Triumph in Gefahr: Wieso Merkel und die Union so kurz vor der Wahl doch noch zittern müssen

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Von wegen klarer Wahlsieg: Wieso Merkel und die Union so kurz vor der Wahl doch noch zittern müssen | Hannibal Hanschke / Reuters
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  • Lange sah es nach einem klaren Wahltriumph der Union aus
  • Doch nun könnte den Konservativen doch noch ein schwaches Wahlergebnis drohen
  • Grund ist vor allem die erstarkende AfD – und, dass CDU und CSU keine Antwort auf die Rechten finden

Es ist schon erstaunlich: Da tuckert Bundeskanzlerin Angela Merkel im Schlafwagen, den sie Wahlkampf nennt, wochen- und monatelang quasi ungestört auf das Ziel "klarer Wahlsieg“ zu. Und dann, wenige Meter vor der Zielleine, scheint der Union plötzlich die Luft auszugehen.

Drei Tage vor der Bundestagswahl bricht bei den Konservativen doch noch so etwas wie Nervosität aus. Der so lange so sicher geglaubte deutliche Wahlsieg scheint auf einmal in Gefahr. Umfragen sehen die Union auf dem schlechtesten Stand seit April, in der Unionsfraktion geht die Zahl "33“ um.

So wenige Prozentpunkte könnten den Konservativen am Sonntag im schlimmsten Fall blühen. Von den lange ausgegebenen 40-Prozent wäre man damit meilenweit entfernt, im Vergleich zur Wahl 2013 hätte bei einem solchen Ergebnis keine Partei so viele Stimmanteile eingebüßt wie die Merkel-Partei.

Was ist in den letzten Wochen so schiefgegangen? Und warum hat es im Konrad-Adenauer-Haus niemand bemerkt – bis es zu spät war?

Nicht die fehlende Demut ist das Problem

Der Union Selbstzufriedenheit vorzuwerfen, wäre einfach. Denn das Wahlprogramm der Partei beruht ja gewissermaßen auf Selbstzufriedenheit.

Die CDU etwa feiert das Abgelieferte der vergangenen zwölf Regierungsjahre und verspricht höchstens hier und da kleine Optimierungen: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die CSU rumpelt ein bisschen mit ihrem Bayernplan dazwischen.

Und doch war es wohl kein zunehmender Hochmut, der die Union in die jetzt so angespannte Situation brachte.

Selbst nach dem gewonnenen TV-Duell der Kanzlerin gegen SPD-Chef Martin Schulz zeigte sich CDU-Generalsekretär Peter Tauber, den die HuffPost im Haustürwahlkampf begleitete, noch immer erstaunlich nervös.

Manchmal habe er ein richtig gutes Gefühl, berichtete Tauber einem CDU-Wahlkampfhelfer – an anderen Tagen verspüre er wieder eine enorme Verunsicherung. Andere hatten die Union da schon längst als klaren Wahlsieger gesetzt.

Das Problem der Union ist nicht der fehlende Demut, sondern wohl eher der fehlende Gegner. Oder genauer: der falsche Gegner. Immer wieder attackierte die Union die SPD, den trotz vierjähriger Koalition klassischen Rivalen der Konservativen.

Im Schatten der schwachen SPD wird die AfD stark

Zunächst erscheint das sinnvoll.

Das Connect17-Wahlkampfteam der Union ackerte sich mit Memes, Spruch-Bildern und Diagrammen ab, um die Sozialdemokraten und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz kleinzukriegen.

Doch viel der konservativen Mühe lief ins Leere – denn Schulz hatte sich ja schon längst selbst demontiert.

Im Schatten dieser Entwicklung hat die Union etwas anderes übersehen: Vor allem die AfD wird wieder stark. Glaubt man verschiedenen Prognosen könnte am Sonntag sogar ein Ergebnis von 14 Prozent für die Rechtspopulisten herausspringen.

Damit würden die Rechtspopulisten nicht nur die FDP, Grüne und Linke vom viel zitierten "dritten Platz“ stoßen – sondern gleichzeitig SPD und Union zu Wahlverlierern machen. Nach außen würde die Union ihren "klaren Regierungsauftrag“ feiern müssen, doch intern wäre die Rechnung eine andere.

Jeder zur Vierzig fehlende Prozentpunkt ist ein Tadel für die Union; jeder Prozentpunkt, den die AfD jenseits der 10 macht, tut den Konservativen ebenso weh. Im Konrad-Adenauer-Haus würde man aufarbeiten müssen, wie doch so viele enttäuschte Konservative noch zur AfD abwandern konnten.

In der Union will niemand über die AfD reden

Das wäre schmerzhaft. Denn mit der AfD beschäftigt man sich in der Union nun wirklich nicht gerne.

Sogar die wenig progressive "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ tadelte die Union zuletzt für ihren "grandios gescheitert(en)“ Umgang mit der AfD.

Über die Strategie der CDU schrieb Jasper von Altenbockum: "Offenbar wirkt sie auf AfD-nahe Wähler so mobilisierend, dass CDU und SPD nun fürchten müssen, dass angesichts der Stärke der AfD wieder nur möglich ist, was zu dieser Stärke beigetragen hat: die große Koalition.“

Die CDU behandle AfD-Wähler als Fremdkörper.

Und ja: Immer wieder gewinnt man den Eindruck, als wollten die Konservativen sich lieber mit allem anderen rumschlagen, nur nicht mit den Rechtspopulisten. Fast schon hilflos berichteten zuletzt einige CDU-Politiker von ihren Begegnungen mit AfD-Wählern im Tür-zu-Tür-Wahlkampf.

"Im Haustürwahlkampf bekomme ich mit, bis in welche Schichten hinein die AfD auf Resonanz stößt – ich gehe deshalb davon aus, dass sie auf Platz drei landet“, sagte CDU-Innenpolitiker Armin Schuster der "Stuttgarter Zeitung“ fast resigniert. Seine Parteikollegin Karin Maag beobachtete ähnliches – und äußerte Sorge, "dass die AfD in meinem Wahlkreis sehr stark wird."

Auch Tauber kann keine Lösungen anbieten. “Die hassen uns“, erklärte der CDU-Generalsekretär, nachdem AfD-Unterstützer im brandenburgischen Finsterwalde eine Merkel-Rede gestört hatten. Das sei "heilsam“.

Das zeigt: Für die Union hat Tauber diese Gruppe Menschen abgeschrieben. Doch wohin führt das, wenn die Gruppe größer wird? Wer die Mühe scheut, sich mit den AfD-Sympathisanten auseinanderzusetzen, wird sie wohl kaum wiedergewinnen.

Das alte Unions-Mantra "links treten, rechts gewinnen“ hat sich abgenutzt.

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(jg)

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