Wieso Erdogan plötzlich Bundeskanzlerin Merkel lobt

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ERDOGAN MERKEL
Erdogan und Merkel: Bald wieder Buddies? | POOL New / Reuters
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  • Der türkische Präsident hat die Bundeskanzlerin für ihre Türkei-Politik gelobt
  • Hinter seiner Aussage steckt wohl vor allem scharfe Kritik an der SPD
  • Erdogan versucht seit Wochen, Einfluss auf die Bundestagswahl zu nehmen

Ungewohnte Töne vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Plötzlich lobt der AKP-Chef Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese habe eine "bedeutsame Politik“ verfolgt, weil sie zuletzt darauf verzichtet hatte, "die Türkei direkt anzugreifen“. Das sagte Erdogan am Rande der UN-Vollversammlung in New York im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Erst vor wenigen Wochen hatte Erdogan die Union noch als "anti-türkisch“ gescholten und Deutschtürken aufgerufen, bei der Bundestagswahl weder für die CDU noch für Grüne oder SPD zu stimmen.

Nun scheint Erdogan zumindest seine Haltung gegenüber der Union zu lockern. "Ich bin recht zuversichtlich, dass sich die Beziehungen verbessern werden“, sagte Erdogan auf das türkische Verhältnis zu Deutschland angesprochen.

Der türkische Präsident betonte jedoch, es gebe Probleme "mit der falschen Einstellung einiger Funktionäre gegenüber der Türkei“. Erdogan könnte damit vor allem auf SPD-Chef Martin Schulz anspielen, der im Wahlkampf mit klaren Ansagen an die türkische Regierung aufgefallen ist.

Merkel-Lob ist vor allem Schelte für die SPD

Im TV-Duell etwa forderte Schulz – entgegen der vorherigen SPD-Linie – ein Ende der EU-Beitrittsgespräche der Türkei. Auch Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sprach sich daraufhin wiederholt für ein "Umdenken der Türkei-Politik“ aus, was in Ankara für große Empörung sorgte.

Erdogan polterte damals gegen Schulz: "Ich sage nicht, dass Sie ein Nazi sind oder ein Faschist. Aber der Vorfall ist Nazismus. Das ist Faschismus.“

Die Aussagen des AKP-Chefs haben nicht nur Einfluss auf die angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Ankara, sondern könnten auch in der deutschtürkischen Community vor der Bundestagswahl von Bedeutung sein.

Viele der über 700.000 deutschtürkischen Wahlberechtigten galten lange als SPD-Sympathisanten. Dieses Jahr könnte sich das geändert haben. Auch weil Erdogan seit Wochen versucht, Einfluss auf die Bundestagswahl zu nehmen.

SPD könnte konservative türkische Wähler verlieren

Davon ist zumindest Fatih Zingal überzeugt. Er ist Unterstützer und einer der prominentesten Lobbyisten der Erdogan-Partei AKP in Deutschland. Bis 2011 war Zingal selbst Mitglied der SPD. "Wir haben eine radikale Abkehr von den etablieren Parteien erlebt", sagte er der HuffPost kürzlich.

"Sie dämonisieren Menschen zum Beispiel als türkische Pegida. Menschen, die zur Mitte der Gesellschaft gehören", beklagte der Erdogan-Unterstützer. Die neuen Forderungen, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen, würden in der Gemeinde als Teil dieser Strategie aufgefasst.

Erdogan-Kritiker dagegen warnen vor der massiven Einflussnahme der türkischen Regierung auf den deutschen Wahlkampf. Es gebe eine regelrechte Drohkulisse innerhalb der Deutschtürken-Gemeinde, berichten Politiker. Zumindest von seinem fragwürdigen Boykott-Aufruf scheint Erdogan nun abgerückt zu sein.

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(ll)

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