Großbritanniens Außenminister Johnson redet den Brexit schön - und wird von den Medien zerrissen

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Großbritanniens Außenminister Johnson redet den Brexit schön - und wird von den Medien zerrissen | Getty
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  • In einem Gastbeitrag hat Boris Johnson am Wochenende seine - geschönte - Vision des Brexit dargestellt
  • Britische Medien fällen ein vernichtendes Urteil über den Text
  • Deutsche Kommentatoren halten ihn für ein "Meisterstück der politischen Propaganda"

350 Millionen Pfund. Mit dieser Zahl ging Boris Johnson, jetzt Außenminister Großbritanniens, 2016 auf Tour, um für den Brexit zu werben.

In großen Ziffern prangte die Zahl auf dem roten Brexit-Bus von Johnson. 350 Millionen Pfund würden die Briten angeblich wöchentlich an die EU zahlen. Doch die Zahl stimmte nicht.

Johnson bekam daher den Spitznamen: “Der Lügner”.

Am Wochenende brachte sich "Boris der Lügner" mit einem Gastbeitrag in der konservativen Tageszeitung "Telegraph" wieder in die Brexit-Diskussion ein. Und die 350 Millionen Pfund hatte er auch wieder im Gepäck.

Vor allem die britischen Medien zerrissen Johnsons Artikel wegen der falschen Fakten, die der Autor verwendete.

Deutsche Medien kommentierten ähnlich, halten den Artikel aber immerhin für einen klugen Schachzug des Außenministers.

1. “Ein versierter Bauernfänger”

Johnson glaubt an eine "glorreiche" Zukunft seines Landes außerhalb der EU, des EU-Binnenmarkts und der Zollunion. "Ich glaube, wir können das großartigste Land der Welt sein", schreibt der Politiker und ehemalige Journalist im "Telegraph".

Von 350 Millionen Pfund werde der staatliche Gesundheitsdienst NHS künftig wöchentlich profitieren, verspricht Johnson. Denn dieses Geld werde Großbritannien an EU-Beiträgen einsparen.

Netto sind es - wie in der Brexit-Zeit immer und immer wieder berichtet wurde - eher um die 110 Millionen Pfund.

Boris Johnson "sei ein versierter Bauernfänger", kommentiert die britische Tageszeitung "Guardian" den Gastbeitrag des Außenministers. Der Text sei ein Musterbeispiel an "Doppelzüngigkeit und Schleim".

Fast alles, was Johnson über den Brexit-Deal schreibe, sei "offenkundig falsch".

Die britische Nachrichtenseite "Independent" nennt den Text "ein Zeichen von Schwäche und Verzweiflung".

Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnet den Beitrag als die Rückkehr von “Boris dem Lügner”.

Doch alle Zeitungen sind sich einig: So falsch die Fakten auch sein mögen, Johnson verfolgt mit dem Brexit-Text ein politisches Ziel.

Ob er sich mit dem "Telegraph"-Beitrag dabei einen Gefallen getan hat - darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander.

2. "Boris bedient das Bauchgefühl"

Die "Süddeutsche Zeitung" nennt Johnsons Text ein "Meisterstück der politischen Propaganda".

"Johnson ist ein Populist, aber er ist ein geschickter Populist", heißt es in dem Kommentar. Die schwache Premierministerin Theresa May verliere immer weiter an Rückhalt in der eigenen Partei, nun setze Johnson zum Angriff an - um May von der Spitze zu vertreiben.

Viele Mitglieder der konservativen Tories seien begeistert: "Endlich jemand, der mal wieder Stimmung macht, der mit einer Beschwörung britischer Einzigartigkeit und Größe die Herzen erreicht", beschreibt die "Süddeutsche Zeitung" die Gefühlslage der Konservativen.

Da würde der Patriotismus, der aus Johnsons Beitrag spreche, mehr zählen als "banale Fakten, ökonomische Gesetze oder auch nur die Befindlichkeiten der Verhandlungspartner in Brüssel".

"Johnsons Vorstoß mag inhaltlich irrational und größenwahnsinnig sein", aber er zeige noch einmal - in 4000 Wörtern - das ganze Problem des Brexit auf: die Sehnsucht nach Bestätigung, nach Größe und die Wut über die Bürokraten in Brüssel.

Auch das "Handelsblatt" sieht im Wettstreit zwischen Boris Johnson und Theresa May einen leichten Vorteil beim Außenminister. Denn Johnson habe nun vorgelegt.

Und May wisse: "Wenn sie Johnson ignoriert, wird der Machtkampf früher oder später offen ausbrechen. Anfang Oktober steht der Parteitag der Konservativen an. Johnson, der Publikumsliebling, kann auf den Rückhalt der Basis hoffen. Die Premierministerin regiert weiterhin auf Abruf."

3. Das ertrunkene Nilpferd

Auch der Kommentator des "Guardian" vermutet eine innenpolitische Absicht hinters Johnsons Artikel. Der “Telegraph”-Beitrag lese sich wie eine Bewerbung um das Amt des Premierministers.

Johnson könne die Sehnsüchte seiner Partei perfekt bedienen. Die wirtschaftliche Schwäche Großbritanniens sei die Schuld der EU, so der Mythos, den Johnson bediene.

Doch sein Weg führe geradewegs ins Desaster. "Die Angst vor dem Idealismus und dem guten Willen der jungen Menschen, die ihre Loyalität gegenüber der europäischen Idee ausdrücken, ist nicht echter Patriotismus, sondern die Ausflucht der Kanaille, die diese Katastrophe über uns gebracht hat."

Der "Independent" glaubt, dass sich Johnson mit seinem Artikel keinen Gefallen getan hat. Zum einen hat eine Umfrage der vergangenen Woche gezeigt, dass Johnson nicht zu den beliebtesten Politikern seiner Partei gehört. Ob sich daran nun etwas ändert?

Laut dem Kommentator des "Independent" könnte Johnson mit seinem Abgesang auf die Europäische Union an Zustimmung verlieren - vor allem auch bei den jungen Wählern, die er einst als Bürgermeister von London gewinnen konnte.

"Johnson mag Wellen geschlagen haben, aber dieses Nilpferd ist dabei, zu ertrinken", schreibt der "Independent" in Anspielung auf ein Video mit einem schwimmenden Nilpferd, das am Wochenende in Großbritannien viral ging.

Für Johnson könnte sich sein Brexit-Beitrag als Schlag ins Wasser erweisen.

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