Exklusiv: Zahl an Hassverbrechen in den USA steigt unter Trump stark an

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  • Der HuffPost liegen exklusiv Daten über die Entwicklung von Hassverbrechen in den USA vor
  • Die Zahlen zeigen: Während dem US-Wahlkampf und Trumps Präsidentschaft sind die Zahlen stark gestiegen

Kritiker werfen US-Präsident Trump vor, mit seinen Reden, Tweets und Äußerungen in Interviews den Hass gegen Minderheiten zu schüren.

Allein: Bisher ließ sich das nicht belegen, weil die Zahlen über die jüngste Entwicklung bei Hassverbrechen fehlten.

Das ändert sich nun. Daten, die vom Zentrum für Hass- und Extremismusstudien an der California State University in San Bernandino erhoben und der HuffPost exklusiv zur Verfügung gestellt wurden, zeigen:

Die Anzahl an Hassverbrechen in den Vereinigten Staaten ist im Jahr 2016 um fünf Prozent im Vergleich mit dem Vorjahr angestiegen. Die Taten zielen auf die Ethnie, Religion, Sexualität, Behinderung oder auf die nationale Abstammung der Opfer ab.

Und auch im Jahr 2017 setzt sich diese Entwicklung fort.

Das erste Mal seit mehr als zehn Jahren gibt es in den USA damit einen jährlich fortlaufenden Anstieg von Hassverbrechen.

Daten aus 31 Großstädten und Landkreisen

Die von Brian Levin durchgeführte Studie gilt als verlässliche Prognose für die offizielle FBI-Statistik zu Hasskriminalität, die jedes Jahr im November veröffentlicht wird.

Levins Erkenntnisse für das Jahr 2016 ergeben sich aus der bislang umfassendsten Datenerhebung zu Hassverbrechen im Jahr der umstrittenen Präsidentschaftswahl. Die Zahlen untermauern nach einer Zahl von Verbrechen, übe rdie in den Medien breit berichtet wurde, dass der religiöse Fanatismus in den USA tatsächlich zugenommen hat.

Nach Aussage von Levin wurden im Rahmen der Studie anhand von zwei verschiedenen Datensätzen “nahezu identische” Ergebnisse zum Anstieg von Hassverbrechen ermittelt.

Der erste Datensatz umfasst die Zahlen an Hassverbrechen, die von den Strafverfolgungsbehörden in 31 Großstädten und Landkreisen ­– einschließlich der zehn größten Städte der USA – übermittelt worden waren.

Laut der Studie ereigneten sich in diesen Städten und Landkreisen insgesamt 2.101 Hassverbrechen, was im Vergleich zu den 2.003 Hassverbrechen, die im Vorjahr an denselben Orten passiert waren, einen Anstieg von rund fünf Prozent bedeutet.

Schon 2015 gab es einen starken Anstieg

Mit Ausnahme von Houston war in jeder der fünf größten Städte des Landes ein Anstieg im zweistelligen Prozentbereich zu verzeichnen, so Levin.

Die Anzahl an Hassverbrechen stieg im Jahr 2016 in Chicago um 20 Prozent, in New York um 24 Prozent, in Los Angeles um 15 Prozent und in Philadelphia um 50 Prozent an. Mit einer Zunahme von 62 Prozent stieg die Hasskriminalität in Washington, D.C., am stärksten an.

Levin sagte, dass fünfzehn der 31 untersuchten Städte insgesamt sogar ein Mehrjahreshoch verzeichneten. Die 13 Städte und Landkreise, in denen die Zahlen rückläufig waren, befanden sich meist in Gebieten mit einer historisch niedrigen Hasskriminalität.

Bei den Datenerhebungen der einzelnen Städte fiel zudem folgendes Detail ins Auge: Von den sieben Städten, die im Jahr 2016 spezielle Daten zur Anzahl an Hassverbrechen gegen Muslime erhoben hatten, verzeichneten sechs einen Anstieg in dieser Kategorie.

Anstieg in Tennessee besonders deutlich

Die Anzahl an Hassverbrechen gegen Muslime war 2015 auf nationaler Ebene um 67 Prozent angestiegen.

Der zweite Datensatz in Levins Studie umfasst die Zahl an Hassverbrechen, die von 13 Bundesstaaten übermittelt wurden. In diesen 13 Bundesstaaten gab es im Jahr 2016 3.887 Hassverbrechen, was nach Aussage von Levin einen Anstieg um beinahe fünf Prozent verglichen mit den 3.705 Hassverbrechen des Vorjahreszeitraums bedeutet.

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(Anstieg von Hassverbrechen zwischen 2015 und 2016 in ausgewählten US-Bundesstaaten)

Obwohl die Hasskriminalität in einigen Staaten erheblich angestiegen ist, verzeichneten manche Staaten auch rückläufige Zahlen. Bemerkenswert war, dass die Zahl an Hassverbrechen in Tennessee um insgesamt 30 Prozent abnahm.

“Falls diese moderate allgemeine Zunahme von 5 Prozent im Jahr 2016 auch auf nationaler Ebene stattfindet, bedeutet das, dass das Land zum ersten Mal seit 2004 einen fortlaufenden jährlichen Anstieg an Hasskriminalität zu verzeichnen hat”, so Levin. Die Anzahl an Hassverbrechen stieg zwischen 2014 und 2015 um knapp sieben Prozent.

Mehr zum Thema: Der Brandbeschleuniger: Wie Donald Trump den Hass auf Muslime in den USA geschürt hat

Anstieg könnte mit einer erhöhten politischen Spaltung zusammenhängen

Wenn man “etwas mehr als gemäßigte Zuversicht” walten lasse, so Levin, prognostiziere seine Studie für den offiziellen Kriminalitätsbericht des FBI für das Jahr 2016 in etwa 6.069 bis 6.245 Hassverbrechen.

Dies wäre die größte Anzahl an Hassverbrechen seit dem Jahr 2012, das ebenfalls ein Präsidentschaftswahljahr war.

Seit Beginn der Erhebung von Daten zu Hasskriminalität Anfang der 1990er-Jahre verzeichnete das FBI in jedem Präsidentschaftswahljahr eine Zunahme von Straftaten in diesem Bereich. Levin ist der Auffassung, dass dieser Anstieg mit einer erhöhten politischen Spaltung zusammenhängen könne.

Im Jahr 2016 fiel jedoch insbesondere auf, dass die Anzahl an Hassverbrechen vor allem um den Zeitpunkt des eigentlichen Wahltages herum “signifikant angestiegen” sei, so Levin.

“Das Jahr 2016 war deshalb so ungewöhnlich, weil es - mit Ausnahme des mittleren Westens - vor allem in den größten Gerichtsbezirken mit den besten Daten innerhalb dieser Legislaturperiode einen deutlichen und dramatischen Ausschlag nach oben gab, wie ich ihn in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht erlebt habe”, so Levin.

Zahl stieg im Zeitraum des Wahlkampfes an

In Los Angeles nahm die Hasskriminalität im vierten Quartal von 2016 um 29 Prozent zu. New York City verzeichnete in einem zweiwöchigen Zeitraum um den Wahltermin herum einen fünffachen Anstieg bei der Zahl von Hassverbrechen.

Im Bundesstaat Kalifornien passierten im November mehr Hassverbrechen als in allen anderen Monaten des Jahres. Fast 15 Prozent der in Seattle verübten Hassverbrechen ereigneten sich im November, und mit insgesamt 13 Fällen wurden in diesem Monat doppelt so viele Hassverbrechen begangen wie im Vorjahr.

Philadelphia zählte im November sieben Hassverbrechen, obwohl im Monatszeitraum November der vier Vorjahre insgesamt lediglich ein Hassverbrechen verübt wurde. In Boston war die Zahl an Hassverbrechen so hoch wie in keinem anderen Monat sowohl des Jahres 2015 als auch des Jahres 2016.

Dass die Zahlen um den Zeitpunkt der Wahl herum angestiegen sind, untermauert frühere, anekdotischere Beweise, die vom Southern Poverty Law Center erhoben wurden und die belegten, dass es in den Monaten nach der Wahl eine Welle an schrecklichen Hassverbrechen gab.

Trump attackiert Minderheiten

Es gibt wahrscheinlich mehrere Erklärungen, warum die Zahl an Hassverbrechen im Jahr 2016 angestiegen ist, sagte Levin, einschließlich der "besonders stark ausgeprägten und weitverbreiteten religiösen Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen wie Transgender-Personen und Muslimen" und der "zunehmenden Stärkung und Popularisierung von weißem Nationalismus".

Präsident Donald Trumps Wahlkampf war voll von rhetorischen Angriffen und falschen Schuldzuweisungen gegenüber Minderheiten und er ließ sich oft Zeit damit, die Taten von weißen Rassisten zu verurteilen, was in manchen Fällen sogar als Zeichen seiner Unterstützung ausgelegt wurde.

Bei einer Protestkundgebung in Charlottesville, Virginia, vergangenen Monat - bei der es sich nach Angaben der Antidiffamierungsliga um die größte derartige Kundgebung seit mehr als zehn Jahren handelte - sah man viele weiße Rassisten, die Plakate in der Hand hielten und Parolen skandierten, mit denen sie ihre Sympathie für Trump ausdrückten, oder die Baseballcaps mit Trumps Motto "Make America Great Again" trugen.

Anstieg von Hassverbrechen nach dem Einreiseverbot für Muslime

Nachdem ein Neonazi auf der Kundgebung mit seinem Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten gerast war, und dabei eine Frau tötete und 19 weitere Menschen verletzte, weigerte Trump sich, die weißen Rassisten ausdrücklich zu verurteilen.

Trump sagte später, dass es bei der Kundgebung in Charlottesville "anständige Leute" auf "beiden Seiten" gegeben habe - eine Aussage, die er in dieser Woche sogar noch einmal wiederholte.

Levin und andere Extremismus-Experten äußerten sich besorgt darüber, dass Trumps Aussagen mit einem kontinuierlichen Anstieg an Hassverbrechen zusammenhängen könnten.

Levin kam zu der Erkenntnis, dass es einen rasanten Anstieg an Hassverbrechen gegen Muslime gab, nachdem Trump im Dezember 2015 zum ersten Mal ein Einreiseverbot für Muslime vorgeschlagen hatte.

Levin hat außerdem bereits erste Daten zur Hass-Kriminalitätsrate für das Jahr 2017 erhoben - und auch diese Zahlen sind alarmierend.

Nach Aussagen von Levin hat eine Analyse von offiziellen polizeilichen Daten zu Fällen von Hasskriminalität in 13 Großstädten ergeben, dass es in diesem Jahr bisher 827 Hassverbrechen gab. Dies bedeutet, dass es in diesen Städten im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2016 einen Anstieg um fast 20 Prozent gab.

Kein vollständiges Bild der Situation

Die sechs größten Städte der USA verzeichneten in diesem Jahr bisher 526 Fälle von Hasskriminalität, was einen Anstieg von insgesamt 22 Prozent bedeute, so Levin.

Angriffe gegen Juden, Muslime und Schwarze haben in New York City zu einem Anstieg von Hassverbrechen um 28 Prozent geführt. Los Angeles verzeichnete eine 50-prozentige Zunahme an gewalttätigen Hassverbrechen, während die Zahl der Hassverbrechen sowohl in Washington, D.C., als auch in Seattle in diesem Jahr bisher um jeweils 22 Prozent angestiegen ist.

In Phoenix nahm die Hasskriminalität im Jahr 2016 zwar ab, doch bisher verzeichnete die Stadt im Jahr 2017 einen 46-prozentigen Anstieg.

Levin gibt selbst zu, dass seine Erhebungen für sowohl das Jahr 2016 als auch das Jahr 2017 kein vollständiges Bild der Hasskriminalität in den USA zeichnen.

Seine Daten basieren zwar immerhin auf den von den Strafverfolgungsbehörden gemeldeten Kriminalitätsstatistiken, doch es passieren auch viele Hassverbrechen, die den Behörden gar nicht erst gemeldet werden oder die von einzelnen Polizeistationen nicht gezählt werden, weil diese zu wenig Erfahrung mit der Identifizierung von Hassverbrechen haben.

Großteil der Verbrechen wird nicht gemeldet

Dies trifft auch auf die jährliche FBI-Statistik über Hasskriminalität zu, die im Allgemeinen als nicht ganz vollständig erachtet wird.

Jedes Jahr versäumen es mehr als 3.000 bundesstaatliche, staatliche und lokale Strafverfolgungsbehörden, ihre Statistiken zu Hassverbrechen beim FBI einzureichen, und es gibt zudem auch viele Behörden, die entweder zu wenige Fälle melden oder die fälschlicherweise angeben, dass sich in ihrem Bereich kein einziges Hassverbrechen ereignet habe.

Eine landesweite Umfrage des U.S. Bureau of Justice Statistics hat ergeben, dass zwischen 2003 und 2015 in den USA vermutlich eine erschreckende Zahl von 250.000 Hassverbrechen pro Jahr begangen wurde, von denen der Großteil nicht der Polizei gemeldet wurde.

Die USA leistet bei der Nachverfolgung von Hassdelikten keine gute Arbeit. Wir brauchen deine Hilfe, um eine Datenbank entwickeln zu können, in der derartige Verbrechen auf landesweiter Ebene festgehalten werden, damit jeder von uns weiß, was gerade passiert. Erzähl uns deine Geschichte.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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