Die AfD gewinnt schneller an Macht als die FPÖ: So blickt eine österreichische Journalistin auf den deutschen Wahlkampf

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WEIDEL GAULAND
AfD-Spitzenduo Weidel und Gauland. | NurPhoto via Getty Images
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  • Was lässt sich anhand des Aufstiegs der rechtspopulistischen FPÖ über die AfD lernen?
  • Die Berlin-Korrespondentin des österreichischen "Kurier" Evelyn Peternel gibt Antworten

Die AfD wird wohl mit einem beunruhigend hohen Ergebnis in den Bundestag einziehen. Aktuelle Umfragen sehen die Partei auf dem dritten Platz hinter der SPD und CDU.

Nicht nur in Deutschland löst der Erfolg der Rechtspopulisten Sorgen aus - sondern auch bei den europäischen Nachbarn.

"Was Deutschland mit der AfD erlebt, hat Österreich vor Jahrzehnten bereits mit der FPÖ durchgemacht", sagt Evelyn Peternel, Berlin-Korrespondentin der österreichischen Tageszeitung "Kurier". Peternel hat sich auch intensiv mit dem Aufstieg der AfD befasst.

"Ich schaue mit einem gewissen Schrecken auf den Aufstieg der AfD", sagt sie.

"Die AfD gewinnt in einem solchen Tempo an Einfluss, wie wir es in Österreich nicht beobachtet haben. Die FPÖ hat deutlich länger gebraucht, um zu einer relevanten politischen Kraft zu werden."

Wir haben mit Peternel über den Erfolg der Rechtspopulisten in Österreich und in Deutschland gesprochen - und darüber, was Deutschland von seinem Nachbarn lernen kann.

Viele Parallelen zwischen AfD und FPÖ

Peternel sieht mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Parteien. Im HuffPost-Gespräch sagt sie:

"Es gibt offensichtliche Parallelen – etwa die Fremdenfeindlichkeit, die nach außen getragen wird. Oder eine gewisse politische Ermüdung in der Bevölkerung, aus der die beiden Parteien entstehen konnten."

Die politische Ermüdung habe sich in beiden Ländern auch durch eine Große Koalition verstärkt.

Tatsächlich dominiert das Bündnis aus sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP seit 1945 politisch die Alpenrepublik.

Große Koalition bereitet Nährboden für Populisten

Die beiden Volksparteien kommen auf 44 gemeinsame Jahre an der Macht. Seit 2007 regieren sie nach einer Koalitionsphase von ÖVP und FPÖ wieder zusammen. Zuletzt wurde die Alpen-GroKo mit knapper Mehrheit bei der Parlamentswahl 2013 bestätigt.

Dazu sagt "Kurier"-Korrespondentin Peternel:

"Die Große Koalition hat dazu geführt, dass bei den zentralen Fragen bei fast alle Parteien eine breite Einigkeit herrscht, die Flüchtlingskrise ist dafür nur das jüngste Beispiel. So etwas ist der Nährboden für Populisten, was AfD und FPÖ begriffen haben. Die FPÖ hat in Österreich, lange bevor die Flüchtlingskrise ausgebrochen ist, zudem den Diskurs zum Thema Migration bestimmt. Da haben die Parteien den Populisten ein riesiges Feld überlassen."

Die österreichische Journalistin hat deshalb auch eine eindringliche Warnung an die deutsche Politik. Sie sagt:

"Der größte Fehler wäre es, denke ich, in Deutschland nach der Wahl eine neue Große Koalition zu bilden."

Aber reicht das, um die Rechtspopulisten zu entzaubern?

"Mit den rechtspopulistischen Parteien umzugehen, ist schwierig - in Österreich haben es die etablierten Parteien sowohl mit Ausgrenzung als auch mit Zusammenarbeit versucht, beides hat nicht gut funktioniert."

"Weder der eine noch der andere Weg führt dazu, dass sich die Populisten von der Strategie verabschieden, mit radikalen Äußerungen den politischen Diskurs zu bestimmen.

Das einzige, was helfe, sei "gute Regierungsarbeit".

Die Journalistin hat auch einen Appell an ihre deutschen Journalisten-Kollegen, bei denen sie eine Mitverantwortung am Aufstieg der Partei sieht:

"Ich wundere mich auch über den Umgang der Medien mit der AfD. Ich war vor wenigen Wochen auf einer Veranstaltung der Partei. Kein Journalist hat mit den AfD-Anhängern geredet. Klar, die Wut ist abschreckend. Aber wie will man verstehen, wenn man nicht redet? So entstehen Gräben zwischen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe und der breiten Öffentlichkeit und das führt dazu, dass sich so wahnsinnig viele Leute vom herrschenden politischen Kurs nicht mehr repräsentiert fühlen. Am Ende profitieren davon wieder nur Populisten.“

Eine ähnliche Diskussion führen die österreichischen Medien, die allerdings schon deutlich länger Erfahrung mit Rechtspopulisten haben. Das Land ist einiges gewohnt im Umgang mit der FPÖ.

Gegründet wurde die FPÖ 1956. Sie diente als Sammelbecken ehemaliger Nationalsozialisten. Waren bis in die 1990er-Jahre auch noch regelmäßig antisemitische Äußerungen von Mitgliedern zu hören, sieht die FPÖ zuletzt vor allem im Islam eine Gefahr für Österreich.

Einige Wahlkampfslogans führten zu großen Kontroversen: Einmal hieß es "Daham statt Islam" oder "Mehr Mut für unser Wiener Blut".

2005 folgte die Spaltung. Galionsfigur Jörg Haider gründete seine eigene Partei, das Bündnis Zukunft Österreich. Der gelernte Zahntechniker Strache übernahm das Ruder der FPÖ und führte sie polternd zum Erfolg.

Verglichen damit wirkt die AfD noch wie eine rechtspopulistische Partei in den Kinderschuhen.

Erst 2013 gegründet, kann sie auf eine kurze, aber erfolgreiche Partei-Historie zurückblicken. Sie ist in fast allen Landesparlamenten sowie in Brüssel vertreten.

Doch nicht nur die Geschwindigkeit, mit der sich die AfD durch die politische Landschaft pflügt, macht Peternel Sorgen. Es ist auch der politische Duktus der Partei.

Im Gespräch sagt sie:

"Was ich ebenfalls erschreckend finde, ist dieses schreiende und menschenverachtende Element, das sowohl AfD-Politiker als auch viele Anhänger haben. Menschen in Anatolien entsorgen? Die Regierung als Schweine bezeichnen? Das macht mir schon Angst.

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