"Dame aus Samt mit Charakter aus Stahl": Wie internationale Medien auf Merkel und die Wahlen blicken

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ANGELA MERKEL
"Dame aus Samt mit Charakter aus Stahl": Wie internationale Medien auf Merkel und die Wahlen blicken | Axel Schmidt / Reuters
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  • International Medien sind sich einig: Kanzlerin Merkel wird wiedergewählt werden
  • Doch einige Fragen bleiben: Wie stark wird die AfD am Sonntag abschneiden?
  • Und: Ist Merkel den Herausforderungen der Zukunft gewachsen?

Die Bundestagswahl scheint entschieden, auch für das Ausland.

Zwar hat die Union in den letzten Umfragen vor der Wahl ein paar Prozentpunkte eingebüßt, doch die nächste Regierung wird mutmaßlich wieder von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angeführt werden.

Da sind sich auch die internationalen Medien sicher. Kurz vor der Wahl konzentrieren sich die Berichte über die Bundestagswahl vor allem auf die Kanzlerin.

Daneben gibt es aber noch zwei weitere Themen, die international im Fokus stehen: die Rechtspopulisten von der AfD und die Zukunft von Europa.

"Die Bundestagswahl scheint auf den ersten Blick ohne Spannung zu sein", schreibt die lettische Zeitung "Neatkariga Rita Avize". Aber eben nur auf den ersten Blick.

Neben dem vorhersehbaren Sieg von Merkel umgeben die Bundestagswahl viele Fragen:

1. Welche Koalition wird Deutschland regieren?

Eine der größten Fragen nach der Wahl wird die Frage nach dem Koalitionspartner der Union sein. Kommt es zu einer Wiederauflage der Großen Koalition? Oder einem Jamaika-Bündnis?

Der Schweizer "Tages-Anzeiger" geht von einer Großen Koalition aus - zumindest sei das im Interesse der SPD: "Eine erneute Große Koalition würde Schulz, Gabriel und Kollegen ein letztes Mal Ministerposten sichern."

Außerdem würden die Sozialdemokraten schon hinter vorgehaltener Hand über taktische Züge diskutieren, "wie etwa jener, man könnte eine allfällige Große Koalition vor der Zeit platzen lassen, um Merkels CDU unvorbereitet in einen Streit um ihre Nachfolge zu treiben."

"Neatkariga Rita Avize" aus Lettland sieht das eigentlich Rennen dieser Wahl hinter Union und SPD: "Auch wenn es keinen Zweifel am Gewinner der Wahl gibt, bleiben die Ränkespiele um den Platz drei, die mögliche nächste Koalition und die Gewinner der Direktmandate bestehen."

Große Überraschungen schließt die Zeitung allerdings aus. Ein Szenario wie beim Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump gebe es nicht.

2. Was plant Merkel für die Zukunft?

Die linksliberale Tageszeitung “Libération” aus Frankreich kommentiert scharf, dass auch Merkel nicht alle Probleme lösen habe können: Ost-Westgefälle, Ungleichheit, keine Fortschritte bei der EU.

Aber: “Die Dame aus Samt mit dem Charakter aus Stahl (...) wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein viertes Mal gewählt werden.”

Die einfache Lehre der Bundestagswahl: “Wenn eine Regierende – oder ein Regierender – im Laufe ihres Mandats die Ziele erreicht, die sie sich gesetzt hat, weiß das Volk das zu schätzen.”

Die Londoner “Times” sieht auf Merkel eine große Herausforderung zukommen: Deutschland fit für die Zukunft zu machen.

“Was für eine Regierung in den kommenden Wochen auch immer gebildet werden mag, Bundeskanzlerin Angela Merkel muss die Courage aufbringen, das Land zu modernisieren, Europa anzuführen sowie klar und verantwortungsbewusst für die westlichen Werte einzustehen”, heißt es dort.

Noch 2013 habe die Kanzlerin so gefestigt gewirkt. Nun könne auch sie der Tatsache nicht entkommen, “dass sie Uneinigkeit stiftet”.

Die “Times” schreibt weiter: “Als erneute deutsche Regierungschefin muss sie mit stahlharten Nerven akzeptieren, dass ihr Land dringend einen Wandel braucht.”

3. Warum hat die AfD einen solchen Erfolg?

Aber auch die AfD steht im Mittelpunkt internationaler Medien. Besonders ratlos wirkt eine italienische Tageszeitung: “Wie kann ein so blühendes Land so viel Wut in sich tragen?”, heißt es in der “Corriere della Sera”.

Merkel habe dafür gesorgt, dass sich Deutschland vom kranken Mann Europas zu einem der wohlhabendsten Ländern entwickelt habe. “Und da taucht eine andere Realität auf, die wenige im Jahr 2005 für möglich gehalten hätten”, kommentiert die Zeitung: “Eine Bewegung von Ultranationalisten, die mit Nazis sympathisieren, könnte zur drittstärksten Kraft werden.”

Die ungarische Zeitung “Nepszava” dagegen glaubt, die Ursache für den Erfolg der AfD erkannt zu haben: “Die großen Parteien haben die Flüchtlingsfrage ausgeklammert.” Und das Thema so der AfD “geschenkt”.

Allerdings habe Merkel wieder gezeigt, dass sie ein Profi sei: “Ihr Eingeständnis, dass sie im vorigen Jahr (in der Flüchtlingspolitik) einen Fehler gemacht habe, sah nicht nach Buße aus. Und sie hat überzeugen können, dass sie daraus gelernt hat.“

Für die liberale lettische Tageszeitung “Diena” ist die AfD das Zünglein an der Waage bei dieser Wahl:

“Das große Unbekannte dieser Wahl ist - mit welchen der anderen Parteien könnten Merkels Konservative kommende Woche Gespräche über eine Koalition aufnehmen? Beeinflusst werden kann dies direkt vom Erfolg der AfD, obwohl die Partei selbst null Chancen hat, in der Regierung zu arbeiten.”

5. Kann Merkel Europa Stabilität verleihen?

Die liberale spanische Zeitung “La Vanguardia” kommentiert: “Die Wahl in Deutschland ist die letzte einer Serie, die die EU vor dem Hintergrund der Gefahr einer Zunahme des Populismus und einer Stärkung der Parteien der extremen Rechten in Atem gehalten hat.”

Ob die Niederlande oder Frankreich: Am Ende hätten die Populisten immer verloren.

Dennoch: “Es liegt auf der Hand, dass Merkels Wiederwahl für die Stabilität nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU wichtig ist.”

Mit Material der dpa.

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(jg)

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