POLITIK
19/09/2017 17:54 CEST | Aktualisiert 20/09/2017 23:01 CEST

Der AfD-Effekt: Stärkt oder schwächt eine höhere Wahlbeteiligung Rechtsradikale? Das sagen Experten

Wolfgang Rattay / Reuters
Der AfD-Effekt: Stärkt oder schwächt eine höhere Wahlbeteiligung Rechtsradikale? Das sagen Experten

  • Hilft eine niedrige Wahlbeteiligung der AfD - oder schadet sie den Rechtspopulisten?

  • Die HuffPost hat Experten dazu befragt

Peter Altmaier ist eigentlich kein Politiker, den die Republik mit viel Aufregung in Verbindung bringt. In einem Interview hat er jetzt aber eine Aussage getroffen, die für einige Diskussionen sorgte.

Auf die Frage, ob ein Nichtwähler besser sei als ein AfD-Wähler, hatte der Kanzleramtschef der "Bild“-Zeitung geantwortet: "Aber selbstverständlich!“ Altmaier merkte jedoch schnell, dass er das so nicht stehen lassen konnte. Lieber solle man doch etablierte Parteien wählen, schob er hinterher, als bei der AfD ein Kreuz zu machen.

Natürlich ist das alles Wahlkampfgeplänkel. Doch hinter der Diskussion steckt eine wichtige Frage: Profitieren Rechtspopulisten von einer niedrigen Wahlbeteiligung - oder gerade nicht?

Erstaunlicherweise halten Experten beides für möglich. Entscheidend ist, wer genau die Menschen sind, die nicht zur Wahl gehen.

Bislang galt die Faustregel, dass extreme oder populistische Parteien bei einer geringeren Wahlbeteiligung tendenziell profitieren. Doch so einfach ist die Sache nicht - zumindest im Fall der AfD. Das sagen Experten:

Der AfD-Effekt

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im März 2016 schaffte es die AfD, 101.000 Wähler für sich zu gewinnen, die bei der Wahl 2011 gar nicht abgestimmt hatten. Ein beachtliches Ergebnis - die nun regierende CDU hingegen schaffte es nur auf etwas mehr als 30.000 aktivierte Nichtwähler.

Robert Vehrkamp, Direktor des Programms “Zukunft der Demokratie” bei der Bertelsmann Stiftung, sagt dazu: “Im Hinblick auf die Ergebnisse der letzten acht Landtagswahlen gilt für die AfD die Daumenregel: Die Hälfte der Zuwächse kommt aus dem Nichtwählerbereich.”

Vehrkamp nennt das den AfD-Effekt: Die Rechtspopulisten schafften es, besonders viele Nichtwähler zu aktivieren - und profitierten dadurch zunächst von einer höheren Wahlbeteiligung.

“Ich gehe davon aus, dass dieser AfD-Effekt allein schon dafür sorgen wird, dass die Wahlbeteiligung um zwei bis drei Prozent steigen wird”, sagt der Bertelsmann-Experte der HuffPost.

Doch das gilt möglicherweise nicht für das ganze Land. Horst Kahrs, Experte für Wählermilieus und Wahlverhalten bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei nahesteht, hat schon im Januar eine Arbeit veröffentlicht, die das Nichtwählerpotential der AfD in Frage stellt.

Dass die AfD Nichtwähler besonders stark aktiviere, sei nur vereinzelt nachweisbar, sagt Kahrs der HuffPost - etwa in einigen Gemeinden Sachsen-Anhalts und Mecklenburg-Vorpommerns.

Kahrs glaubt allerdings, dass die AfD solche Erfolge bei der Bundestagswahl nicht feiern wird. Der Grund: Zwar gelinge es der Partei, lokal zu mobilisieren, aber nur in wenigen Regionen. Dass es die AfD auch bei der Bundestagswahl schaffen werde, massiv Nichtwähler zu mobilisieren, “dafür gibt es bisher keine verlässlichen Anzeichen”, sagt Wahlforscher Kahrs.

Das sieht Bertelsmann-Forscher Vehrkamp ganz anders. Er ist davon überzeugt: “Wir werden den AfD-Effekt bei der Bundestagswahl wieder erleben.” Aber: Möglicherweise wird dieser Effekt nicht entscheidend sein.

Denn die AfD löst noch einen ganz anderen Effekt bei Nichtwählern aus.

Die etablierte Gegenmobilisierung

So haben die Rechtspopulisten nicht nur bei allen Landtagswahlen in den vergangenen Jahren zehntausende Nichtwähler für sich mobilisiert - sie haben diese auch ihren politischen Gegnern zugetrieben.

Vielleicht nicht so sehr in Sachsen-Anhalt - aber im Saarland, in Schleswig-Holstein und vor allem in Nordrhein-Westfalen.

“Wir haben bei der Landtagswahl in NRW eine bürgerliche beziehungsweise etablierte Gegenmobilisierung gesehen”, sagt Wahlforscher Vehrkamp.

Die AfD mobilisierte in Nordrhein-Westfalen etwa 120.000 Nichtwähler. Doch eben so viele aktivierte auch die FDP, die SPD konnte sogar 360.000 Nichtwähler für sich gewinnen - und die CDU nahezu 500.000.

“Die Sorge um die rechtspopulistische Mobilisierung hat dafür gesorgt, dass die etablierten Wählermilieus noch viel stärker gewählt haben, als ohnehin schon”, sagt Vehrkamp.

Der AfD-Effekt ist in Nordrhein-Westfalen also eingetreten. Doch die Gegenmobilisierung der etablierten Parteien fiel weit mehr ins Gewicht.

Nichtwähler ist nicht gleich Nichtwähler

Das zeigt: Die AfD und die etablierten Parteien konkurrieren bei den Nichtwählern nicht um die gleichen Wählermilieus.

Nichtwähler, die ihr Kreuz bei der AfD machen würden, seien eher dem Protestlager zuzurechnen, glaubt Bertelsmann-Experte Vehrkamp. Er bringt ein Beispiel aus der NRW-Wahl: Die höchste absolute Wählerwanderung habe es dort von den Piraten zur AfD gegeben - also von einer Protestpartei zur anderen.

Vehrkamp hat beobachtet: Unter den Nichtwählern in Deutschland gebe es eine Spaltung zwischen System-Gegnern und System-Befürwortern.

Bei der Bundestagswahl wird es darauf ankommen, wie viele Menschen aus dem jeweiligen Milieu ihre Stimme abgeben. Sie entscheiden letztlich, ob die AfD von einer hohen Wahlbeteiligung profitiert - oder nicht.

Die AfD-Nichtwähler-Formel für die Bundestagswahl

Genau wird sich die Frage erst am Wahlabend beantworten lassen. Denn noch seien viele Fragen offen, sagt Wahlforscher Kahrs.

Möglicherweise bleiben SPD-Anhänger zuhause, weil sie ohnehin nicht an einen Sieg von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz glauben. Ebenso könnten CDU-Anhänger glauben, dass Kanzlerin Angela Merkel die Wahl auch ohne ihre Stimme für sich entscheiden wird.

In diesen Fällen blieben viele System-Befürworter am Wahltag zuhause und unter den Nichtwählern in der Mehrheit. Davon würde die AfD profitieren.

Bertelsmann-Experte Vehrkamp bringt die AfD-Nichtwähler-Frage für die Bundestagswahl auf eine Formel. Seine Prognose: “Steigt die Wahlbeteiligung nur leicht auf etwa 72 oder 73 Prozent, dann dominiert der AfD-Effekt. Liegt sie höher als 76 Prozent, dann dominiert die Gegenmobilisierung der etablierten Wählermilieus.”

Soll heißen: Die AfD wird auf jeden Fall so viele Nichtwähler mobilisieren, dass die Wahlbeteiligung um 2 bis 3 Prozent steigt. Jede weitere Steigerung der Wahlbeteiligung wäre dann der Aktivierung von Nichtwählern durch etablierte Parteien zuzurechnen.

Fazit: Eine höhere Wahlbeteiligung kann der AfD sowohl helfen als auch schaden. Es kommt nur darauf an, welches Milieu unter den Nichtwählern bei der Bundestagswahl eher bereit sein wird, dieses mal doch abzustimmen - das der AfD-Gegner oder das der AfD-Befürworter.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.png Inside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

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(seb)

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