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24/09/2017 10:48 CEST | Aktualisiert 24/09/2017 10:54 CEST

Warum die AfD besonders bei jungen Menschen in Ostdeutschland so erfolgreich ist

dpa
Warum die AfD bei jungen Menschen in Ostdeutschland überraschend erfolgreich ist

  • Die AfD ist Ostdeutschland unter jungen Menschen extrem erfolgreich

  • Wir haben mit dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Frank Richter über die Gründe des Rechtsruck im Osten gesprochen

27 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland immer noch ein tief gespaltenes Land.

Wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich.

Und wer glaubt, dass die Unterschiede zwischen Ost und West bei den Älteren größer als bei den Jüngeren sind, der irrt. Das zeigt diese Bundestagswahl.

Vor allem in Ostdeutschland ist die AfD unter jungen Menschen extrem erfolgreich. Sowohl bei denen, die unter 18 sind - also den Wählern der Zukunft - als auch bei jenen, die jünger als 25 sind.

Das zeigte sich in der vergangenen Woche bei einer Testwahl für Jugendliche.

In den neuen Bundesländern schnitt die AfD teilweise doppelt so stark ab wie in Westdeutschland.

In manchen ländlichen Gegenden wurde die AfD gar stärkste Kraft.

AfD bei den jungen Menschen in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft

Auch die jüngsten Landtagswahlen deuten darauf hin, dass die jungen Menschen in Ostdeutschland sehr viel häufiger ihr Kreuz bei der AfD machen als ihre Altersgenossen im Westen.

In Sachsen-Anhalt stimmte im März 2016 zum Beispiel jeder Vierte der jünger als 25 Jahre war für die AfD. In dieser Altersgruppe war die AfD mit Abstand die stärkste Partei.

Bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war die AfD unter den jüngeren Wählern zweitstärkste Partei hinter der CDU.

Vor allem in den neuen Bundesländern zeigt sich also deutlich: Eine bedeutende Minderheit der jungen Menschen wählt rechts. Wenn die AfD am Sonntag triumphal in den Bundestag einziehen sollte, liegt es also auch den jungen Menschen im Osten.

Woran liegt das?

Wir haben mit dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Frank Richter über den Rechtsruck unter jungen Menschen in Ostdeutschland gesprochen. Richter leitete acht Jahre lang die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung und ist jetzt Vorsitzender der Stiftung Frauenkirche.

Radikalisierung der jungen Generation

Richter kennt wie wenige andere die Gefühlslage der Menschen in Ostdeutschland aus erster Hand, vor allem in Sachsen.

Wer mit ihm über das Phänomen der rechten Jugend im Osten spricht, taucht tief ein in die jüngere Geschichte Ostdeutschlands; in ein Schulsystem, das es nicht geschafft hat, die Jungen für die Demokratie zu begeistern - und in eine rechte Subkultur, die junge Menschen für rechtes Gedankengut begeistert.

Der Rechtsruck im Osten unter den jungen Menschen sei nichts Neues, sagt Richter. Und er überrascht ihn auch nicht. Schon bei der Landtagswahl 2009 in Sachsen habe die NPD bei den Erstwählern 19 Prozent der Stimmen bekommen. Jetzt profitiert die AfD.

Das sind die Gründe für die Radikalisierung eines signifikanten Teils der jungen Generation:

1. Die Wende, die in den Schulen nicht stattfand

Dass so viele junge Menschen in Ostdeutschland sich nicht von den demokratischen Parteien repräsentiert fühlen, liegt laut Richter auch an den Schulen in Ostdeutschland.

Nach der Wende hätte der Großteil der Lehrer, die in der DDR-Zeit eingestellt wurden, weiter gelehrt. “Die Lehrer, vor allem in den politischen und den Geschichtsfächern waren nicht in der Lage oder Willens, die Vorteile der neuen freiheitlich-demokratischen Grundordnung wirklich überzeugend vorzutragen”, sagt Richter.

2. Die rechte Subkultur

Seit ungefähr 10 Jahren schon, so beobachtet es Richter, breite sich im Osten Deutschlands eine rechte Subkultur aus. Die entwickle eine Strahlkraft, die viele junge Menschen anziehe.

2011 zum Beispiel seien plötzlich an Mitternacht in vielen ostdeutschen Städten Gruppen von Jugendlichen mit weißen Masken durch die Straßen gezogen. Die Märsche erinnerten stark an die Aufmärsche des Ku-Klux-Klan in den USA.

Allerdings waren sie organisiert wie Flash-Mobs. Sie bildeten sich innerhalb von wenigen Minuten und verschwanden dann wieder.

bautzen

Die Märsche fanden anlässlich einer Kampagne mit dem Namen "Unsterbliche" statt, die von Neonazis organisiert wurde. "Demokraten bringen uns den Volkstod", lautete ihre Parole.

Videos der Märsche wurden über das Internet verbreitet und versprachen den Teilnehmern nationale Aufmerksamkeit.

Auch im Umfeld von Fußballclubs wie Dynamo Dresden gebe es rechte Strukturen, erklärt Richter. Auch Neonazi-Gruppen wie der inzwischen verbotene Sturm 34 zeigten, wie gut sich die Rechten im Osten immer wieder organisieren.

3. Das abgeschlagene Land

Wie fast überall in der westlichen Welt zeigt sich auch bei den jungen Menschen in Ostdeutschland ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Diejenigen, die in den Städten leben, sind gebildeter, wohlhabender, sie schauen hoffnungsfroher in die Zukunft.

Auch in Ostdeutschland gebe es diesen Unterschied zwischen Stadt und Land, sagt Richter.

So stimmten laut Richter in einigen Bezirken von Leipzig mehr als die Hälfte der Wähler unter 18 für die Grünen. In Leipzig waren die Grünen insgesamt ähnlich stark wie die CDU.

Leipzig gehört zu den Boom-Metropolen in Ostdeutschland. Im ländlichen Raum sehen die Wahlergebnisse der unter 18-Jährigen völlig anders aus.

In Bautzen und in Teilen des Erzgebirges und der Sächsischen Schweiz holte die AfD rund ein Viertel der Stimmen und ist stärkste Kraft. In Bautzen stimmten außerdem noch acht Prozent der Jugendlichen für die NPD.

Es gebe vor allem in den größeren Städten in Ostdeutschland viele junge Menschen, die Gewinner der Globalisierung seien und “die gut zurechtkommen mit den Entwicklungen der modernen Welt”, sagt Richter.

Auf dem Land gebe es allerdings viele, die von der Entwicklung überfordert seien.

Das zeige sich an hohen Arbeitslosenquoten und an der Abwanderung junger Frauen. Alles, was junge Männer "zivilisiere", wie Bildung, Reisen und Beziehungen, fehle vielfach in diesen Gegenden, sagt Richter. Manche Dörfer funktionierten wie eine Männer-WG - in der die Rechten das Sagen haben.

4. Die ostdeutsche Geschichte

Frank Richter hat sich als ehemaliger Bürgerrechtler mit den Umbrüchen in Ostdeutschland beschäftigt wie wohl wenige andere. Und die DDR-Geschichte hat noch heute Auswirkungen auf die junge Generation, sagt er, obwohl die nie in direkte Berührung mit dem SED-Regime kam.

Oft übersehen werde, sagt Richter, dass in der DDR die Rechten Teil der politischen Opposition gewesen seien. Richter erinnert sich, wie im Dorf seiner Kindheit Hitlers Geburtstag gefeiert wurde.

Nach der Wende sei rechtes Gedankengut damit auch positiv besetzt gewesen, weil es Teil der Opposition gegen das DDR-Regime gewesen sei.

Eine zweite wichtige Rolle spielt laut Richter, dass Ostdeutschland die Region Europas ist, in der am wenigsten Menschen leben, die sich als religiös bezeichnen.

Richters Argument geht vereinfacht so: Nachdem der Marxismus-Leninismus nach 1990 als Quasi-Religion wegfiel, habe es nichts gegeben, was die Lücke gefüllt hätte. In diese Lücke sei nach der Wende der Nationalismus gestoßen.

Viele Menschen hätten gedacht: “Du bist anerkannt, du bist wichtig, weil du ein Deutscher bist.” Der Nationalismus sei in Ostdeutschland auf ein Vakuum gestoßen, es gab keine wirksamen Widerstand.

Was hilft gegen das Phänomen - wie gewinnt man die jungen Menschen für die demokratischen Parteien zurück?

Richter hat eine Art 3-Punkte-Plan entwickelt

"Wir dürfen die Menschen, die für rechte oder rechtspopulistische Parteien stimmen auf keinen Fall stigmatisieren", sagt Richter. Um sie auszugrenzen, seien es schlicht zu viele.

Um die jungen Menschen für die Demokratie zu begeistern, komme es vor allem auf die politische Arbeit in den Gemeinden an, sagt Richter. Alle, die gesellschaftlichen Einfluss hätten - Pfarrer und Bürgermeister zum Beispiel - müssten sich deutlich gegen rechtes Gedankengut positionieren.

In den Kommunen müssten regelmäßig Ortsversammlungen abgehalten werden, wo über die Probleme diskutiert werde. "Die Menschen in einer Kommune lernen dort, wie demokratisch-politische Meinungsbildung funktioniert."

Richter selbst hat mit diesen regelmäßigen Townhall-Treffen gute Erfahrung gemacht. In der kleinen Gemeinde Schneeberg in Südsachsen bildete sich vor einigen Jahren eine große rechte Szene, die sich vor allem im Proteste gegen ein Asylbewerberheim vereinigte.

Richter organisierte regelmäßige Treffen mit der Zivilgesellschaft der Stadt - und tatsächlich hätten sich die rechten Kräfte weitgehend zurückgezogen, sagt er. "Eine Stadtgesellschaft kann lernen."

Und wenn es eine Stadt schafft, warum dann nicht auch eine ganze Generation.

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