Merkel fährt ihr schlechtestes Ergebnis als CDU-Spitzenkandidatin ein, wahrscheinlich ist es das schlechteste Ergebnis der CDU seit 1953. Auch die SPD ist massiv abgestürzt - sie landet bei historisch schlechten 20,5 Prozent.

Die Wahl war ein Denkzettel für die Volksparteien und die GroKo.

Triumphiert haben die kleinen Parteien, hier vor allem die AfD und die FDP.

Millionen sind abgehängt

Wie ist das Ergebnis zu bewerten - und was bedeutet es für die kommenden vier Jahre?

Zuerst einmal zu denen, die das Land in den vergangenen vier Jahren regiert haben.

Die Große Koalition war sehr erfolgreich, keine Frage. Deutschland und seinen Bürgern geht es so gut wie lange nicht. Die Wirtschaft brummt, Deutschland ist angesehen in der Welt.

Aber es gibt viele Millionen Deutsche, bei denen der Aufschwung der vergangenen Jahre nicht angekommen ist.

Soziale Gerechtigkeit, so zeigten es viele Umfragen vor der Wahl, war für die Wähler eines der entscheidenden Themen.

SPD und Linke können nicht profitieren

Laut Zahlen der ARD sagen 66 Prozent derjenigen, die bei dieser Wahl nicht mehr für die CDU gestimmt haben: Ein Grund, sich gegen die Union zu entscheiden, war, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren weiter geöffnet hat.

Mehr zum Thema: Wir waren eine Woche auf Wahlkampf-Veranstaltungen der AfD - das haben wir gelernt

Die Folge: Von der CDU sind von allen Parteien am meisten Wähler zur AfD gewandert.

Die Frage, die sich stellt: Warum hat die SPD von dieser Unzufriedenheit nicht profitiert? Und das, obwohl der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz die soziale Frage von Anfang in den Vordergrund gerückt hat?

Noch gibt es dazu keine Zahlen.

Aber nahe liegt: Die unzufriedenen Wähler haben die SPD für die Bilanz der vergangenen vier Jahre mitverantwortlich gemacht. Obwohl Schulz nicht in der Regierung saß, war er beim Thema soziale Gerechtigkeit offensichtlich nicht glaubwürdig. Auch die Linke konnte davon nicht profitieren - sie hielt ihr Ergebnis von vor vier Jahren.

Die AfD ist inzwischen ein Lebensgefühl

Neben der sozialen Frage gab es aber noch ein zweites Superthema bei dieser Wahl: die kulturelle Frage.

Im Wahlkampf der AfD klang immer wieder durch, gegen wen die Partei eigentlich antritt: Gegen einen vermeintlich linken Mainstream in Politik und Medien. Gegen eine Republik, in der sich viele Menschen politisch und ideologisch nicht mehr heimisch fühlen. "Wir holen uns unser Land zurück", posaunt die AfD und spricht damit vielen Menschen aus der Seele.

Die AfD ist inzwischen für viele mehr als eine Partei - sie ist eine Art Lebensgefühl.

Kein Wunder, dass die Rechtspopulisten das Potenzial der kulturell Unzufriedenen im Land aufgefangen haben, vor allem in Ostdeutschland.

Dort wurde die AfD zweitstärkste Partei. In Sachsen wurde sie gar stärkste Partei.

Die AfD hat mit ihrem "Wir gegen die" massiv Nichtwähler mobilisiert. Und sie diente als Hafen für alle, denen die Union nicht mehr konservativ genug war. Selbst im konservativen Bayern landete die AfD bei mehr als zehn Prozent der Stimmen.

Zwar versuchten einzelne in der Union - vor allem Staatssekretär Jens Spahn -, das konservative Profil der Union zu schärfen. Die CSU versuchte mit einem eigenen Bayernplan samt Obergrenzen-Forderung, konservative Wähler zu halten.

Um Angela Merkel wird es einsam

Vergeblich.

Angela Merkel hat die Union in den vergangenen Jahren zu weit nach links in die Mitte gerückt, als dass sie den rechten Rand noch glaubwürdig in die Partei integrieren kann.

Mehr zum Thema: Zwischen Protest und purer Verzweiflung: Bei diesen Wählergruppen hat die AfD besonders gut abgeschnitten

Das Problem für Merkel: In der Mitte scheint die CDU unwillkommen. Das zeigt das starke Abschneiden der FDP und der Grünen. Die Liberalen feiern einen triumphalen Wiedereinzug in den Bundestag. Die Grünen schneiden sehr viel besser ab als in den Umfragen vor der Wahl.

Um Angela Merkel, das zeigt die Wahl, wird es einsam.

Hat die große Taktiererin sich verkalkuliert? Es scheint an diesem Wahlabend so. Ihre Verhandlungsposition mit der FDP und Grünen für eine Jamaika-Koalition ist denkbar schwach.

Die Zeit nach Merkel hat begonnen. Sie wird wohl von der AfD, der FDP und den Grünen geprägt.

Bundestagswahl 2017: Alle wichtigen Ereignisse zur Wahl im Überblick in unserem Liveblog

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(lk)

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