"Merkel kämpft um jede Stimme": Wie Russlands Medien auf die Bundestagswahl blicken

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"Merkel kämpft um jede Stimme": Wie Russlands Medien auf die Bundestagswahl blicken | Screenshot/Rossija 1
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  • In einer Woche wird der 19. Bundestag gewählt
  • In Deutschland heißt es dann vor allem: Kanzlerin Merkel gegen Herausforderer Schulz
  • Doch in Russland dreht sich alles um die CDU-Chefin - und die wird vor allem als schwache Amtsinhaberin dargestellt

Verschwörungstheorien, Hitler-Vergleiche und ein angeblicher junger Geliebter. Das sind die Elemente, die die Berichterstattung russischer Kreml-naher Medien über die bevorstehende Bundestagswahl kennzeichnen.

Zwar gibt es zwischen Kaliningrad und Wladiwostok durchaus einige unabhängige Medienhäuser, zumal im Internet. Doch die regierungsnahen und (halb-)staatlichen TV-Sender, wie der "Perwy kanal" ("Erster Kanal") oder NTW, dominieren den Markt.

Sie erzielen die mit Abstand höchsten Einschaltquoten und erreichen die meisten Menschen im Land. Mehr noch: Sie sind ein wichtiges Instrument der Regierung, um Agendas zu setzen und die Stimmung im Land zu beeinflussen - auch bei den Russlanddeutschen hierzulande.

Doch wie stellen diese Medien den deutschen Wahlkampf dar? Die HuffPost hat sich die wichtigsten Sendungen und einige Zeitungen einmal angeschaut. Dabei sind fünf Schwerpunkte und eine unglaubliche Geschichte aufgefallen:

1. Merkel ist schwach, die EU steht vor dem Ende

Die Kreml-nahen Medien schauen insbesondere durch die Brille der Sanktionen auf den Wahlkampf. Die EU hatte Strafmaßnahmen gegen Russland in Folge der Ukraine-Krise beschlossen - und erst am Donnerstag um ein weiteres halbes Jahr verlängert.

Dementsprechend wichtig ist aus russischer Sicht die Haltung Deutschlands und der zur Wahl antretenden Parteien zu einem möglichen Ende der Sanktionen.

Klar ist: Kanzlerin Angela Merkel steht zu den gegen Moskau gerichteten Maßnahmen, das haben auch die russischen Medien erkannt.

Allerdings hat die "Komsomolskaja Prawda" dafür eine überraschende Erklärung: "Merkel ist zu schwach, um die Sanktionen gegen Russland aufzuheben." Zur Begründung führt die Zeitung den Politikwissenschaftler Andrej Manojlo von der Moskauer Staatlichen Universität an. Der sagt, dass sich die CDU-Chefin jeder Drehung fügen würde. "Sie ist bereit, die Befehle der USA zu befolgen, selbst wenn es der Wirtschaft ihres eigenen Landes schaden würde."

Manojlo erklärt in dem Blatt zudem, dass Merkel keinerlei Autorität habe. "Deutschland ist mit ihr so abhängig geworden, dass sie sogar zum eigenen Nachteil bereit ist, für Washingtons Interesse zu handeln."

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Die gleiche Verschwörungstheorie bediente auch Russlands bekanntester TV-Moderator Dmitri Kisseljow, Putins Chef-Propagandist. In seiner Wochenschau "Westi nedeli" ("Nachrichten der Woche") - die 2016 von einem Viertel der Russen als beste analytische TV-Sendung bezeichnet wurde - erläuterte Kisseljow Anfang September, dass Merkel derzeit um jede Stimme kämpfen würde.

Denn "sie benimmt sich wie unter Hypnose und stimmt mit den USA in allem überein, während ihre Zustimmungswerte einbrechen". Die Realität sieht allerdings etwas anders aus.

Zudem erinnert Kisseljow die Stationierung tausender US-Soldaten in Dutzenden Militärbasen in Deutschland - "mehr als in jedem anderen Land der Welt", wie er unterstreicht - an eine "Besetzung.

ntw

Auch auf NTW wird Merkel als Teil einer Verschwörung gesehen - diesmal aber gegen die USA und die EU.

In der NTW-Talkrunde "Mesto Wstretschi" ("Treffpunkt") teilten die Gäste die Meinung, dass die Kanzlerin einerseits nicht mehr an der Seite der USA stehe und zum anderen die EU sowieso in jeder Sekunde auseinanderbrechen könnte.

Untermauert wird die Sichtweise damit, dass Merkel angeblich deutsches Gold aus den Vereinigten Staaten zurückholen würde. "Sie glaubt, dass die EU nicht länger als bis zum Jahr 2020 existieren wird. Deshalb bereitet sie sich auf die Rückkehr zur Deutschen Mark vor."

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2. Russland und Deutschland sollten aufeinander aufpassen

Eine weitere geläufige Darstellung ist, dass Russland und Deutschland einander brauchen. Denn ein "freundliches" Verhältnis sei für Deutschlands Prosperität wichtig.

Die staatliche Nachrichtenagentur "Ria Nowosti" behauptet, dass die "russische Frage" gar die "wichtigste für die Bundestagswahlen" sei:

"Russland nahm den führenden Platz der Themen bei den Diskussionen des deutschen Vorwahlkampfes ein. Die Abstimmung wird am 24. September stattfinden. Und bei diesen Wahlen wird die 'russische Frage' fundamental sein", schreibt "Ria Nowosti".

ria nowosti

Das dürfte mehr Wunschglauben als Realität sein. Denn die Kreml-nahen Medien sehnen sich nach den guten bilateralen Beziehungen der Vergangenheit.

Insbesondere TV-Moderator Kisseljow kritisierte Merkel dafür, dass sie "die Politik ihrer außergewöhnlichen Amtsvorgänger (...) zerstört" habe. Er rückt sie sogar in die Nähe von Adolf Hitler:

"Merkel hat sich undankbar von Russland abgewandt. Darüber hinaus verfolgt sie im Bund mit den USA eine feindliche Politik gegenüber Russland. Wenn man sich ihre Handlungen näher anschaut, können wir leicht die alte deutsche These vom mangelnden Lebensraum wiedererkennen. Das kennen wir von Hitler."

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3. Merkel, Merkel, Merkel - wer ist Schulz?

Die Hauptaufmerksamkeit der russischen Medien liegt auf Angela Merkel. Dabei zeichnen die Kreml-nahen TV-Sender und Zeitungen ein Bild, das eine schwache, unsichere Regierungschefin zeigt, die die - in übertriebenen Maße problematisierte - Flüchtlingskrise nicht bewältigen kann.

Über SPD-Spitzenkandidat und Herausforderer Martin Schulz wird eher gemäßigt berichtet. Russische Medien aber nehmen ihn nicht als vollwertigen Kandidaten wahr. Er ist eher das Beiwerk der Amtsinhaberin.

4. Aufstieg des "Neo-Faschismus"

Neben Merkel (und manchmal Schulz) wird auch über die ansteigende rechtsextreme Stimmung berichtet - diese sei eine der Hauptcharakteristika des modernen Deutschlands.

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nazis spandau

Aus Sicht der eingeladenen Experten in der NTW-Talkshow "Mesto Wstretschi" sei das bereits "Neo-Faschismus". Dieser werde von dem "Drang der Migranten aus dem Nahen Osten" angetrieben.

"In Deutschland, dem Land, das eigentlich gegen den Faschismus immun schien, erheben nun Ultra-Rechtsradikale ihre Köpfe. Die Sprossen des Neonazismus sprießen in ganz Europa", warnt die Moderatorin.

Das mag richtig sein. Unerwähnt bleibt aber, dass die russische Führung selbst eng mit Europas rechten Parteien vernetzt ist und diese finanziell und ideell unterstützt.

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5. Merkel kann die Wahl verlieren - wegen der Flüchtlingskrise

Die Umfragewerte sprechen zwar klar für die Amtsinhaberin. Doch aus Sicht der auflagenstärksten russischen Tageszeitung "Komsomolskaja Prawda" kann Merkel die Wahl noch verlieren - wegen der Flüchtlinge.

Wie das funktionieren soll, erklärt das Blatt so: "Die Flüchtlingskrise wurde als Vorwand geschaffen, um ungebildete Migranten zu deutschen Staatsbürgern zu machen, die dann die gebildeten Deutschen dominieren. Diese können dann nicht mehr gegen ihre selbstzerstörerische Politik stimmen."

6. Hat Merkel einen jungen Liebhaber?

Die Zeitung "Iswestija", eines der ältesten nach wie vor erscheinenden Blätter des Landes, lehnt sich mit einer wilden Theorie weit aus dem Fenster.

Demnach habe Merkel einen jungen Liebhaber. Der einzige Beweis der Zeitung ist ein Lied. Dieses lief im Hintergrund, als die Kanzlerin den Saal einer Wirtschaftsveranstaltung betrat.

"Iswestija" schreibt: "Angela Merkel ist eine geschäftsmäßige und nicht zu feminine Politikerin. Aber ihre Berater versuchen das Image der Kanzlerin zu ändern. Während eines Treffens mit der Wirtschaftselite erklang bei Merkels Auftritt im Hintergrund der Hit einer jungen Pop-Band. Das machte die Deutschen nachdenklich - vielleicht hat sich die Politikerin in einen jungen Mann verliebt? Zumindest der Songtext spielt darauf indirekt an: 'You're too hot to touch you' ('Du bist zu heiß zum anfassen')."

Fazit:

Wenn man die russische Berichterstattung über Merkel zur bevorstehenden Wahl mit der in den vergangenen Jahren vergleicht, fällt auf: Die russischen Medien urteilen noch verhältnismäßig moderat.

Zwar wird Merkel schwächer dargestellt, als sie tatsächlich ist. Außerdem falle Europa auseinander und die Flüchtlinge würden extremes Chaos schaffen. Doch der Hohn und Spott über die Kanzlerin hält sich insgesamt noch in Grenzen.

Mehr noch: Die regierungsnahen Medien scheinen Merkel im Vergleich zu Hillary Clinton, die drohte einen Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen, fast zu mögen.

Doch die CDU-Chefin bezahlt dafür einen hohen Preis: Sie muss für die Kreml-treuen Blattmacher und Rundfunkredakteure als Rechtfertigung und Legitimierung für die mittlerweile 17 Jahre währende Führung Putins herhalten. Denn Merkel ist mittlerweile auch schon 12 Jahre Regierungschefin. Und das in einer Demokratie, die auch Russland nach wie vor vorgibt zu sein.

Der Artikel wurde von Marco Fieber übersetzt und bearbeitet.

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