POLITIK
22/09/2017 18:08 CEST | Aktualisiert 22/09/2017 20:06 CEST

Bayern diskutiert über Vergewaltigungen durch Zuwanderer - das sagen Experten dazu

tihomir_todorov via Getty Images
Bayern diskutiert über Vergewaltigungen durch Zuwanderer - das sagen Experten dazu

Bayern diskutiert heftig über die gestiegene Zahl an Vergewaltigungen

Auch Zuwanderer spielen in der Statistik eine wichtige Rolle

Um welche Zahlen es geht - und wie sie zu interpretieren sind

Das Thema ist an sich schon heikel. Und jetzt, kurz vor der Wahl, erst recht:

In Bayern ist die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen massiv gestiegen – und auch die Zahl der Vergehen, für die Zuwanderer verantwortlich sein sollen.

Im Süden wird über die Zahlen seit Tagen auch heftig diskutiert.

Einerseits, weil es in den vergangenen Wochen mehrere schlimme Vorfälle gab. So werden zwei Afghanen beschuldigt, sich in München auf der Straße an einer 16-Jährigen vergangen zu haben.

Andererseits, weil es nicht üblich ist, dass zum Halbjahr Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik zu veröffentlichen – und Kritiker ein Wahlkampfmanöver der regierenden CSU vermuten. Zumal wichtige Präzisierungen erst nach und nach veröffentlicht wurden.

Einige der Fakten aus Bayern für das erste Halbjahr 2016:

Die Polizei hat 3485 Sexualdelikte registriert – 19 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2016.

Zuwanderer werden für 126 der 700 Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen verantwortlich gemacht - also für 18 Prozent.

Gleichzeitig ist das ein Anstieg von 91 Prozent, was die Verdächtigung von Zuwanderern für diese schweren Sexualverbrechen angeht. Als Zuwanderer gelten laut "Süddeutscher Zeitung" anerkannte und abgelehnte Asylbewerber, Geduldete und Bürgerkriegsflüchtlinge. Das Wort ist also nicht gleichbedeutend mit Ausländern oder Nicht-Deutschen.

Für 17 überfallartige Vergewaltigungen sind Zuwanderer tatverdächtig – das ist eine Steigerung um 89 Prozent.

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Wie sind die hohen Fallzahlen an sich zu bewerten?

Der Vergleich der Zahl der Sexualdelikte mit den Daten von 2016 ist nicht besonders sinnvoll.

Dass die Zahl der Anzeigen über schwere Sexualdelikte und Sexualdelikte allgemein steigt, war zu erwarten. Das Strafrecht wurde im November 2016 verschärft, sodass mehr Delikte geahndet werden können. So teilt das Innenministerium in Baden-Württemberg auf Anfrage der HuffPost mit, dass sich auch dort für 2017 bei Vergewaltigungen und sexueller Nötigung sowie sexuellen Übergriffen ein "deutlicher Anstieg der Fallzahlen" abzeichne.

Man muss davon ausgehen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema auch dazu führt, dass mehr Delikte angezeigt werden.

Wie ist der Anteil der verdächtigen Zuwanderer an den Straftaten einzuschätzen?

Es gibt laut bayerischem Innenministerium den begründeten Verdacht, dass Zuwanderer in Bayern überproportional häufig an den Vergewaltigungen und schweren Nötigungen beteiligt sind. Ein genauer Vergleich aber scheitert daran, dass das Innenministerium nach eigener Auskunft nicht weiß, welchen Anteil die Zuwanderer an der Gesamtbevölkerung stellen. Es gibt Schätzungen, dass er im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt.

Zur Einordnung kann man nur auf alte Daten verweisen: 2016 waren laut PKS 39 Prozent der Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen Ausländer. Zuwanderer stellten 15 Prozent.

Auch bei den Gruppenvergewaltigungen waren ausländische Verdächtige 2016 mit 60 Prozent oder mehr überrepräsentiert. In diesen Statistiken spielen die Silvester-Übergriffe eine große Rolle.

Es gibt Vermutungen, wonach möglicherweise ausländische Verdächtige schneller angezeigt werden als deutsche.

Die absoluten Fallzahlen, wie sie in Bayern für einige Deliktsbereiche gemeldet wurden, sind gering. Das heißt: Bereits wenige Fälle bewirken hohe prozentuale Steigerungen. Das fällt insbesondere in der Berichterstattung über die Zahlen zu Zuwanderern ins Gewicht.

Was sagen Experten über eine Zusammenhang zwischen Herkunft und Kriminalität?

Es kommt nicht auf die Nationalität an. "Kriminalität entsteht nicht durch Nationalität ", sagte der Tübinger Kriminologie-Professor Jörg Kinzig einmal der HuffPost. Das ist Konsens unter Experten.

Die Lebenslage spielt eine Rolle. "Sexuelle Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Gruppen. Besonders häufig geht sie von jungen, frustrierten Männern aus", sagt der renommierte Psychologe Jan Ilhan Kizilhan, Spezialist für transkulturelle Psychiatrie.

Und etwa zwei Drittel Flüchtlinge sind Männer, überwiegend junge. Beobachter berichten, dass viele, die lange nicht erfahren, welche Perspektiven sie in Deutschland haben, das als frustrierend empfinden.

Insofern sind sie Teil einer Risikogruppe - genauso wie viele deutsche junge Männer.

Eigene Gewalterfahrungen können Gewalt begünstigen. Psychologe Kizilhan sagt: "Es gibt junge Männer, die im Krieg ihre moralischen Grundsätze verloren haben. Die selbst Gewalt erlebt haben oder gezwungen wurden, Gewalt auszuüben. Die Gewalt als Lösungsmittel kennengelernt haben. Solche jungen Männer werden selbst schneller Opfer oder Täter. Betroffen sind vor allem junge Männer zwischen 16 und etwa 26 Jahren, die alleine reisen."

Kizilhan betont, dass das keine Entschuldigung sei – sondern der Erklärung dienen könne.

Um Erfahrungen mit Gewalt zu machen, muss man allerdings nicht aus einem Krisengebiet kommen. Laut Umfragen hat fast jeder dritte Bundesbürger als Kind emotionale oder physische Gewalt erfahren.

Religion spielt kaum eine Rolle, aber die Kultur kann eine Rolle spielen. Die Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle aus Berlin sagte der "Süddeutschen Zeitung", wer aus seiner Heimat gewohnt sei, dass sich ehrbare Frauen verhüllen und nicht ehrbare Frauen freizügiger kleiden, sei eher geneigt, Frauen auch in Deutschland unter diesem Aspekt zu betrachten.

Das sei aber weniger eine Frage der Religion, als der Kultur.

Was raten Experten?

Klar ist: Der Großteil aller Sexualstraftaten wird von Deutschen begangen. Und jene Überfälle auf der Straße, vor der sich viele Frauen so sehr fürchten, sind selten im Vergleich zu Übergriffen innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises.

Klar ist aber auch, dass alles getan werden muss, um Frauen zu schützen. In Bezug auf sexuelle Gewalt durch Zuwanderer empfehlen Experten deshalb:

Der Eichstätter Sozial- und Sexualpädagoge Christian Zech plädierte im "Donaukurier" für Aufklärung über Rollenbilder und den gesellschaftlichen Umgang mit Frauen in Deutschland. Auch Kizilhan empfiehlt schnellen Kontakt zu Sozialarbeitern. "Es geht um gezielte Kontrolle und Begleitung", sagt er.

Laut Kizilhan spielen Peer Groups eine extrem wichtige Rolle. "Wenn sie in einer Gruppe zusammen sind, erhöht sich das Risiko." Deswegen sei es wichtig, solche Menschen schnell aus den Flüchtlingsheimen herauszuholen.

Christian Walburg, Kriminologe an der Uni Münster, plädierte in der "SZ" für schnelle und klare Entscheidungen über eine Aufenthaltserlaubnis – damit sich die Aggressionen nicht erst aufstauen.

Mit Pauschalisierungen ist dagegen niemandem gedient. Nicht den Frauen, nicht den Zuwanderern, nicht der Gesellschaft.

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(jg)