POLITIK
18/09/2017 17:57 CEST | Aktualisiert 18/09/2017 18:00 CEST

Ifo-Chef Clemens Fuest warnt vor weiterer Machtkonzentration in Brüssel

Florian Gaertner via Getty Images
ifo-Chef Fuest.

  • Ifo-Chef Clemens Fuest hat im Interview die Idee eines "Euro für alle" scharf kritisiert

  • Statt die Währungsunion zu erweitern, brauche es grundlegende Reformen

Geht es nach dem Willen von Jean-Claude Juncker, könnte der Euro-Club bald noch größer werden. Am vergangenen Mittwoch forderte der EU-Kommissionspräsident in seiner Grundsatzrede einen "Euro für alle" - und bekam dafür viel Zuspruch, aber auch heftige Kritik.

Auch ifo-Chef Clemens Fuest, einer der führenden Ökonomen Deutschlands, kritisiert nun Junkers Pläne mit scharfen Worten.

"Der Euro ist in Gefahr", sagte Fuest im Interview mit der HuffPost. "Es wäre gegenwärtig völlig falsch, den Euro in allen EU-Ländern einzuführen." Denn so, wie er entwickelt wurde, könne die Währung nicht funktionieren.

Schon eine Wirtschaftskrise in einem größeren Mitgliedsland könne die Währung zu Fall bringen.

Eine Krise in Italien könnte den Euro zu Fall bringen

Müsse etwa Italien unter den Rettungsschirm ESM, weil die Banken in finanzielle Schieflage geraten, werde das den Bürgern wohl kaum zu vermitteln sein. Die Menschen in Italien "wollen nicht von Brüssel regiert werden", glaubt Fuest. Am Ende könnte aber eine Pleite des Landes stehen. "Das könnte den Euro zerstören."

Hinzu komme, dass die stagnierende italienische Wirtschaft das Vertrauen in den Euro ohnehin belaste. Sollte die Situation anhalten, "werden die Bürger den Euro dafür verantwortlich machen und aus der Währungszone austreten wollen", sagte Fuest.

Bevor Junkers "Euro für alle" komme, müsse die Währungsunion deswegen grundlegend reformiert werden. Dafür gebe es zwei Wege.

Der erste Weg: Ein föderales Europa mit einem gemeinsamen Haushalt, bei dem Brüssel die Verantwortung für Ausgaben und Schulden der Mitgliedsstaaten übernimmt.

"Völlig illusorisch"

Dass Brüssel - und nicht mehr etwa der Bundestag - über die Ausgaben und Einnahmen eines Staates entscheiden, ist vor allem in Deutschland unbeliebt. Ohne eine gewählte Regierung in Brüssel ist solch eine Konstruktion ohnehin unmöglich.

"Das ist derzeit völlig illusorisch", sagt Fuest.

In diesem Zusammenhang kritisiert Fuest auch die Idee eines europäischen Finanzministers als "sehr vage".

"Gefahr ist groß, dass ein Euro-Finanzminister am Ende nur enttäuschen kann"

Niemand habe bisher gesagt, welche Aufgabe ein Finanzminister in Brüssel hätte - außer vielleicht, ein gemeinsames Budget zu verwalten, das es noch nicht gibt. "Die Gefahr ist sehr groß, dass ein solcher Posten am Ende nur enttäuschen kann."

Der zweite Weg: Die Mitgliedsstaaten verantworten ihre Schulden und ihren Haushalt selbst. Damit das funktioniert, braucht es ein geordnetes Insolvenzverfahren, um eine Krise wie 2009 bei der Fast-Pleite von Griechenland zu verhindern.

"Wir müssen damit leben, dass Euro-Staaten pleite gehen können. Staatsanleihen müssen umstrukturiert werden können, ohne dass gleich eine große Finanzkrise ausgelöst wird", sagt der ifo-Chef.

Fuest plädiert für den zweiten Weg. "Wenn die Eurozone ein föderaler Staat werden muss, damit der Euro überlebt, wird der Euro nicht überleben", sagte er.

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(ben)

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