"May lebt in einem Paralleluniversum": Die Medien reagieren auf die Brexit-Rede der britischen Premierministerin

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THERESA MAY
Sie will beim Brexit "kreativ" sein: Großbritanniens Premierministerin Theresa May | POOL New / Reuters
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  • Theresa May hat am Freitag in Florenz eine groß erwartete Rede zum EU-Austritt Großbritanniens gehalten
  • May versprach, sich beim Brexit an die Regeln der EU zu halten - und verlangte zwei Jahre Übergangszeit
  • Einige Medien halten Mays Rede für eine verpasste Chance - doch manche sehen sie als wichtigen Schritt in die Zukunft

Kreativ wolle sie sein, sagte Theresa May am Freitag wieder und wieder. Kreativ und fantasievoll, beim Brexit und bei den Verhandlungen darüber. Praktisch wolle sie auch sein, sowieso.

Die Briten hätten sich nie wirklich in der EU zuhause gefühlt, behauptete May. Dennoch sagte sie: "Wir wollen stärkster Freund und Partner der EU sein."

"Geteilte Herausforderungen, gemeinsame Chancen", so brach May den Brexit auf eine Formel herunter. Die Verhandlungen seien schwierig, ja. Aber sie sei optimistisch, sagte die britische Premierministerin - und erbat sich dann zwei Jahre Übergangszeit, sobald der EU-Austritt in Kraft getreten sei.

Das klang ein wenig schizophren, und so reagierten auch die Medien auf Mays Rede. Uninspiriert und realitätsfern fanden sie viele Journalisten - doch andere lobten May für einen wichtigen ersten Schritt in die Zukunft.

"May sucht sich die Rosinen raus"

Kritisch kommentierte "Spiegel Online" Mays Rede. Die Inszenierung in Florenz habe zwar gestimmt, doch dahinter habe sich nur wenig verborgen, was die Brexit-Verhandlungen wirklich voranbringen könnte. "Kaum Zugeständnisse an die EU, dafür aber eine Menge nationales Anspruchsdenken", schrieb die Nachrichtenseite.

Zusammengefasst also: "May sucht sich die Rosinen raus".

Auch "Zeit Online" war von der Rede der britischen Regierungschefin nicht übermäßig begeistert. "Plötzlich solidarisch" sei May, hieß es in einem Kommentar.

Die Rede der Britin sei nicht die erhofft bahnbrechende gewesen, sondern eher "eine Beruhigungspille für die nervösen Firmen und europäischen Ausländer." Immerhin.

Am Ende ist die Rede von May für die "Zeit" ein willkommener Versuch, in den Verhandlungen mit der EU die Tonart zu wechseln. Im Zuge derer habe May bereits "einige ihrer härtesten Positionen – oder besser gesagt: Illusionen – aufgegeben."

Mays Darstellung guten Willens könne "bei Verhandlungen, die von Misstrauen, Kränkung und den irritierenden Auftritten von Boris Johnson geprägt sind, nicht schaden."

"Ein mutiges Angebot, Mrs. May!"

So sehen es auch die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Da wird von einem "mutigen Angebot" oder einem "wichtigen Schritt" an die EU (heran) geschrieben.

Der Brexit - auch in der Medienlandschaft ist er soweit normalisiert, dass Schock und Empörung der pragmatischen Abwicklung der Formalien gewichen sind.

Die "SZ" bemitleidet May sogar, als ob sie nicht selbst mit Architektin ihrer Misere wäre: Wie ein Käfer liege May auf dem Rücken und strample - mit der vorgezogenen Wahl im Juni habe sie ihr Todesurteil unterzeichnet. Bald schon könne sie von Boris Johnson und einer "Partei der Gemäßigten" ersetzt werden.

In dieser Lage habe May der EU ein mutiges Angebot unterbreitet. Sie habe signalisiert: "Ich habe mich entschieden, mich exponiert und mich damit verwundbar gemacht, jetzt müsst ihr mir helfen." Deshalb brauche May nun auch Unterstützung. "Die Zeit der Schuldzuweisungen und Schneidigkeiten muss enden", schreibt die "Süddeutsche".

Auch die "FAZ" schreibt: May sei auf die EU zugegangen, sie blicke nach vorne. Nun stelle sich jedoch die Frage, ob die EU "so beeindruckt ist, dass sie mit größerer Flexibilität in die nächste Verhandlungsrunde geht."

Etwas besorgter formulierte das die "Hannoversche Allgemeine". Sie schreibt zu Mays Lavieren um den Brexit: "Wer auf den Abgrund zusteuert, muss irgendwann den Kurs ändern. Ein bisschen bremsen genügt nicht."

Reaktionen aus England: "Mays Rede hebt all ihre Schwächen hervor"

So klingt auch der Tenor aus Großbritannien. Die Medien, die nicht dem Jubel-Boulevard der Murdoch-Presse zuzuordnen sind, ergingen sich meist kritisch über Mays Aussagen.

Der "Independent" schrieb, die Premierministerin habe in ihrer Rede all ihre Schwächen offenbart.

Sie sei eine verpasste Gelegenheit gewesen, die Kosten des Brexit und den ungemütlichen Kompromiss, den es mit der EU bedürfe, genauer zu definieren. Stattdessen habe May Lippenbekenntnisse geliefert, "ihr beschwichtigender Ton gegenüber der EU hatte nicht viel Substanz dahinter."

Noch drastischer fiel das Urteil im liberalen "Guardian" aus. Gleich vier Autoren äußerten heftige Kritik an Theresa May:

"May lebt in einem Paralleluniversum", schrieb Anne Perkins. Mays Vorstellung, sie könne innerhalb von zwei Jahren nach dem Brexit alle Differenzen zwischen der EU und Großbritannien begleichen, bedürfe mystischer Kräfte zur Umsetzung.

Owen Jones schrieb, May habe sich im Prinzip auf die Position ihres politischen Gegners, der Labour-Partei, zurückgezogen. Auch diese hatte eine Übergangsphase nach dem Brexit gefordert. Für May sei das ein Eingeständnis einer Niederlage, so Jones.

Die "Guardian"-Journalistin Kate Maltby argumentiert hingegen, May habe es mit ihrer Rede geschafft, sowohl die EU als auch ihre Partei zu beruhigen. Aber: Nur für den Moment. Es sei fraglich, wie lange May diese sichere Position halten könne.

"Nichts neues, nichts von Wert" - so schrieb es Gina Miller im "Guardian". Am Ende sei Mays Rede eine Taktik des Hinhaltens im Angesichts des absoluten Stillstands gewesen. Miller fragt provokant: "Wird es jemals zum Brexit kommen?"

Ein prominenter "Guardian"-Redakteur ist sich da sicher: John Redwood. Mays Rede sei eine mutige und positive Ansprache im Angesicht einer EU gewesen, die keinerlei Plan verfolge.

"Die Premierministerin hat wiederholt, dass kein Deal besser als ein schlechter Deal ist", frohlockte Redwood. "Das ist ein wichtiges Statement, es verschafft Großbritannien eine starke Rolle in den Verhandlungen."

Ein Statement, das man im Sinne Theresa Mays durchaus als kreativ bezeichnen könnte.

Mit Material der dpa

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