DDR-Bürgerrechtler erklärt, warum viele Menschen in Ostdeutschland Angela Merkel hassen

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MERKEL PROTEST
Anti-Merkel Demonstration in Finsterwalde | Sean Gallup via Getty Images
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  • Bei den Auftritten Angela Merkels in Ostdeutschland bestimmen Wutbürger das Bild
  • Woher kommt dieser Zorn? Das fragte Anne Will in ihrer Talkshow am Sonntagabend
  • Ein ehemaliger DDR-Bürgerrechtler lieferte die Antworten

Schreie, Pfiffe, Krawall.

Bei beinahe jedem Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Ostdeutschland versammeln sich hunderte Demonstranten, die die Reden der Kanzlerin stören.

Die Wut gegen Merkel - das war eines der Themen, die Talkshow-Moderatorin Anne Will am Sonntagabend mit ihren Gästen diskutierte. Zu denen gehörten der ehemalige Finanzminister Theo Waigel (CSU), Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan (SPD), die Autorin Thea Dorn, der Medienprofessor Bernhard Pörksen und der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Theologe Frank Richter.

Und Richter war es dann auch, der den inhaltlich interessantesten Teil zur Sendung beitrug.

Wut ist nicht gleich Hass

Von Richter - der acht Jahre lang die Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung leitete - wollte Will wissen, woher die Wut auf die Kanzlerin im Osten kommt.

Richter nannte gleich mehrere Gründe für den Anti-Merkel-Protest, die auch das starke Abschneiden der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen erklären.

Wichtig für das Verständnis der Proteste sei zuallererst, zwischen Wut und Hass zu unterscheiden, sagte Richter. "Hass ist etwas Zerstörerisches." Dem Hass sei auch mit politischen Argumenten kaum beizukommen.

Allerdings sagte Richter, dass nur die wenigsten der Anti-Merkel-Demonstranten tatsächlich zu diesen Hass-Bürgern gezählt werden könnten. Sie seien zwar wütend, aber die meisten von ihnen seien auch gesprächsbereit.

"Auch ich war in der DDR ein Wutbürger", erklärt Richter. Er habe aus erster Hand erlebt, wie viel Energie Wut freisetzen könne.

4 Gründe für die Wut

Richter plädiert dafür, die Wutbürger mit ihren Sorgen und Problemen ernst zu nehmen, aktuell würden sie eher ausgegrenzt werden.

Für die Wut der Menschen nennt er vier Gründe:

Im Osten Deutschlands habe sich über Jahre ein Gefühl der Ohnmacht angestaut. Aus diesem Gefühl entstehe Wut, die sich auf den Straßen zeige und in den sozialen Netzwerken entlade.

Dieses Gefühl der Ohnmacht sei auch dadurch entstanden, weil die große Mehrheit der Funktionsträger in Ostdeutschland aus dem Westen stamme.

Eine Studie der Universität Leipzig ergab im vergangenen Jahr: Die Führungspositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz, Armee und Medien liege in Ostdeutschland nur bei 23 Prozent. Bundesweit sind nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen sind von Ostdeutschen besetzt.

Als weiteren Grund nannte Richter, dass es in Ostdeutschland kaum Erfahrungen mit Demokratie und einer offenen Gesellschaft gebe.

Während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der NS-Zeit und des Kommunismus hätten die Menschen keine Erfahrungen mit einer funktionierenden Demokratie sammeln können.

Bei vielen Ostdeutschen gebe es außerdem ein tiefes Gefühl der Verunsicherung. "Die Gesellschaft hat eine Transformation hinter sich, bei der für viele Menschen kein Stein auf dem anderen geblieben ist."

All diese Probleme seien es, die die besondere Situation in Ostdeutschland ausmachen, erklärte Richter.

Wer nur auf ein einzelnes Problem schaue, der verstehe die Wut nicht - und könne ihr auch nicht begegnen.

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(ll)

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