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21/09/2017 16:25 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 19:59 CEST

"Morgenmagazin": FDP-Politiker von Lambsdorff empfiehlt notleidender Alleinerziehender, eine Immobilie zu kaufen

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"Morgenmagazin": FDP-Politiker von Lambsdorff empfiehlt notleidender Alleinerziehender, eine Immobilie zu kaufen

  • Die FDP ist nicht für ihre soziale Ader bekannt

  • Dennoch, die Liberalen haben auch Vorschläge, wie man notleidenden Menschen in Deutschland helfen soll

  • Wie weltfremd diese Vorschläge vielen Menschen vorkommen, zeigte ein Interview mit FDP-Politiker Alexander von Lambsdorff

Er hat es sicher gut gemeint.

Mit ernstem Gesicht hört der FDP-Politiker Graf Alexander von Lambsdorff im ARD-"Morgenmagazin" zu, als ihm die Moderatorin von einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder berichtet, die ihr geschrieben habe. Die Frau habe gesagt: "Wen soll ich überhaupt wählen? Steuerlich werde ich ganz schlecht behandelt, und überhaupt fühle ich mich allein gelassen."

Was habe die FDP da zu bieten, fragt die Moderatorin. Lambsdorff nickt eifrig: "Naja, ich glaube bei den Steuern haben wir schon ein paar ganz gute Vorschläge", sagt er. "Naja", "ich glaube", "schon ein paar", "ganz gut" - so richtig überzeugend klingt das nicht.

Kein Wunder - denn der nächste Vorschlag von Lambsdorff ist so weltfremd, dass er bei Twitter schnell für heftige Kritik sorgte.

Lambsdorff will aus Alleinerziehenden Wohnungseigentümer machen

"Wer sich überlegt, eine Immobilie zu kaufen für das Alter, da sagen wir, wir wollen den von der Grunderwerbssteuer befreien", sagt Lambsdorff. Er wirft noch ein, den Spitzensteuersatz senken zu wollen - eine Maßnahme, von der die meisten Alleinerziehenden ganz sicher nicht profitieren würden.

Das merkt auch die Moderatorin. Sie geht dazwischen: "Immobilien kaufen ist, glaube ich, kein Thema für die meisten Alleinerziehenden". Tatsächlich ist keine Bevölkerungsgruppe in Deutschland so stark von Armut bedroht wie alleinerziehende Eltern.

Lambsdorff wiegelt ab: "Wenn ich eine Miete habe, ich sag mal, 300, 400 Euro - das ist auch das, was ich abzahlen kann als Kredit."

Viele Kommentatoren bei Twitter waren da jedoch ganz anderer Meinung.

"Wie weltfremd ist Graf Lambsdorff?"

"400 Euro um eine Eigentumswohnung zu finanzieren? Wie weltfremd ist Graf Lambsdorff", fragt ein Nutzer.

Eine Frau fragt: "Und welche Bank gibt der Alleinerziehenden einen Kredit, Herr Lambsdorff?"

Ein Dritter zeigt sich richtiggehend erbost: "So ein Interview wie der Lambsdorff kannst du nur bringen, wenn du geerbte Millionen hast und dir um nichts mehr Sorgen machen musst."

"Marie-Antoinette Lambsdorff"

Der Ärger im Netz war bei diesen Twitter-Nutzern wohl auch deshalb so groß, weil Lambsdorff im Gespräch selbst auf Nachfrage nicht von seiner Immobilienpolitik für Arme abrücken wollte.

Die FDP sei gegen die Mietpreisbremse, für Leiharbeit, für weitere befristete Verträge - "eigentlich all die Dinge, die den Leuten wahnsinnig auf den Nerv gehen, weil junge Leute echt Probleme haben, damit ihr Leben aufzubauen", sagt die "Morgenmagazin"-Moderatorin.

Lambsdorff geht auf die Arbeitsmarkt-Themen gar nicht ein, sondern startete einen Gegenangriff: "Was hat denn die Mietpreisbremse gebracht bisher?" Das einzige, was dieses Gesetz gebremst hätte, wäre der Wohnungsbau. "Wir sagen als FDP durchaus auch Sozialer Wohnungsbau. Aber wenn sie eine Mietpreisbremse machen, wer investiert denn dann in Wohnungsbau?"

Alleinerziehende Mütter ganz sicher nicht. Lambsdorff spricht stattdessen von Investoren im Markt für Wohnungsbau, die so viel Geld hätten, dass sie auch woanders investieren könnten. Die Mietpreisbremse verhindere also, dass sich die Angebote im Wohnungsmarkt steigern und die Preise für Wohnungen dadurch sinken würden.

Eine hehre, aber weiterhin auch unrealistische Hoffnung.

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Ein Twitter-User brachte diese Diskrepanz zwischen gutem Willen und Realitätssinn beim FDP-Politiker Lambsdorff mit einem Vergleich humorvoll auf den Punkt: "Marie-Antoinette Lambsdorff". Frei nach dem Motto: Wenn sich das Volk keine Mieten leisten kann, dann soll es sich Wohnungen kaufen.

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(ll)