"Wir erleben eine radikale Abkehr der Deutschtürken": Wieso Erdogans Schatten über der Bundestagswahl liegt

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"Wir erleben eine radikale Abkehr der Deutschtürken": Wieso Erdogans Schatten über der Bundestagswahl liegt | Fabian Bimmer / Reuters
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  • Vor der Bundestagswahl ist die deutsch-türkische Community gespalten
  • Einige fühlen sich eingeschüchtert, andere haben sich von den deutschen Parteien abgewendet

Berlin-Kreuzberg: Mit SPD-Frau Cansel Kiziltepe und Grünen-Politikerin Canan Bayram kämpfen hier gleich zwei Deutsch-Türkinnen um das Direktmandat für den deutschen Bundestag. Beide können sich Hoffnung auf den Einzug in das Parlament machen – auch weil sie mit den Stimmen vieler hier lebender Deutschtürken rechnen.

Doch beide Politikerinnen berichten auch von einer großen Verunsicherung bei den Menschen. "Es ist eine große Zurückhaltung zu spüren", sagte Bayram zuletzt. Kiziltepe sprach von Angst. Immer wieder sei bei Wählern mit türkischem Hintergrund die Rede von türkischen Agenten, Spionage, schwarzen Listen.

Für viele Deutschtürken ist diese Bundetagswahl ein heikles Thema: Nicht nur wegen der Einschüchterungen, denen sich viele ausgesetzt fühlen.

Denn es gibt noch eine andere beunruhigende Beobachtung: Viele Deutschtürken wissen schlichtweg nicht mehr, wen sie wählen sollen. Ihre politische Heimat haben sie in den andauernden Streitereien zwischen Berlin und Ankara verloren.

Zingal: "Radikale Abkehr von den etablierten Parteien"

Lange war diese Heimat für viele vor allem die SPD. Laut einer Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration sympathisierten 2016 etwa 70 Prozent der Deutschtürken mit den Sozialdemokraten.

Doch in diesem Wahlkampf könnte sich das geändert haben.

Davon ist zumindest Fatih Zingal überzeugt. Er ist Unterstützer und einer der prominentesten Lobbyisten der Erdogan-Partei AKP in Deutschland. Bis 2011 war Zingal selbst Mitglied der SPD. "Wir haben eine radikale Abkehr von den etablieren Parteien erlebt", sagt er der HuffPost.

Besonders konservativ-liberale Deutschtürken würden sich abwenden. "Und das sind etwa 70 Prozent der Deutschtürken", glaubt Zingal. Statt authentisch für Aufstiegsmöglichkeiten und eine Durchlässigkeit des Bildungssystems zu kämpfen, habe etwa die SPD die Deutschtürken selbst zum Wahlkampfthema gemacht.

"Sie dämonisieren Menschen zum Beispiel als türkische Pegida. Menschen, die zur Mitte der Gesellschaft gehören", beklagt der Erdogan-Unterstützer. Die neuen Forderungen, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen, würden in der Gemeinde als Teil dieser Strategie aufgefasst.

"Es ist eine Suche nach immer neuen Superlativen um Umgang mit der Türkei", glaubt Zingal. Er geht von einer "Quittung" aus, die es am Sonntag geben werde. "In einigen Wahlkreisen wird das spürbar sein."

Angst vor Agenten, Spionen und Einflussnahme

Auch SPD-Frau Kiziltepe spürt offenbar, dass sich etwas verändert hat. "Mir begegnen Anhänger, die Erdogan so verehren, dass ich nicht durchdringe", sagte sie zuletzt der "Süddeutschen Zeitung".

Und der türkische Präsident versucht auf direktestem Weg, die Wahl zu beeinflussen. So rief er die über 700.000 deutschtürkischen Wähler auf, ihr Kreuz nicht bei SPD, Union oder den Grünen zu machen. Diese Parteien seien "Feinde der Türkei".

Erdogan-Anhänger Zingal nennt das eine "Retourkutsche" für die deutsche Einmischung in den Wahlkampf zum türkischen Präsidialreferendum im April.

Andere beurteilen Erdogans Boykottaufruf deutlich kritischer. Der Chef der Kurischen Gemeinde in Deutschland, Ali Toprak, warnte zuletzt in der HuffPost: "Es geht um den sozialen Frieden, aber auch ernsthaft um unsere Sicherheit“.

Auch Grünen-Politikerin Bayram warnte mit Blick auf die Wahl in der "SZ": "Es gibt die Sorge, dass hier Spitzel unterwegs sind." Viele Menschen hätten im Falle einer falschen politischen Positionierung auch Angst um ihre Familie in der Türkei oder ihr Eigentum dort.

Wie frei die Wahlentscheidung der Deutschtürken also wirklich ist, daran scheint in Einzelfällen Zweifel zu bestehen. Fest steht: Der lange Schatten von Erdogan liegt auch über der Bundestagswahl.

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(jg)

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