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24/09/2017 15:00 CEST | Aktualisiert 24/09/2017 16:39 CEST

In Deutschland regiert die mächtigste Frau der Welt - und doch hat das Land ein Frauenproblem

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In Deutschland regiert die mächtigste Frau der Welt - und doch hat das Land ein Frauenproblem

  • Seit 12 Jahren wird Deutschland von einer Frau regiert - doch an der Situation für Frauen hat sich seitdem wenig getan

  • Im Gegenteil, noch immer hinkt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich hinterher, was Gleichberechtigung angeht

Als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, hörten kleine Mädchen auf einmal den Satz: "Du wächst jetzt in einem Land auf, in dem Frauen alles werden können - auch Bundeskanzlerin".

Und die Hoffnung bestand wirklich, dass Frauen nun endlich eine größere Rolle spielen würden - in den Parlamenten, in Unternehmen und in der Wissenschaft.

Zwölf Jahre später ist Merkel immer noch Kanzlerin. Doch die Situation von Frauen hat sich wenig verbessert. In einigen Winkeln unserer Gesellschaft sind Frauen sogar auf dem Rückzug. In der Politik zum Beispiel.

Kaum Frauen in der Politik

Nach der Bundestagswahl werden so wenig Frauen im Bundestag sitzen wie zuletzt vor 15 Jahren: Aktuell liegt der Frauenanteil noch bei rund 37 Prozent - in der neuen Legislaturperiode wird der Anteil auf 31 Prozent sinken, schätzt die Plattform "Mandatsrechner".

Nur 8,2 Prozent der Oberbürgermeister in Deutschland sind Frauen - 2008 lag der Anteil laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung noch bei fast 18 Prozent.

Frauen sind damit in der deutschen Politik so schlecht repräsentiert wie seit Jahren nicht.

Ein ähnliches dunkles Bild zeigt sich in der Wirtschaft.

Wenige weibliche Chefs

In den Vorständen der börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt der Anteil der Männer laut einer Studie der Allbright Stiftung bei 93 Prozent. Noch krasser: 49 der CEOs heißen Thomas oder Michael - das sind mehr als die 46 weiblichen Chefs.

Auch im Mittelstand herrscht bei den Führungskräften eklatanter Frauenmangel. Nur vier Prozent der Chefs im sogenannten deutschen Motor sind weiblich.

Und dennoch hat Deutschland bei vielen Beobachtern im Ausland ein ganz anderes Image. Dort wirkt unser Land weit moderner und progressiver, als es eigentlich ist, resümierte kürzlich sogar die “New York Times”.

Das liegt in erster Linie an dem Image von Kanzlerin Merkel, der mächtigsten Frau der Welt.

Mehr zum Thema: Frauen-Gipfel in Berlin: Eine Frage bringt Angela Merkel auf dem Podium ins Stottern

Viele Frauen arbeiten Teilzeit

Auch bei den Gehältern von Frauen schneidet Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht ab. Im Schnitt verdienen Frauen immer noch 21 Prozent weniger als Männer. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Gender-Pay-Gap bei knapp 17 Prozent.

Grund dafür ist, dass in Deutschland mit 42 Prozent überdurchschnittlich viele Frauen in Teilzeit beschäftigt sind. Im europäischen Vergleich sind es nur in Österreich und den Niederlanden mehr.

Sicher, einige wollen es so. Abertausende junge Frauen aber sehen sich gezwungen, beruflich erst einmal zurückzustecken. Der Mann macht Karriere, verdient ja auch mehr. Und irgendjemand muss sich um die Kinder kümmern, die in vielen Teilen des Landes schon mittags aus der Schule kommen.

2016 gab es nur in knapp 65 Prozent der deutschen Schulen eine Ganztagsbetreuung.

Zwar haben sich die Bedingungen in der Arbeitswelt durchaus verbessert. Die Kommunen im ganzen Land haben Abertausende neue Kitas gebaut. Viele Unternehmen versuchen, ihren Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Davon profitieren auch die Frauen.

Doch ein Land mit einem modernen Familienbild, in dem beide Eltern die Chance bekommen, sich beruflich zu entwickeln, hätte längst eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Kinder eingerichtet - und zwar von der Kita bis zur Schule.

Deutschland hingegen hat in der Ära Merkel die Herdprämie eingeführt, ein Zuschuss ausgerechnet für Mütter, die Zuhause bleiben. Dieses Geld fehlt an anderer Stelle für Ganztagsbetreuung.

Viele Frauen arbeiten Teilzeit

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland, das Land, in dem die mächtigste Frau der Welt lebt, in allen Belangen der Gleichberechtigung hinterher.

Dabei geht es durchaus anders - wie unser Nachbar Frankreich zeigt:

Hier sind die Hälfte der Département-Räte, also der kommunalen Regierung, Frauen.

Nur 30 Prozent der Frauen sind in Teilzeit beschäftigt.

Der Gender-Pay-Gap nimmt schneller ab als in allen anderen europäischen Ländern.

Und der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 120 führenden französischen Aktiengesellschaften steigt in beachtlicher Geschwindigkeit von 9 Prozent im Jahr 2009 auf 32 Prozent im Jahr 2015.

Aber woran liegt es, dass Deutschland trotz Kanzlerin so hinterherhinkt? Obwohl Merkel erreichen konnte, was sich Feministinnen weltweit als Möglichkeit für Frauen erträumt haben?

Frauen als Gebärmaschinen

In erster Linie an alten verkrusteten Strukturen, die es Frauen in vielen Bereichen schwer machen. Sie kommen teilweise noch aus der Zeit des Dritten Reichs. Für die Nazis waren Frauen vor allem eines: Gebärmaschinen für neues Kanonenfutter.

Per Gesetz wurde Frauen verboten, zuvor erlernte Berufe weiter auszuüben, ihre Bildungschancen wurden stark beschnitten.In allen Belangen hatten Frauen nur ein eingeschränktes Mitspracherecht - und waren dem Mann in jeder Hinsicht untergeordnet.

Noch 1977 mussten deutsche Frauen eine Erlaubnis ihres Mannes vorweisen, um arbeiten zu dürfen. Und erst seit 1919 dürfen sie wählen.

Diese Strukturen sitzen immer noch tief.

Noch immer gelten etwa Mütter, die ihre Kinder ganztags betreuen lassen, als Rabenmütter.

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Mama schafft das allein - die Facebook-Community für alleinerziehende Mütter: Hier könnt ihr euch über alles austauschen, was euch bewegt und begeistert

Trotz Fortschritten: Es bleibt noch viel zu tun

Auch wenn es unter Merkels Kanzlerschaft natürlich Fortschritte gegeben hat. Seit 2016 gilt die Frauenquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte von gut 100 börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen. Das Elterngeld Plus, dass alle erhalten, die während der Elternzeit wieder mit der Arbeit beginnen, wurde eingeführt.

Ex-Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) wollte mit einem Gesetz zur Offenlegung der Gehälter an der Schließung des Gender-Pay-Gaps arbeiten. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will es Frauen gesetzlich ermöglichen, von der Teil- in die Vollzeit zurückzukehren.

Wichtige Schritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung - da sind sich Frauenrechtlerinnen einig.

Aber: Angela Merkel hat damit nur sehr wenig zu tun. Die Vorschläge kommen allesamt vom Koalitionspartner SPD. Teilweise hatten die Sozialdemokraten Erfolg, oft scheiterten sie, wie Schwesig mit der Offenlegung der Gehälter, an Merkels CDU. Herausgekommen sind lahme Kompromisse, die sich Merkel auf die Fahne schreiben kann.

Es ist ein trauriges Ergebnis für Deutschland, das seit zwölf Jahren - und vermutlich bald noch vier weitere Jahre - von einer Frau regiert wird.

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(ll)