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18/09/2017 17:50 CEST

Kurs-Chaos: Deutsche Behörden haben keine Ahnung, wie viele Zuwanderer Sprachkurse abbrechen

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Kurs-Chaos: Deutsche Behörden haben keine Ahnung, wie viele die Sprachkurse abbrechen

  • Die deutschen Behörden haben keine Ahnung, wie viele Zuwanderer die Integrationskurse abbrechen

  • Ein Experte fordert dringend Aufklärung

Parteien, Experten, Bürger – ganz Deutschland streitet darüber, was nun die richtige Flüchtlingspolitik ist. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zur Integration.

Ohne Deutschkenntnisse gibt es keine Ausbildung, keinen Job, keine Selbstständigkeit, keine deutschen Freunde.

Umso alarmierender ist eine Diskussion, die nun aufflammt:

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) haben im vergangenen Jahr knapp 340.000 Menschen zum ersten Mal an einem Integrationskurs teilgenommen – neue Zuwanderer und Menschen, die schon länger in Deutschland leben, aber noch Integrationsbedarf haben.

Allerdings haben nur gut 133.000 Teilnehmer im gleichen Zeitraum den Kurs auch erfolgreich abgeschlossen, schreibt das Bamf. Das ist nicht einmal die Hälfte.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen über den Abbruch der Kurse

Was also ist mit der anderen Hälfte? Hat sie den Kurs abgebrochen?

Genau darüber hat das Bamf keine Zahlen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" am Montag.

Die Begründung mutet einigermaßen absurd an: Das sei statistisch zu aufwendig, teilte das Amt der "SZ" mit. Weil Zuwanderer den Kurs in einem Jahr beginnen und erst im nächsten abschließen könnten. Wie Migranten die Kurse wegen Schwangerschaft, Krankheit oder Umzugs unterbrechen könnten.

Das mag alles stimmen. Und knapp die Hälfte der Teilnehmer hat den Kurs im vergangenen Jahr auch freiwillig begonnen.

Trotzdem heißt das: Das Bamf hat keine Ahnung, wie gut die wichtigste Integrationsmaßnahme läuft.

Experte fordert Aufklärung

Die "SZ" zitiert Christoph Schroeder, Professor an der Uni Potsdam und Experte für Deutsch als Zweitsprache. Er schätzt aufgrund der Zahlen, dass die Hälfte der Teilnehmer zum Sprachtest, dem wichtigsten Text der Integrationskurse, nicht antreten.

Schroeder fordert Aufklärung seitens des Bamf. Die Behörde müsse sich der Frage stellen, "wo denn die Migranten geblieben sind, die die Kurse nicht abschließen".

So sehen die Kurse aus

Die Kurse bestehen in der Regel aus 700 Stunden Unterricht: An 600 Stunden Sprachkurs schließen sich 100 Stunden Orientierungskurs an, mit Informationen zu Politik, Recht und Gesellschaft.

Über das Ziel ist sich das Bamf klar: "Alle Teilnehmer sollen das Sprachniveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) erreichen und einen Einblick in die Rechtsordnung, die Kultur und die Geschichte Deutschlands bekommen."

Doch nach der Schätzung des Experten tritt schon die Hälfte der Kursteilnehmer nicht zu dem Text an, in dem festgestellt wird, wie viel vom Unterricht hängen geblieben ist.

60 Prozent erreichen das gewünschte Niveau im Deutschtest

Von jenen, die den Test machen, erreichen wiederum sehr viele das gewünschte Niveau B1 nicht:

Laut Bamf nahmen im vergangenen Jahr knapp 170.000 Menschen zum ersten oder wiederholten Mal am Deutsch-Test für Zuwanderer (DTZ) teil. Knapp 60 Prozent schaffen das Niveau B1. Das heißt: Die Teilnehmer können Gespräche zu den Themen Arbeit, Schule und Freizeit wenn auch nicht im Detail, so doch in den Hauptpunkten verstehen und auf einfachem Niveau über eigene Interessen sprechen.

Allerdings erreicht jeder dritte Teilnehmer nur das Niveau A2 – kann sich also nur in einfachen Routinesituationen verständlich machen. Acht Prozent erreichten selbst dieses Niveau nicht.

Für den Eintritt in den Arbeitsmarkt ist selbst das Niveau B1 nur bedingt geeignet. Erst ab dem Niveau B2 geht man davon aus, dass ein Gespräch mit Muttersprachlern ohne große Anstrengung für beide Seiten möglich ist. Von kompetenter Anwendung des Deutschen sprechen Experten erst ab Niveau C1.

Ohne Analyse keine Verbesserung

Die Ergebnisse der Tests zeigen, dass es Verbesserungsbedarf gibt, wenn möglichst schnell möglichst viele Menschen integriert werden sollen.

Doch wenn nicht einmal klar ist, wie viele die Kurse abbrechen und warum - dann fehlt ein Teil der wichtigsten Fakten, um über das Thema zu diskutieren.

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

(jg)

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