Kim Jong-un als Alleinherrscher? Ein Detail auf Bildern aus Nordkorea lässt daran zweifeln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un scheint fest im Sattel zu sitzen - und sein Land immer weiter auf Konfrontationskurs zum Westen zu treiben
  • Ein Detail auf den Bildern des Staatsfernsehen zeigt laut "Welt am Sonntag" allerdings: Kim ist nicht der Alleinherrscher seines Landes
  • Weshalb man den Diktator jedoch auf keinen Fall unterschätzen sollte, erfahrt ihr im Video oben

Kim Jong-un hält die Welt in Atem. Mit immer weiteren Raketen- und Bombentests provoziert der nordkoreanische Diktator den Westen.

Für manche ist der 33-jährige Machthaber der "Irre mit der Bombe", für andere ein zumindest rational handelnder Staatschef, dessen Atomwaffenprogramm allein dem Selbstschutz folgen soll.

Eines aber scheint gewiss: Kim Jong-un ist auf dem Höhepunkt seiner Macht - und der uneingeschränkte Herrscher seines isolierten Landes.

Videoaufnahmen von Nordkoreas Staatsfernsehen sollen dieser Auffassung allerdings widersprechen. Vielmehr verrate ein Detail darauf, dass Kim Jong-un nicht so mächtig ist, wie gemeinhin angenommen werde, berichtet die "Welt am Sonntag" in ihrer aktuellen Ausgabe.

Die Männer und Frauen mit den Notizbüchern

Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Männer und Frauen mit den Notizbüchern. Bei fast allen öffentlichen Auftritten von Kim Jong-un sind sie hinter oder neben dem Diktator zu sehen.

Die Mitschreiber scheinen an seinen Lippen zu hängen und jedes Wort zu notieren, das den Mund des nordkoreanischen Diktators verlässt.

kim jong un

Kim Jong-un und die eifrigen Mitschreiber; Bild: Reuters

Bei den Männern und Frauen handelt es sich meist um nordkoreanische Generäle. Ihr eifriges Mitschreiben soll Kim in den Augen der Öffentlichkeit weise erscheinen lassen, berichtete vor einiger Zeit der britische Nachrichtensender BBC über die seltsame Tradition.

Denn seit Kim Jong-uns Großvater Kim Il-sung soll es Sitte sein, dass die Generäle dem Diktator mit Notizbüchern hinterher dackeln und die Worte des Herrschers notieren.

Doch die Bilder des nordkoreanischen Staatsfernsehens zeigen: Die Generäle schreiben eigentlich gar nichts mehr mit, sie tun nur so.

Sie notierten sich nichts, "wenn es um militärische Strategie und Taktik geht", interpretiert die "Welt am Sonntag" die Bilder aus Nordkorea. "Sie schreiben nur eifrig mit, wenn Kim später in Soldatenschlafsälen etwas zur Qualität der Decken oder Wasserhähne sagt."

Alle nicken, nur einer schreibt

Zwei Szenen erwähnt die "WamS". Die erste ist eine Luftwaffenübung im Frühjahr: "Kim hält einen Monolog, die Generäle zücken ihre Blöcke. Sie setzen die Stifte an. Auf Fotos sähe es jetzt so aus, als schrieben sie eifrig mit. Aber das Video zeigt: Sie notieren sich nichts." Eine ähnliche Situation habe sich bei einem Ausflug zur Frontlinie gegenüber Südkorea im Juni wiederholt.

Auch von einer Truppenübung zwischen März und Juni existieren Aufnahmen, die zeigen: Die meisten Generäle bewegen ihren Stift gar nicht, bei einer Szene auf einem Balkon schreibt nur einer der Generäle mit. Der Rest von ihnen simuliert.

Generalstabschef des nordkoreanischen Militärs sei der 80 Jahre alte Ri Myongsu, berichtet die "WamS". 2013 habe Kim ihn gefeuert, 2016 habe er ihn an die Armeespitze zurückgeholt. Geschah das womöglich auf Druck des Militärs? Gibt Kim dort gar nicht den Ton an?

Mehr zum Thema: Rote Lkw pendeln täglich zwischen China und Nordkorea - Experten haben einen schlimmen Verdacht

"Kim Jong-un kann nicht an die Autorität seines Vaters heranreichen

Seit 2011 ist Kim Jong-un der "Oberste Führer" seines Landes. Schon nach Amtsantritt spekulierten Experten, wie viel Macht dem jungen Diktator wirklich zufällt.

Der aus Nordkorea geflohene Schriftsteller Jang Jin-sung schrieb in einem Beitrag des britischen "Guardian" bereits 2014: Kim verfüge nicht über die Autorität seines Vaters, viele Entscheidungen würde das Politbüro der Partei treffen.

Die alten Funktionäre hätten nach dem Tod von Kim Jong-il die Macht für sich beansprucht. "Solange die Männer von Kim Jong-il im Amt bleiben, kann Kim Jong-un Nordkorea nicht mit dem gleichen Führungsanspruch leiten wie sein Vater", schrieb Jang Jin-sung.

Nach außen hin ist Kim der umjubelte Herrscher

Wer hat also das Sagen in Pjöngjang? Das Militär, das Politbüro der Partei oder Kim Jong-un?

Von außen ist diese Diagnose schwer zu treffen. Nordkorea ist isoliert, die wenigen Aufnahmen des Staatsfernsehens und die Fotos der Staatsmedien sind reine Propaganda.

Nach außen hin hat Nordkorea immer wieder klar gemacht, dass nur Kim alleine zum Beispiel einen Atomschlag anordnen könnte - dass er also der Befehlskette in diesem Fall vorsteht.

Auch die vielen Morde an möglichen Konkurrenten von Kim könnten darauf hindeuten, dass der Machthaber fest im Sattel sitzt.

Die Details auf den Bildern des Staatsfernsehens würden dem aber widersprechen, berichtet die "WamS". Auch sei es nie Kims Ziel gewesen, das Militär immer weiter aufzurüsten. "Musste er die Raketen hervorholen, weil die Armee den Machtkampf gewonnen hat?"

Es gibt zumindest Indizien, dass das Militär in den vergangenen Jahren die Macht an sich gezogen hat - und es die Welt nicht nur mit einem "irren" Kim zu tun hat.

Die Hintergründe zur Nordkorea-Krise:

Die Welt hält Kim Jong-un für einen irren Diktator - ein Nordkorea-Experte erklärt, warum das ein schwerer Fehler ist
Die machtlose Supermacht: China hat kaum noch Einfluss auf die Entwicklungen in Nordkorea
Was passiert, wenn Kim Atomraketen schickt? Die 6 wichtigsten Fragen und Antworten
Tödliches Netzwerk: Nordkorea ist keineswegs der isolierte Staat, für den ihn viele halten
Die USA und Nordkorea drohen sich mit Krieg - doch in Südkorea bleiben die Menschen gelassen
Putin stärkt dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un den Rücken - dahinter steckt Kalkül

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(lk)

Korrektur anregen