POLITIK
21/09/2017 19:33 CEST | Aktualisiert 22/09/2017 11:51 CEST

US-Verteidigungsminister glaubt, Angriff auf Nordkorea würde Verbündeten nicht schaden - doch Experten widersprechen

Jonathan Ernst / Reuters
US-Verteidigungsminister glaubt, Angriff auf Nordkorea würde Verbündeten nicht schaden - doch Experten widersprechen

  • Im Nordkorea-Konflikt setzen die USA auf aggressive Rhetorik und Drohgebärden

  • US-Verteidigungsminister Mattis sagte zuletzt, ein Angriff auf das Kim-Regime hätte keine Folgen für Verbündete

  • Experten befürchten jedoch, dass Südkorea bei solch einer Attacke heftigen Schaden nehmen würde

Beleidigungen, Drohgebärden, Hundevergleiche - im Nordkorea-Konflikt bleibt es bei verbalen Angriffen. Noch.

Die Sorge vor einem bewaffneten Konflikt bleibt, erst recht nach den neuesten Sprüchen Trumps, der Kim Jong-un als "Raketenmann auf Selbstmordmission“ bezeichnet hat und Nordkorea mit der "totalen Zerstörung" drohte.

US-Verteidigungsminister James Mattis versucht deshalb, die Wogen der Angst zu glätten. Mattis behauptete am Montag auf Nachfrage eines Reporters, die USA hätten militärische Optionen zur Verfügung, die nicht zwangsweise auch für die Verbündeten in den umliegenden Ländern dramatische Folgen hätten.

"Ja, solche Maßnahmen stehen zur Verfügung. Doch ich werde hier nicht weiter ins Detail gehen“, sagte Mattis. Was er nicht sagte: Ob diese Maßnahmen tödliche Gewalt beinhalten würden.

Doch genau das befürchten Experten.

Sorge um die Sicherheit von Südkoreas Hauptstadt Seoul

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Interventionsplan gibt, der nicht auch Seoul erheblichen Gefahren aussetzen würde“, sagt Melissa Hanham, wissenschaftliche Mitarbeiterin am James Martin Center für Nonproliferation Studies der US-Ausgabe der HuffPost.

"Das Entscheidende ist doch: Nordkorea hat die entsprechenden Waffen", sagt Hanham. "Ganz gleich, was Mattis behaupten mag, ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich auf irgendeine Weise militärisch mit Nordkorea anlegen könnte, ohne Seoul zu gefährden.“

Seouls geographische Nähe zu Nordkorea hat die US-amerikanische Armee bisher abgeschreckt, auf der koreanischen Halbinsel militärisch einzuschreiten. Die südkoreanische Hauptstadt ist im ständigen Visier des Kim-Regimes.

Tausende von konventionellen Feuerwaffen – Raketenabschussgeräte und Kanonen – sind in den Bergen nördlich der Grenze der demilitarisierten Zone eingegraben – bereit, auf Seouls Wolkenkratzer abgefeuert zu werden, sobald Kim Jong-un sich bedroht fühlt.

Das Waffenarsenal, das in den Jahrzehnten seit dem Ende des Koreanischen Krieges mehr und mehr aufgestockt wurde, ist gut gesichert und bewacht. Es auf einen Schlag zu neutralisieren, ist fast unmöglich.

"Ehrlich gesagt verstehe ich gar nicht, wovon Mattis da eigentlich redet"

Jonathan Pollack, Mitarbeiter des Brookings Institute, das sich auf die Politik Koreas und Chinas spezialisiert, zeigte sich deshalb von Mattis' Aussage erstaunt. Normalerweise sei der Verteidigungsminister eine "echte Stimme der Vernunft“ in der Trump-Regierung.

"Er ist ein sehr nüchterner, vorsichtiger Mann“, sagt Pollack der HuffPost. "Ehrlich gesagt, verstehe ich gar nicht, wovon Mattis da eigentlich redet. Er weiß, wie das Terrain aussieht, was die Risiken sind, er weiß, wie tief eingegraben und zerstreut die nordkoreanischen Waffen sind - irgendwie verstehe ich nicht, worauf er hinauswill.“

Es könnte die Verbündeten der USA in Südkorea verunsichern, dass Mattis mit seinem Kommentar jetzt wieder eine einseitige Intervention der USA gegen den Norden in Aussicht stellt, fügt Pollack hinzu.

Genau davor hat auch der südkoreanische Präsident Moon Jae-in die USA gewarnt; er versucht stattdessen, mit Diplomatie und Abschreckungsstrategien gegen Kim vorzugehen.

Die Vereinten Nationen haben so kürzlich strenge Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Diese Woche haben die USA und Südkorea außerdem als Zurschaustellung ihrer Macht gemeinsame Militärmanöver auf der koreanischen Halbinsel veranstaltet.

"Jeder Angriff birgt das Risiko eines massiven Gegenschlags"

Doch Minister der Trump-Regierung drohen weiterhin mit einer militärischen Intervention – ein Zeichen, dass sie langsam die Geduld mit Kim verlieren. Nordkorea hat vor kurzem eine zweite Testrakete gezündet, die über Japan flog; Anfang des Monats hat das Land seinen sechsten und bis jetzt erfolgreichsten Atomtest durchgeführt.

"Wenn unsere diplomatischen Bemühungen vergeblich sind, wird uns nur noch die militärische Option bleiben“, sagte Außenminister Rex Tillerson am Sonntag in der CBS-Sendung "Face the Nation“. "Doch natürlich streben wir eine friedliche Lösung an.“

Nikki Haley, die US-Botschafterin im UN-Sicherheitsrat, fand am selben Tag auf CNN ebenso deutliche Worte: "Falls Nordkorea sich weiterhin so rücksichtslos verhält, falls die Vereinigten Staaten sich gezwungen sehen, sich selbst oder seine Verbündeten auf irgendeine Art und Weise zu verteidigen, wird Nordkorea zerstört werden.“

Doch es ist unwahrscheinlich, dass es nur auf der einen Seite Zerstörung geben würde.

Vipin Narang, Lehrbeauftragter am MIT, der sich mit der Verbreitung von Atomwaffen beschäftigt, ist überzeugt, dass jede gegenteilige Meinung auf "äußerst heroischen Überzeugungen“ beruhe.

“Wahrscheinlicher ist, dass wir das Land nicht zu 100 Prozent entwaffnen würden“, schreibt er in einer E-Mail. "Und jeder Angriff auf Nordkorea, der seine konventionellen sowie seine ABC-Waffen nicht vollkommen neutralisiert, stellt Seoul – sowie Japan, US-Territorien und möglicherweise sogar die USA selbst – vor das Risiko eines massiven Gegenschlags.“

Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Carina Obster ins Deutsche übersetzt.

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(jg)

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