AfD-Politiker Gauland kämpft in Ostbrandenburg um ein Direktmandat - und das beunruhigend erfolgreich

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Alexander Gauland: AfD-Spitzenkandidat, der in Ostbrandenburg direkt in den Bundestag einziehen will | dpa
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  • AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland tritt im Wahlkreis Frankfurt (Oder) – Oder-Spree als Direktkandidat an
  • Er könnte überraschend gewinnen - trotz aller Bemühungen der Gegenkandidaten von CDU, Linke und SPD
  • Es wird dafür vor allem auf eine Sache ankommen: Den Frust der Frankfurter Bürger

Alexander Gauland ist ein Phantom, zumindest in Ostbrandenburg.

Dort, im Wahlkreis 63 Frankfurt (Oder) – Oder-Spree, will der AfD-Spitzenkandidat ein Direktmandat erringen. Und das obwohl seine Partei vor Ort einen zurückhaltenden Wahlkampf macht und der rechtspopulistische Politiker erst zweimal selbst im Wahlkreis war, wie er selbst sagt.

Dennoch hat Gauland das Potential, hier die meisten Erststimmen zu bekommen. Das räumen sowohl Experten als auch seine politischen Gegner im Wahlkreis ein. Er selbst erklärt der HuffPost vor einer Wahlveranstaltung in Berlin-Zehlendorf, dass seine Chancen "nicht schlecht" seien. "Der Wahlkreis ist sehr gut."

In der Tat: Die AfD hat die Region um Frankfurt an der Oder vor allem aus taktischen Gründen gewählt, bei der letzten Wahl bekamen die Rechtspopulisten dort teilweise über 20 Prozent der Stimmen.

Und ein AfD-Direktmandat wäre ein enormes machtpolitisches Signal - ein Fanal auch über die Republikgrenzen hinweg. Ein Besuch im Wahlkreis 63 zeigt: Es wird der Frust der Bürger hier sein, der letztlich über den Wahlausgang entscheidet.

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Wahlkampf zwischen dem Stadtrand Berlins und der polnischen Grenze

patzeltMartin Patzelt, CDU, in Eisenhüttenstadt

Es war eine einzige Begegnung, die Martin Patzelt zweifeln ließ. Zweifeln an seinem Weltbild und ob er sich wirklich gegen Gauland durchsetzen kann.

Patzelt konnte den Linken 2013 überraschend den Wahlkreis abnehmen, der von den äußersten Rändern Berlins bis zur polnischen Grenze reicht. Ein Gebiet, anderthalb mal so groß wie das Saarland. Doch nun zählt neben dem Linken-Herausforderer Thomas Nord auch Gauland zu Patzelts ärgsten Konkurrenten.

"Zuerst kommen die Menschen, dann die Ideologie", betont der CDU-Politiker, der vom "Spiegel" auch deshalb den Titel "Anti-Gauland" verpasst bekam. Bis zu der Begegnung in einem mittelständischen Unternehmen in der Nähe von Fürstenwalde dachte Patzelt, dass auch andere zumindest ähnlich denken würden.

Damals war der CDU-Mann auf Wahlkampftour durch die ostbrandenburgische Provinz. Bei dem Besuch des Betriebes habe er gedacht: "Die neuesten Maschinen in der Halle, auf dem Firmenparkplatz ein SUV - Stammwähler der CDU."

Leichtes Spiel? "Als ich mich vorstellen wollte, brüllte mir die Geschäftsführerin nur entgegen: 'Raus!'" Erst dann erblickte Patzelt zwei Merkel-Karikaturen an der Wand – die noch zusätzlich verunstaltet waren.

So viel Frust und Hass habe er bis dahin noch nie erlebt. "Ich sehe mich mit nicht gekannten Aggressionen konfrontiert, in dem Ausmaß gibt es es das erst seit die AfD aktiv wurde."

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CDU-Politiker Patzelt: "Ich bin entsetzt über Gaulands Äußerungen"

Patzelt ist bei Treffen mit AfD-Wählern aufgefallen, "dass sie nicht einfach in die Schmuddelecke gestellt werden wollen." Das habe der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder auch versucht zu vermeiden.

Bis auch die Schmerzgrenze des Christdemokraten überdehnt wurde: Das sei der Fall gewesen, als Gauland die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz "in Anatolien"entsorgen" wollte und später erklärte, dass Deutsche auf die "Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen" stolz sein sollten.

"Ich bin noch immer entsetzt über diese Äußerungen", sagt Patzelt. "Gauland ist für seine Partei der Ausweis – und seine Einstellung ist unannehmbar."

Doch selbst wenn der CDU-Politiker an den Wahlständen darauf hinwies, den allermeisten sei das egal gewesen.

"Viele Menschen kommen sich verlassen vor. Bei vielen herrscht ein Gefühl der Minderwertigkeit." So hätten sich viele schon zu DDR-Zeiten gefühlt – "und dann 25 Jahre so weitergelebt". Auch die Linke habe dieses Bewusstsein gepflegt und sich als Anwalt dieser Menschen ausgegeben. "Doch die sind der Partei nun entglitten", bemerkt Patzelt.

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Keine sichtbare Alternative - Frust bei den Wählern

nordThomas Bord, Die Linke, in Müllrose

Wie Patzelt sitzt auch Linken-Politiker Nord derzeit im Bundestag. Doch er will das Direktmandat in seinem Wahlkreis zurück.

Nord weiß, dass viele Wähler nach Orientierung suchen. "Gerade unsicheren Menschen muss man zeigen, dass man eine Wahl hat, dass es Unterschiede zwischen den Parteien gibt", betont er.

Dem Linken-Politiker ist aufgefallen, dass viele Wähler zurückhaltend seien. "Sie haben – auch aufgrund des blassen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz - das Gefühl, dass es keine Alternative zu Merkel gibt. Und das erzeugt Frust. Wenn Parteien das nicht auffangen können, dann führt das zu Protestwahlen."

Und genau die sieht er nun auf sich zukommen. Die Medien würden Gauland dabei in die Hände spielen.

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"Gauland verhindern"

"Für die AfD ist der Wahlkreis nur Mittel zum Zweck. Gauland hat vom Kreis überhaupt keine Ahnung", sagt Nord. Doch für die AfD sei das egal. Der rechtspopulistische Politiker müsse gar nicht im Wahlkreis unterwegs sein, da seine mediale Präsenz so "extrem hoch" ist.

"Er ist jeden zweiten Tag im Fernsehen, die Menschen kennen ihn. Wir alle geben uns Mühe, doch wir sind natürlich längst nicht so omnipräsent." Dass Gauland medial so verstärkt wird, ärgert Nord am meisten. Er warnt: "Mit der Erststimme müssen wir hier Gauland verhindern. Ansonsten wird das die AfD ausschlachten."

Doch das wird kein leichtes Unterfangen, da ist sich Nord sicher. "Es ist ein Dreikampf zwischen Gauland, Patzelt und mir." Das Ergebnis werde knapp. In den Hochrechnungen für den Kreis habe die AfD in der vergangenen Woche vier Prozent zugelegt – "alles ist möglich".

Deshalb erklärt Nord: "Wir dürfen den Frust der Leute nicht unterschätzen." Er könne diesen zum Teil nachvollziehen.

"Frankfurt an der Oder ist die Armutshauptstadt Deutschlands, jedes vierte Kind ist dort von Armut betroffen", erzählt Nord. "Dazu sind die Jobs schlecht bezahlt, die Polizei wird abgebaut, es wird mehr eingebrochen – damit steigt natürlich das Unsicherheitsgefühl."

Und das sei sehr schwer zu entkräften.

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Trumps Wahlsieg hatte auch gute Seiten

bergerFranz Herbert Berger, SPD, in Fürstenwalde

Der SPD-Direktkandidat Franz Herbert Berger ist da optimistischer. Die Bürger seien viel schlauer als viele denken. Denn durch die Wahl von US-Präsident Trump hätten die Menschen begonnen, "den Populismus mehr zu reflektieren."

Berger will der Angst der Menschen begegnen, indem er die Freiwilligen, die Ehrenamtlichen und Vereine unterstützt. "Genau dort, wo ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, fühlt sich niemand alleine und bedroht", sagt Berger, während er weiter Flyer, Kugelschreiber oder Flaschenöffner vor dem Rathaus in Fürstenwalde verteilt.

Die Grünen hingegen haben länger diskutiert, ob sie überhaupt jemanden ins Rennen gegen Gauland schicken. "Wir haben uns aber dann doch dazu entschieden, um die Debatte bunter zu machen und darzustellen, dass die AfD am extremen rechten Rand steht", sagt Brandenburgs Grünen-Chef Clemens Rostock, der selbst gegen Gauland antritt.

Anders als Patzelt, Nord oder Berger verfolgen die Grünen eine andere Taktik bei der Erststimme. "Wir sagen den Leuten: 'Die Erststimme brauchen wir nicht, die können Sie ruhig den Kandidaten von SPD, Linkspartei oder CDU geben."

Viele Wähler scheinen sich jedoch bereits entschieden zu haben. Nicht Wenige reagieren auf die Frage, ob man am Sonntag wählen gehe, abweisend - und erklären, dass die Politiker nach der Abstimmung ihre Überraschung erleben würden.

Eine solche möchte eine 88-jährige alte Dame aus Fürstenwalde auf jeden Fall verhindern. Sie sei im Zweiten Weltkrieg "aus dem zerbombten Potsdam" geflohen. Sie erklärt frustriert: "Ich selbst habe die NSDAP erlebt – die AfD ist der gleiche Verein."

Mehr möchte sie nicht sagen.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

(jg)