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20/09/2017 06:25 CEST | Aktualisiert 20/09/2017 09:05 CEST

Mexikos tragischer 19. September: Mindestens 220 Menschen sterben bei Erdbeben

  • Mexiko Stadt ist von einem schweren Erdbeben erschüttert worden

  • Das Ausmaß der Schäden ist bisher völlig unklar

  • Die Zahl der Toten wird auf mindestens 220 geschätzt

Es ist 13.14 Uhr mittags, die Menschen fahren in den Aufzügen der Bürohäuser zum Mittagessen nach unten. Plötzlich bebt die Erde, Aufzüge bleiben stehen. Panik. Menschen schreien.

Die Wolkenkratzer in Mexiko-Stadt schwanken hin und her, einige Gebäude stürzen ein, Fasseadenteile fallen wie Pappe auf die Straßen. Wer kann, rennt so schnell es geht nach draußen, weg von den Häusern.

Es ist ein gespenstisches Bild, als das Beben der Stärke 7,1 nachlässt.

Ein Beben, ausgerechnet am Jahrestag des Jahrhundertbebens

Rauchschwaden hängen über der Skyline, Staub liegt in der Luft. Zwei Stunden zuvor fanden noch große Evakuierungsübungen in Bürogebäuden, Schulen und Krankenhäusern statt, wie jedes Jahr am 19. September.

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Denn das ist der Jahrestag des "Jahrhundertbebens" vom 19. September 1985, als fast 10 000 Menschen starben. Nun wird aus dem Testfall bitterer Ernst. Und wieder trifft es Mexiko-Stadt hart.

Schwer beschädigte Krankenhäuser müssen evakuiert werden. Unter freiem Himmel werden Verletzte mit Infusionen versorgt. Bewohner sind zum Teil in brennenden Häusern eingeschlossen. Überall liegen Menschen in den Trümmern, mit bloßen Händen wird gesucht.

"Meine Familie wohnt in diesem Gebäude", schreit eine verzweifelte Frau.

"Ihre Namen sind nicht auf der Liste, sie stehen da nicht drauf", ruft sie verzweifelt, als sie die Namen von 16 geretteten Menschen liest.

Mehr als 20 Kindern kommen ums Leben

"Wir wissen nicht, wie viele noch in den Trümmern sind", sagt eine Polizistin auf der Avenida Nuevo León zu ihr. Vier Lastwagen mit Rettungskräften kommen angefahren, Freiwillige packen überall mit an.

Besonders dramatisch ist die Lage in der Grundschule "Enrique Rébsamen" - hier war auch ein Kindergarten untergebracht. Das Gebäude ist eingestürzt, unter den Trümmern sind Kinderstimmen zu hören. Mehr als 20 Kindern sollen bei dem Beben umgekommen sein.

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"Wir können keine Maschinen einsetzen", sagte Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong. Die Retter versuchen mit Spitzhacken und Händen vorzudringen. Acht Kinder und eine Lehrerin werden tot geborgen.

Staatspräsident Enrique Peña Nieto hatte noch wenige Stunden zuvor in einem Trauerakt an die Opfer von 1985 erinnert, nun überfliegt er im Helikopter die schwer getroffene Hauptstadt.

Gefängnisse werden evakuiert

Er muss ahnen, dass die Opferzahl sehr hoch sein könnte. Stündlich steigt die Zahl der Toten an, erst sind es sieben, dann über 40, 77, dann 120, dann 150. Gerade in eingestürzten Hochhäusern ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.

Inmitten des Chaos müssen sogar zwei beschädigte Gefängnisse im Bundesstaat Puebla, wo der VW-Konzern ein großes Autowerk betreibt, evakuiert und Gefangenentransporte organisiert werden. Der wirtschaftliche Schaden der Katastrophe ist noch nicht abzusehen.

US-Präsident Donald Trump, der die Mexikaner sonst mit Vorliebe attackiert und eine Grenzmauer zum Schutz vor Drogendealern und Migranten errichten lassen will, twittert: "Gott segne die Menschen in Mexiko-Stadt. Wir sind bei Euch und werden für Euch da sein."

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Mexikos Innenminister Osorio Chong ruft dazu auf, das Handynetz nicht zu strapazieren, man brauche es für Notrufe. Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Miguel Ángel Mancera, teilt mit, dass wie bei Terroranschlägen der Safety Check von Facebook aktiviert worden sei, damit Angehörige sich vergewissern können, ob ihre Liebsten in Sicherheit sind.

Jüngstes Beben liegt nur 2 Wochen zurück

In der Metropole und drumherum leben rund 20 Millionen Menschen, ein lange trainierter Notfallplan läuft an.

Mexiko befindet sich in einer der aktivsten Erdbebenzonen - gegen die Kraft der Natur lassen sich kaum absolut erdbebensichere Hochhäuser bauen. Das Zentrum lag rund 130 Kilometer südöstlich bei Axochiapan. Erst vor knapp zwei Wochen bebte die Erde, damals lag das Zentrum aber im Pazifik, 98 Menschen starben, vor allem im Süden des Landes.

1985 lag die Stärke des Bebens bei 8,1 und suchte ebenfalls die Hauptstadt heim. Videos vom aktuellen Beben zeigen schreiende Eltern und ihre Kinder in schwankenden Wohnungen, Kommoden stürzen um, Lampen fallen von der Decke. Minutenlange Todesangst.

"Unser Gebäude hat geschwankt wie ein Baum in Wind", berichtet Javier Londono, der in einer Bank arbeitet. "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Schäden lassen sich nur erahnen

Im Viertel Cuauhtemoc wird ein mehrstöckiges Wohnhaus evakuiert. Tiefe Risse ziehen sich an der Fassade entlang. "Wo sollen wir denn heute schlafen?", fragt Bewohnerin Veronica Sandoval. "Ich habe nichts bei mir. Nur meine Kleidung und meine Hausschlüssel."

Ob sie jemals zurückkehren kann, ist fraglich. Wie groß die Schäden sind, wie viele Häuser verloren, das lässt sich zunächst nur erahnen.

"Ich habe zu Gott gebetet. Ich dachte, jetzt geht es zu Ende", sagt Stephanie Morales. "Ich kann meinen Mann nicht erreichen", sagt eine Frau mit tränenerstickter Stimme.

An der Geschäftsstraße Paseo de La Reforma tritt Gas aus. Tausende Menschen suchen Abstand zu den hohen Bürogebäuden. Die Angst vor Nachbeben ist groß, die Lage chaotisch. Das Handynetz bricht zusammen, 3,8 Millionen Menschen sind zeitweise ohne Strom. Der internationale Flughafen stellt den Betrieb ein.

"Alles vibrierte, die Möbel, die Fenster"

"Wir haben gerade Brot gebacken, als alles anfing zu wackeln. Die Fenster zerbrachen und die Öfen", sagt der Bäcker Pedro Sandoval. Norma Medina aus dem Stadtteil Colonia Nochebuena denkt sofort an das Riesenbeben von 1985.

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Sie kann sich auch dieses Mal retten und berichtet mit staubverschmiertem Gesicht: "Alles vibrierte, die Möbel, die Fenster. Es erinnerte mich an das Beben von 85", sagt sie.

"Und ausgerechnet heute war zuvor noch eine Simulation für den Fall eines solchen Erdbebens." Die große Evakuierungsübung war gerade abgeschlossen, als die «echte» Katastrophe über Mexiko hereinbrach.

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