Wie die SPD den Kontakt zu ihren Wählern verloren hat – vor allem zu den Arbeitern

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  • Die SPD ist schon längst keine Arbeiterpartei mehr
  • Die Folgen bekommt die Partei in diesem Wahlkampf schmerzlich zu spüren

Eigentlich bräuchte Deutschland gerade jetzt eine echte Arbeiterpartei. Mit Politikern, die den Menschen nicht erst "zuhören" müssen, sondern auch aus eigener Erfahrung wissen, worüber geredet wird, wenn es um die ärmeren 40 Prozent in dieser Gesellschaft geht.

Eine Partei, die sich aus eigenem Interesse heraus für die Schwachen und Unterdrückten einsetzt und nicht, weil ein mehr oder weniger diffuses Gerechtigkeitsgefühl sie dazu leitet. So was fällt schnell auf. Welcher Wähler möchte sich vor seiner Stimmabgabe schon zum "Schützling" degradieren lassen?

Wir bräuchten eine Partei, die der Arbeiterschaft ihren alten, kulturell erkämpften Stolz zurück gibt, ohne sie mit nationalistischen Parolen besoffen zu machen.

SPD wird zur Beamtenpartei

Die SPD war einst genau eine solche Partei. Doch das ist lange her.

Seit den frühen 1970er-Jahren wandelt sich die SPD zu einer Sammlungsbewegung für Beamte, höhere Angestellte und karrierebereiten Akademikern.

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Das lässt sich gut anhand der Mitgliederstruktur verfolgen: Laut einer Untersuchung des Parteienforschers Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin waren Arbeiter in der SPD schon vor 40 Jahren unterrepräsentiert. Heute machen Arbeiter insgesamt 23 Prozent der Erwerbstätigen aus, aber nur 16 Prozent der SPD-Mitglieder.

Parteien sind heute vor allem für Menschen mit hoher Bildung attraktiv. Etwa zwei Fünftel der SPD-Mitglieder haben studiert, das wiederum ist deutlich mehr als im Bevölkerungsschnitt.

Nur zwei von 193 SPD-Abgeordneten sind Arbeiter

Noch deutlicher wird der Unterschied mit Blick auf die Mandatsträger. Im Bundestag sind gerade noch zwei von 193 SPD-Abgeordneten Arbeiter.

Der Sprung in den Bundestag gelingt vielen Nachwuchspolitikern heute nur dann, wenn sie vorher als Mitarbeiter in einem Bundestagsbüro tätig waren. Dort lassen sich Netzwerke knüpfen.

Bewerbungsvoraussetzung dafür ist zumindest das Abitur, eher noch ein abgeschlossenes Studium. Der Prototyp des ambitionierten Polittalents ist heute gut gebildet, redegewandt und mit dem richtigen Habitus ausgestattet, um Netzwerke knüpfen zu können.

Bereits jeder neunte Bundestagsabgeordnete hat vor seinem Mandat hauptberuflich für die eigene Partei oder ein Bundestagsbüro gearbeitet. Das ist parteiübergreifend so. Zusammengenommen stellen die Politiker-Angestellten nach den Juristen die zweitgrößte Berufsgruppe.

Wo Bildung Macht bedeutet

Der Skandal um die ausgedachte Juristen-Laufbahn der früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz zeigte im vergangenen Jahr auf tragische Weise, unter welch einem Rechtfertigungsdruck sich Menschen bisweilen sehen, die ohne Abitur eine Parteikarriere anstreben.

"Niemand bei den Essener Genossen bekam mit, dass die Abgeordnete Petra Hinz ihren Lebenslauf gefälscht hatte? Viele ahnten es, manche wussten es, andere frisierten ihre Vita ebenso. Denn Bildung war Macht", schrieb damals die "Zeit".

Für die SPD hat das besonders tragische Konsequenzen: Sie verliert auf diese Weise nicht nur die Fähigkeit, Nachwuchspersonal aus allen gesellschaftlichen Schichten anzuwerben.

Eigentlich war Schulz ein Glücksfall für die SPD - eigentlich

Es ist auch so, dass sie auf Dauer mit ihrem Wahlkampf der "sozialen Gerechtigkeit" nicht mehr glaubwürdig wirkt. Wie auch, wenn es schon bei der Auswahl von politischen Talenten in der eigenen Partei derart ungerecht zugeht?

Am erfolgreichsten war die SPD immer dann, wenn sie Arbeiterschaft und aufstiegswillige Mittelschicht zu einem Bündnis zusammenführen konnte.

So wie Ende der 1960er-Jahre, als Bildungsexpansion, gesellschaftlicher Wandel und der Ruf nach einem "größeren Stück vom Kuchen" für die Arbeiter und Angestellten zusammenfielen. Oder Ende der 1990er-Jahre, als Wirtschaftskrise und gesellschaftlicher Wandel das "rot-grüne Projekt" möglich machten.

Und eigentlich hätte Martin Schulz vor diesem Hintergrund ein Glücksfall für die SPD sein können. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, spricht die passende Sprache und weiß aus eigener Erfahrung was es heißt, sich hoch arbeiten zu müssen. Schulz ist eigentlich ein guter Kandidat.

Der Hauptverantwortliche für dieses Desaster sitzt im Auswärtigen Amt

Das Problem ist seine Partei, die es vollkommen verschlafen hat, für ihn den richtigen Wahlkampf zu machen. Es geht eben nicht nur darum, über soziale Gerechtigkeit zu reden. Es geht auch darum, eine Vision aufzuzeigen. So onkelt sich die SPD durch das Jahr 2017. Eigentlich hat sie ja Recht, aber so richtig zuhören möchte ihr auch keiner.

Fairerweise muss man jedoch sagen, dass der Hauptverantwortliche für dieses Desaster im Auswärtigen Amt sitzt: Sigmar Gabriel hat die SPD 2013 trotz aller warnenden Stimmen in eine Große Koalition geführt. Und im Jahr 2017 hat er zu spät von der Option gelassen, selbst als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zu ziehen.

So kommt es, dass die Union in diesem Jahr den besseren SPD-Wahlkampf macht. Sie ist es jetzt, die für mehr Chancengerechtigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten wirbt. Eigentlich müsste das jedem Sozialdemokraten weh tun. Denn man nimmt es der Merkel-CDU auch ab.

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