"Der Islam ist kein Problem, das man lösen muss": Das haben elf Muslime Deutschland vor der Bundestagswahl zu sagen

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MUSLIMS SCHULZ
Eine Muslima mit einem Kinderwagen auf einer Straße in Berlin. Photo by Sean Gallup/Getty Images | Sean Gallup via Getty Images
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  • Rund 1,5 Millionen Muslime sind in Deutschland wahlberechtigt
  • Sie könnten bei der Bundestagswahl einen entscheidenen Unterschied machen
  • Die HuffPost hat 11 Muslime gefragt, was sie über die Wahl am kommenden Sonntag denken

Noch vier Tage verbleiben, bis Deutschland die Mitglieder des 19. Bundestags wählt. Von den 61,5 Millionen Wahlberechtigten gehören rund 1,5 Millionen der islamischen Religionsgemeinschaft an.

Im Wahlkampf haben die Themen Islam und Integration immer wieder eine tragende Rolle gespielt.

Experten und Politiker diskutierten in Fernseh-Talkshows über Kopftuchverbote, die islamischen Ideologie und darüber, wie die Millionen Muslime in Deutschland in die Gesellschaft zu integrieren sind.

So verurteilte CDU-Politiker Jens Spahn etwa die Bekleidungsvorschriften des Islam, Martin Schulz hingegen betrachtet den Islam "als eine Religionsgemeinschaft wie jede andere auch" und Christian Lindner sagte der Zeitung "Der Westen": "Der Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre, ist mir zu pauschal. Das kann als kritikloses Nebeneinander missverstanden werden“.

Eine wichtige Gruppe wurde zum Thema Islam in Deutschland jedoch so gut wie nie befragt: Die Muslime selbst - und das, obwohl sie eben einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Wähler ausmachen.

Die HuffPost hat daher elf Muslime nach ihren Gedanken zur Bundestagswahl gefragt.

Welche Rolle spielt für sie der Islam in der deutschen Politik? Was denken sie über die Wahlprogramme der Parteien? Und welche Hoffnungen haben sie für die Zukunft?

Das sind ihre Antworten.

Merve Gül, Jurastudentin und Übersetzerin: "Wir Muslime sind kein Sicherheitsrisiko!"

merve gül

"Ich habe oft das Gefühl, dass Muslime als Sicherheitsrisiko empfunden werden. Das ist kein besonders schönes Gefühl. Als ob wir kein Interesse daran hätten, in Frieden zu leben.

Dennoch bin ich nicht der Ansicht, dass der Islam im Wahlkampf instrumentalisiert wurde. Es gibt zahlreiche Kampagnen von jungen Muslime, die deutschlandweit zum Wählen aufrufen. Zum Beispiel der Verein Zahnräder Netzwerk.

Was wir in der Politik wirklich brauchen, sind neue Ansätze und echte Visionäre. Das Gerede von Integration bringt Menschen mit Migrationshintergrund, die hier aufgewachsen sind, überhaupt nichts.

Wir wollen in einem Land leben, in dem Muslime die gleichen Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt haben, wie andere Deutsche. Dass sich Parteien diese Forderungen auf die Fahnen schreiben, aber nur wenig Einsatz dafür leisten, ist nicht wirklich authentisch."

Ugurlu Soylu, Diplom-Volkswirt aus Manheim und Pionier des Islamic Banking: "Der Islam ist kein Problem, das man lösen muss!"

soylu

"Ich habe mein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Es tut mir weh, dass die Parteien in Deutschland den Islam immer mit den Themen Integration und Zuwanderung verknüpfen – und als Problem ansehen, das man irgendwie lösen muss.

Es wird zurecht darauf verwiesen, dass sich Muslime nicht von der Gesellschaft separieren sollen. Aber deutsche Muslime kommen im Weltbild der Parteien dennoch nicht vor.

Ich wünsche mir, dass wir Muslime eine genauso kleine oder genauso große Rolle in den Wahlprogrammen spielen wie Christen, Juden, Buddhisten oder andere auch.

Das ist eine Herausforderung für uns alle. Aber wenn wir das nicht hinkriegen, spielen wir den Leuten in die Hände, die die Gesellschaft spalten."

Rabeya Müller, Imamin und Bildungsreferentin beim Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung: "Radikale und Extremisten sind ein Problem, mit dem wir alle zu kämpfen haben"

rabeya müller

"Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass viele Gruppen und Parteien immer nur einen Aspekt des Islams oder Menschen muslimischen Glaubens berücksichtigen.

Musliminnen und Muslime sollten nicht anders behandelt werden als andere Bürgerinnen und Bürger.

Das würde auch dazu führen, dass bestimmte Gruppierungen den Islam nicht derart instrumentalisieren könnten wie dies bisher, übrigens auch ohne Wahlkampf, geschieht.

Es wäre wichtig Normalität in die Beziehungen zwischen Musliminnen/Muslimen und der nichtmuslimischen Bevölkerung zu bringen, sich eben nicht gegenseitig als Problem zu betrachten, sondern gemeinsam die Probleme anzugehen, die uns in der Gesamtgesellschaft betreffen.

Mehr zum Thema: Wen wählen Muslime bei der Bundestagswahl? Das sagen Experten

Radikale und Extremisten sind ein Problem, mit dem wir alle zu kämpfen haben und das uns alle beschäftigt.

Meine Kinder und Enkel sind deutsche Musliminnen und Muslime von Geburt an – es wäre schön, wenn sie mit dieser Selbstverständlichkeit aufwachsen und leben könnten. Zumindest habe ich versucht ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. Meines Wissens nach werden sie das auch tun – Gott sei Dank."

Benjamin Idriz, Imam und Vorsitzender des "Münchner Forums für Islam": "Muslime, die sich für das Miteinander einsetzen, sollten kräftigere Unterstützung erhalten"

benjamin idriz

Der Islam wird in der Politik überwiegend als Problem thematisiert. Wenn einer ziemlich großen Gruppe der deutschen Bevölkerung - und dazu zählen Musliminnen und Muslime nun mal - kontinuierlich und über Jahrzehnte hin immer wieder vorgehalten wird, sie seien vor allem ein Problem, dann trägt das erst einmal gerade nicht zur Lösung von Problemen bei.

Unser Ziel sollte es sein, sehr viel mehr das Positive, Konstruktive, Ermutigende in den Vordergrund zu stellen. Muslime, die sich erfolgreich für das Miteinander einsetzen, sollten viel mehr wahrgenommen werden und viel kräftigere Unterstützung erhalten.

Wir haben in München derzeit gerade das ganz akute Problem, dass seit mehreren Monaten in der Innenstadt keine Gebetsräume mehr für das Freitagsgebet bestehen.

Von einer Millionen- und Weltstadt würde man erwarten, dass sie im eigenen Interesse gemeinsam mit den Muslimen nach schnellen, praktikablen Sofortlösungen sucht; aber da wartet man, wie sich zeigt, lieber erst das Ende des Wahlkampfes ab, bevor man öffentlich auf Muslime zugeht.

Auf der Bundesebene hat sich mit der sogenannten Islamkonferenz gezeigt, dass man Jahr um Jahr vergehen lässt und auf die leider tatsächlich in vielem zerstrittenen Muslime, auf die Gegensätze zwischen Verbänden, Strömungen und Einzelinteressen verweist.

Stattdessen müsste sich die Politik Partner unter den Muslimen suchen, die gemeinsam konstruktiv etwas bewegen wollen und mit diesen entschlossen vorangehen, Strukturen aufbauen, Wege aufzeigen und vorgeben, wie wir weiterkommen. Das wäre gar nicht schwer- wenn man es nur will!

Menerva Hammad, Bloggerin und Schrifstellerin: "Wenigstens steht Angela Merkel zu ihren Entscheidungen - und rennt nicht schreiend aus Talkshows heraus"

menerva hammad

"Für mich als Muslima gibt es nach diesem Wahlkampf immer noch extrem viele ungeklärte Fragen: Wieso müssen Menschen aus anderen Kultur- und Religionskreisen ihre Werte in Deutschland aufgeben? Reicht es sich nicht deutsche Werte noch zusätzlich anzueignen?

Was ist mit den Deutschen, die zum Islam konvertiert sind? Müssen die sich auch integrieren? Und wer bewertet so eine Integration überhaupt als gelungenen oder gescheitert?

Konkrete Antworten gab es auf diese Fragen nur selten. Stattdessen begnügten sich Politiker aller Couleur damit, Angela Merkel als das große Problem Deutschlands darzustellen. Dabei steht sie wenigstens zu ihren Entscheidungen und rennt nicht entrüstet aus Fernseh-Talkshows heraus.

Ich wünsche mir, dass nach der Bundestagswahl endlich die wirklich wichtigen Themen angegangen werden. Zum Beispiel die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau. Das ist lange überfällig."

Orhan Bey, 27 Jahre, aus Düsseldorf, Verfahrenstechniker: "Wir dürfen nicht zulassen, dass sich immer mehr Muslime abkapseln!"

orhan bey

"Die Integration von Muslimen ist zu Recht ein Thema im Wahlkampf gewesen. Ich begegne leider immer wieder Menschen aus meinem Heimatland, der Türkei oder anderen arabischen Ländern, die anscheinend den Knall nicht gehört haben.

Sie genießen es zwar in einem der lebenswertesten Ländern der Welt zu leben, aber sehen es nicht ein, sich der Gesellschaft und den damit verbundenen Werten anzupassen.

Auf der anderen Seite muss es natürlich auch zur Aufgabe der Politik gehören, dass Muslime auf eine sinnvolle Art und Weise motiviert werden, sich den gesellschaftlichen Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen.

Mehr zum Thema: Bevor ihr AfD wählt - bitte vergesst nicht, was wir Migranten für Deutschland getan haben

Wir dürfen nicht zulassen, dass sich mehr und mehr Muslime abkapseln!

Meine Eltern haben alles dafür getan, dass ich als Deutscher aufwachse. Der Islam, der mir von ihnen vermittelt wurde, beinhaltet alle Menschen zu respektieren und Anderen in Not zu helfen.

Es gibt eben nicht den einen Islam, so wie es oft in den Medien dargestellt wird."

Ramazan Demir, islamischer Gefängnisseelsorger und Religionspädagoge: "Tag für Tag steigt die Islamophobie in Deutschland"

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"Ich finde es entsetzlich, wie auf dem Rücken der Muslime Politik betrieben wird. Es wird sehr viel verallgemeinert und nicht differenziert.

Das Integrationsthema wurde zum Islamthema, ebenso der IS-Terror und die Flüchtlingswelle.

Die Mehrheit der Deutschen kann nicht zwischen Radikalität und Religiosität unterscheiden. So steigt Tag für Tag die Islamophobie in Deutschland."

Bülent Babür, Ökonom und Doktorand der University of Bolton: "Mein wichtigstes Thema ist nicht der Islam sondern soziale Gerechtigkeit"

bülent babür

"Der Islam sollte meiner Meinung nach nicht gesondert thematisiert werden. Religion darf nicht politisiert werden. Menschen, die sich radikalisieren, machen das nicht aufgrund ihres Glaubens.

Die echten Quellen der Radikalisierung sind mangelnde Bildung, fehlende Orientierung innerhalb eines immer schnelleren gesellschaftlichen Wandels und der schwächer werdende Sozialstaat im Zuge des wuchtigen Kapitalismus.

Mein wichtigstes politisches Thema ist daher auch nicht der Islam, sondern die soziale Gerechtigkeit.

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Wenn Menschen mit 700 Euro Rente auskommen müssen, dann bin ich garantiert für einen Wandel. Denn das verletzt aus meiner Sicht den 1. Artikel unseres GG.

Aus diesem Grund werde ich auch dafür stimmen, dass Senioren endlich ihre Würde wieder erlangen können. Nicht als Muslim, nicht als Türke - sondern als Mensch, der mit diesen Menschen mitleidet."

Said Haider, Jurist und Vorstandsvorsitzender des Vereins Zahnräder Netzwerk: "Frauen mit Kopftüchern sollten Richterinnen und Lehrerinnen werden können"

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"Ich würde mir wirklich wünschen, dass sich die großen Parteien dafür einsetzen, dass Frauen mit Kopftüchern in Deutschland Richterin und Lehrerin werden können.

Doch wenn man sich die aktuellen Diskussionen über Muslime in Deutschland ansieht, gibt die AfD den Ton und die Zielrichtung an. Auf diese destruktiven Debatten müssen die anderen Parteien dann reagieren.

Deutsche Muslime einerseits als separate Gruppe und andererseits als Teil des Landes zu betrachten und differenzierte Diskussionen zu führen, ist ein Drahtseilakt, der kaum einem Politiker gelingt. Das ist frustrierend."

Ersin Dermican, Blogger aus Köln: "Die Diskussionen über Muslime in Deutschland sind ein Armutszeugnis"

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"Wenn man sich die Programme der Parteien durchliest, kann man schnell der Eindruck gewinnen, Muslime seien Aliens, die erst vor kurzem in Deutschland gelandet sind.

Das wir heute noch darüber diskutieren, ob und wie Muslime zu Deutschland gehören, ist ein Armutszeugnis.

Bei etwa 4,5 Millionen Muslimen, von denen gerade mal 1,5 Millionen wahlberechtigt sind, braucht man sich auch nicht wundern, dass die Parteien sich nicht um die Gunst der muslimischen Wähler bemühen.

Die Zahl der Wahlberechtigten könnte viel höher liegen, wenn die Menschen von ihrem Recht auf die deutsche Staatsangehörigkeit gebrauch machen würden oder die Politik den Weg für den Doppelpass freimachen würde."

Alim Khaleel*, Student aus München: "Politiker sollten die Menschen beruhigen, nicht weiter anstacheln!"

young man back

"Der Islam an sich wird oft als gefährliche Ideologie bezeichnet, während wir Muslime oft als eine gefährliche Randgruppe dargestellt werden.

Jede Partei versucht auf ihre Weise mit dieser vermeintlichen Gefahr umzugehen. Dabei wird der Islam stark instrumentalisiert.

Die Sprüchen auf manchen Wahlplakaten empfinde ich als erschreckend, häufig aber auch einfach nur als lächerlich.

Mehr zum Thema: Islamkritiker Abdel-Samad richtet eindringlichen Appell an junge Muslime - jeder sollte das Video gesehen haben

Im Wahlprogramm der CSU ist von islamistischen Terror und radikalen Linken die Rede. Rechter Extremismus bleibt hingegen unerwähnt, was ich bei den aktuellen wachsenden rechten Strömungen sehr bedauerlich finde.

Genauso finden die steigenden Angriffe auf Muslime und die wachsende Islamophobie in keinem der Parteiprogramme Beachtung.

Von der deutschen Politik erwarte ich eigentlich, dass sie die Bevölkerung beruhigt und nicht noch zusätzlich aufstachelt. Deutschland hat genug eigene Probleme und sollte aufhören mit Islam- und Erdogan-Bashing von diesen abzulenken."

*Der 28-Jährige möchten anonym bleiben. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

(jz)

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