Was treibt die Menschen zur Wahl? Wir haben in den Wahlkreisen mit der niedrigsten und höchsten Wahlbeteiligung nachgefragt

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  • Der Wahlkampf ist in seiner Endphase
  • Die meisten Menschen in Deutschland werden am Sonntag zur Wahl gehen, viele haben bereits per Briefwahl abgestimmt
  • Doch was treibt die Menschen zur Wahl? Das wollten wir von den Menschen im Wahlkreis mit der niedrigsten und höchsten Wahlbeteiligung wissen

Den Harz und Südberlin trennen nur etwa 170 Kilometer. Doch bei der vergangenen Bundestagswahl lagen Welten zwischen beiden Orten.

Der Wahlkreis Harz liegt im Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen. Dort lag 2013 die Wahlbeteiligung nur bei 58,9 Prozent (bundesweit: 71,5 Prozent). In Halberstadt, der Kreisstadt im gleichnamigen und fast deckungsgleichen Landkreis, gingen sogar nur 45,3 Prozent der Wähler zur Urne - deutscher Negativrekord.

Im Wahlkreis Berlin-Steglitz/Zehlendorf ergab sich damals das umgekehrte Bild: 78,9 Prozent Wahlbeteiligung. In beiden Kreise konnte sich die CDU deutlich durchsetzen.

Einerseits Millionenmetropole, andererseits eher ländliche Provinz. Was bewegt die Menschen, hier zur Wahl zu gehen? Oder dies nicht zu tun? Die HuffPost hat beide Orte besucht und mit den Menschen gesprochen.

Das sagen die Menschen in Halberstadt:

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Charlotte hat sich im Halberstädter Rathaus extra einen Muster-Wahlzettel geholt, um sich in Ruhe auf die Wahl vorzubereiten

Charlotte, 79 Jahre: "Nicht-Wählen ist eine Verfehlung. Natürlich versprechen die Politiker jedem alles, aber einiges wird dann tatsächlich eingehalten. Für mich ist Wählen gehen ein Ritual: Wir gehen im Kegelklub immer gemeinsam ins Wahllokal. Ich will sehen, wer dort ist, sowohl die Wahlhelfer als auch die Nachbarn treffen. Wir sind meistens schon um 8 Uhr da. Wenn man nicht wählen geht, dann gewinnen die falschen."

Stefan, 30 Jahre: "Es ist sehr wichtig wählen zu gehen. Denn es ist Teil des demokratischen Lebens in unserem Land - gerade junge Menschen sollten das mit prägen. Die Stimme der Jugend ist wichtig, Themen wie Elektromobilität, Klimawandel aber auch die Flüchtlingspolitik werden zunehmend entscheidender. Und schließlich geht es darum, die AfD zu verhindern."

Alwin, 68 Jahre: "Ich gehe wählen, obwohl sich nichts ändern wird. Es sitzen immer dieselben Gesichter in der Regierung. Ich sehe keinen Unterschied zur DDR: Das sind alles Berufspolitiker und es gibt Fraktionszwang. Für mich ist das wichtigste Thema die soziale Gerechtigkeit, das treibt mich dann doch zur Wahl. Die Gesellschaft geht auseinander, nur ein kleiner Teil profitiert.

Und Merkel regiert wie DDR-Staatschef Erich Honecker damals: Probleme werden geleugnet, alles ist gut, da die Wirtschaft brummt. Das stimmt, uns geht es so gut wie nie - aber eben nicht allen. Die Abgehängten werden schlichtweg ausgeblendet. Wichtig ist aber auch: Wenn man nicht wählen geht, werden die Leute, die braun wählen, umso mächtiger."

Marga, 86 Jahre: "Ich kann mich nicht beschweren, es gibt keinen Grund nicht zur Wahl zu gehen. Allerdings habe ich mich zu DDR-Zeiten sicherer gefühlt. So wurde mir vor Kurzem das Portemonnaie geklaut. Früher habe ich auch Geld gespendet, heute weiß ich nicht mehr, ob es tatsächlich dort ankommt, wo es gebraucht wird. Ich habe kein Vertrauen mehr. Allerdings suchen viele die Fehler bei den Flüchtlingen und schimpfen nur auf die. Das ist der falsche Weg."

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Das sagen die Menschen in Berlin-Steglitz:

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Die Schloßstraße in Berlin-Steglitz

Udo, 74 Jahre: "Wählen ist eine Bürgerpflicht. Nur wenn ich mein Kreuzchen mache, kann ich mitentscheiden. In diesem Jahr ist es zwar eine schwierige Entscheidung. Dennoch ist der Kampf um den dritten Platz immer noch spannend."

Janette, 37 Jahre: "Ich bin zwar nur ein kleines Rädchen in dem gesamten Prozess, aber damit trotzdem Teil der großen Richtung. Ich will eben Teil der Entscheidung sein. Das geht am einfachsten bei der Wahl. Und: Wenn man nicht wählen geht, darf man sich auch nicht hinterher über die Politik beschweren."

Andreas, 49 Jahre: "Ich gehe wählen, damit die CDU nicht noch einmal gewinnt."

Hans-Joachim, 73 Jahre: "Wählen zu gehen sollte selbstverständlich sein. Ja, die Wahl ist schwierig, insbesondere in diesem Jahr. Und auch ich habe länger überlegt, wen ich wähle. Aber das ist doch das interessante, sich zu informieren und dann abzuwägen. Denn wer nicht wählen geht, stimmt für den Feind."

Syliva, 30 Jahre: "Ich will die Politik unterstützen. Mit der Abgabe der Stimme will ich zumindest mithelfen, einen Wechsel zu versuchen. Es ist wichtig, sich einzubringen. Nur so kommen die Politiker zum Nachdenken und sehen, dass sie sich nicht alles erlauben können. Denn sie könnten schon bei der nächsten Wahl abgestraft werden."

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Fazit:

In vielen Gesprächen wurde deutlich, dass die Wähler in Steglitz eher politische, die Halberstädter eher persönliche Gründe für ihre Entscheidung zur Wahl zu gehen, vorbrachten.

Doch in beiden Orten war - bis auf wenige Ausnahmen - das Interesse an der bevorstehenden Wahl groß. Und das trotz der von vielen kritisierten großen Nähe der beiden Volksparteien.

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

(jg)

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