POLITIK
21/09/2017 12:37 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 16:22 CEST

EU-Studie zeigt: Migranten aus Afrika fühlen sich in Deutschland besonders oft diskriminiert

Darrin Zammit Lupi / Reuters
Menschen aus Afrika werden in Deutschland am öftesten Opfer von Diskriminierung

  • Laut einer neuen Umfrage fühlen sich drei Viertel der Muslime in der EU zuhause

  • Gerade in Deutschland muss trotzdem noch einiges getan werden

  • In der Bundesrepublik fühlen sich insbesondere Muslime aus Afrika diskriminiert

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hat an diesem Donnerstag einen Bericht über die Lage von Muslimen und Zuwanderern in Europa veröffentlicht. Er ist schon alleine deswegen bemerkenswert, weil die Autoren sehr viele Menschen dafür befragt haben: 25.500 Migranten und Angehörige von Minderheiten in allen 28 EU-Staaten. 10.500 von ihnen bezeichnen sich selbst als Muslime.

Der Bericht zeigt: Drei Viertel der Muslime fühlen sich zuhause in der EU. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Zuwanderer werden immer noch oft Opfer von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung. Besonders in Deutschland ist eine Gruppe laut der Umfrage am meisten gefährdet: afrikanische Migranten.

Hass und Diskriminierung erschwert die Einbindung

76 Prozent der muslimischen Befragten haben ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land, in dem sie leben.

Ihr Vertrauen in öffentliche Einrichtungen sei sogar höher als das der Allgemeinbevölkerung. Allerdings sei dieses Vertrauen zum Beispiel in die Arbeit von Polizei und Justiz bei den jüngeren Muslimen weniger ausgeprägt als bei den älteren.

"Die Ergebnisse unserer Erhebung zeigen, dass es vollkommen lächerlich ist, zu behaupten, Muslime wären in unseren Gesellschaften nicht integriert", erklärte FRA-Direktor Michael O'Flaherty. Jeder Fall von Hass und Diskriminierung erschwere aber ihre Einbindung. Ohne Offenheit der Einheimischen bestehe die Gefahr, ganze Bevölkerungsgruppen zu entfremden, so Flaherty.

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Die Hälfte der deutschen Befragten wurde schikaniert

Diese Gefahr droht in Europa immer noch.

Von den befragten Muslimen haben laut Umfrage 39 Prozent aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung, Belästigung oder Gewalt erlebt. Vor allem bei der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie bei Arztbesuchen sind Muslime benachteiligt. Jeder dritte Befragte erzählte, dass er bei der Jobsuche schlechte Erfahrung gemacht habe.

Auffällig: Besonders schlechte Erfahrungen machen Menschen aus den Ländern südlich der Sahara in Deutschland. 50 Prozent der Muslime von dort berichteten über Diskriminierung innerhalb eines Jahres - unter türkischen Muslimen fühlten sich 18 Prozent diskriminiert. Zum Vergleich: In Großbritannien machten nur 13 Prozent der Menschen aus dem südlichen Afrika schlechte Erfahrungen.

In dieser Hinsicht habe sich im Vergleich zu einer ähnlichen Umfrage vor zehn Jahren nichts gebessert, bilanzierte die FRA.

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Die Mehrheit hält Gewalt für "niemals akzeptabel"

Und wie sind die befragten Muslime gegenüber Gewalt eingestellt? Hier gibt die Umfrage eine zunächst recht deutliche Antwort: 87 Prozent lehnen Gewalt als Reaktion auf rassistische oder religiöse Beleidigungen als "niemals akzeptabel" ab.

Aber elf Prozent finden Gewalt in diesem Zusammenhang "manchmal" oder "immer" akzeptabel. Unter den Nicht-Muslimen ist die Ablehnung von Gewalt aus religiösen Gründen deutlich stärker ausgeprägt.

Die EU-Agentur kritisiert halbherzige Integrationspläne

Was die Umfrage nicht berücksichtigt, ist die Migration seit 2015. Die Befragten mussten mindestens ein Jahr in der EU in einem privaten Haushalt leben.

Die nach Europa strömenden Flüchtlinge müssen erst noch integriert werden. Und dafür müssen effektivere Lösungen her. An den halbherzigen Integrationsplänen europäischer Staaten übt die FRA Kritik.

Zwar habe fast jedes Land eine Strategie bei der Integration und erwarte eine deutliche Anpassung an seine Werte. Zugleich eröffneten sich gerade für die junge Zuwanderer aber kaum wirkliche Möglichkeiten der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. "Das Schaffen eines Zugehörigkeitsgefühls wird das Zusammenleben beflügeln", heißt es in dem Bericht.

In Sachen Offenheit für Fremde ist jedoch für beide Seiten viel zu tun. Denn auch die Toleranz der Muslime selbst hat ihre Grenzen. So würden 23 Prozent nur ungern in der Nachbarschaft von homosexuellen oder bisexuellen Paaren leben. In der allgemeinen Bevölkerung denken nur 16 Prozent so.

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Bei der Suche nach dem Ehepartner würde die Hälfte der Muslime auch Nicht-Muslime akzeptieren. 17 Prozent schließen eine solche Partnerschaft aus. Umgekehrt - so frühere Untersuchungen - wären 30 Prozent der allgemeinen Bevölkerung wenig glücklich über eine Ehe mit einem Muslim oder einer Muslima.

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