"Historischer Bruch": So bewerten internationale Medien den erwarteten Bundestagseinzug der AfD

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Die will er nicht entsorgen: Gauland herzt Kollegin Weidel | Wolfgang Rattay / Reuters
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  • Internationale Medien kommentieren besorgt den anstehenden Einzug der AfD in den Bundestag
  • Manch eine Zeitung glaubt an eine "konservative Gegenrevolution" in Deutschland
  • In der deutschen Presse herrscht Sorge, ob die etablierten Parteien Antworten auf die AfD finden

Die wichtigste Frage vor Wahlen scheint immer dieselbe zu sein: Wer regiert in Zukunft das Land? Bei der Bundestagswahl an diesem Sonntag ist das wohl zum ersten Mal seit langem ein bisschen anders.

Denn es geht um mehr. Darum, "wie sich das politische Klima im Land verändert", wie die "Süddeutsche Zeitung" es beschreibt. Die AfD wird – so viel lässt sich schon jetzt sagen – die erste rechtsextreme Parlamentsfraktion seit Kriegsende bilden.

Internationale Medien blicken mit Sorge auf diese Entwicklung – einige mehr als andere. Auffallend ist: Neben Kanzlerin Angela Merkel, der wahrscheinlichen Wahlsiegerin, ist die AfD das große Thema in den Kommentarspalten der Weltpresse.

Deutsche Medien: "Traurig und beschämend"

Die "Süddeutsche Zeitung" glaubt, die AfD könne gar stärkste Oppositionsfraktion werden. "Das ist traurig, beschämend und wird das Klima im Land verändern", so das alarmierende Fazit der Münchener Zeitung.

Der Hass, den die AfD und ihre Sympathisanten bereits auf den StraĂźen des Landes zeigten, werde nun auch ins Parlament einziehen. Aufgabe der etablierten Parteien sei es nun, Antworten darauf zu finden, wie man mit diesem neuen Hass im Bundestag umgeht.

"Geschäftsordnungstricks wie der, mit dem Union und SPD verhindern wollen, dass ein AfD-Mann Alterspräsident wird, reichen nicht aus. Sie nützen der AfD", glaubt die "Süddeutsche Zeitung".

Auch "Spiegel Online“ sieht ganz konkrete Gefahren im parlamentarischen Alltag. "Sollte die AfD dritte Kraft werden, könnte sie im Falle einer Großen Koalition Anspruch auf den Vorsitz des wichtigen Haushaltsausschusses erheben“, analysiert das Nachrichtenmagazin. So oder so werde die Debattenkultur "rauer werden".

"Washington Post": "Partei wird nicht wieder verschwinden"

Der britische "Sunday Express" fragt: "Wer ist diese AfD?“ Und gibt die Antwort dann schon in der Schlagzeile selbst: "Die ersten Rechtspopulisten, die seit dem Zweiten Weltkrieg in den Bundestag einziehen."

Die Zeitung zitiert den Politologen Simon Green von der Aston University in Birmingham. Ihm zufolge sei die These, dass der Populismus nach den Wahlen in Österreich, Frankreich und den Niederlanden besiegt wurde, "voreilig". Die AfD sei als Partei zwar "dysfunktional, aber populär".

Die "Washington Post" kommentiert, die AfD würde als drittstärkste Kraft zur offiziellen Stimme der Opposition im Bundestag werden. Die Zeitung warnt: "Das würde der Partei eine viel prominentere Plattform geben, um ihre Punkte vor den nächsten Wahlen 2021 deutlich zu machen."

Die US-Zeitung glaubt, die Hoffnungen etablierter Parteien, dass die AfD einfach verschwinde, wenn die Flüchtlingskrise vorbei sei, würden so wohl zerstört werden.

Politologe Jürgen Neyer von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder sagte gegenüber der "Washington Post": "Sie sind wirklich die Alternative, und das macht sie so attraktiv. Ich glaube, sie sind echt. Sie sind angetreten, um zu bleiben."

Warnung aus Israel: "Die AfD hat Deutschland schon verändert"

Genau darin sieht die "Irish Times“ eine historische Zäsur. "Die wahrscheinliche Wahl einer extremen Rechten in den Bundestag markiert einen Bruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte." Der Einzug der AfD ins Parlament sei ein "Widerstand gegen das Vermächtnis der Studentenrevolution von 1968."

Die irische Zeitung glaubt an eine "konservative Gegenrevolution“ – und beschreibt diese gar als "sehr deutsche Sache".

Die israelische Zeitung "Haaretz“ sieht diese Revolution gar schon abgeschlossen: "Die AfD hat sich zu Beginn auf wirtschaftliche Fragen konzentriert, aber im letzten Jahr Stück für Stück verändert, was man in Deutschland sagen darf: im Parlament, in den Medien und auf den Straßen."

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community fĂĽr Kritiker der Rechtspopulisten

Deutlich positiver sieht das die konservative Schweizer "Neue ZĂĽrcher Zeitung".

"Ja, die AfD ist eine Partei mit vielen sehr fragwĂĽrdigen Mitgliedern und plumpen Slogans. Aber sie ist auch ein Kind des deutschen Zeitgeists. Es ist prinzipiell gut, wenn dieser nun auch im Parlament herausgefordert wird", kommentiert ihr Berliner BĂĽroleiter Marc Felix Serrao.

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(ll)

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