"Ghost In The Shell": Die blutleere Hülle eines Kult-Animes

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Diese Szene dürfte Fans des Animes "Ghost In The Shell" bestens bekannt sein

Fällt der Name "Ghost In The Shell", sind exakt drei Reaktionen zu erwarten. Der eine Teil wird mitbekommen haben, dass ein Film mit diesem Namen und Scarlett Johansson in der Hauptrolle am heutigen 30. März in den Kinos anläuft. Die zweite Gruppe kennt und liebt den Manga und/oder den bahnbrechenden Sci-Fi-Anime, der 1995 erschien und maßgeblich zum weltweiten Siegeszug des Genres beitrug. Und das dritte Grüppchen? Das summt Wamdue Projects einzigen Nummer-1-Hit "King Of My Castle", dessen Musikclip kurzerhand aus den berühmtesten Szenen des Animes zusammengeschustert wurde. So viel vorweg: eine dieser drei Gruppen könnte enttäuscht aus der Kinovorstellung des Hollywood-Remakes kommen...

"Intelligent Design"

Auch eine Serie gibt es zu "Ghost In The Shell" - gleich hier bestellen!

Die junge Frau Major (Johansson) ist ein medizinisches, technisches Wunderwerk. Äußerlich nicht von ihren Mitmenschen zu unterschieden, hat sie in Wirklichkeit kaum etwas mit ihnen gemein. Ihr gesamter Körper ist eine Maschine, einzig das Gehirn besteht aus Fleisch und Blut. Sie ist, wenn man so will, ein Geist in einer mechanischen Hülle, ein "Ghost In The Shell". Ihren menschlichen Körper und ihre Eltern hat sie bei einem Unfall verloren, einzig ihr Verstand überlebte die Tragödie. So jedenfalls fasst die staatliche Organisation, für die sie arbeitet, ihren einzigartigen Werdegang zusammen.

Denn ihre Cyborg-Hülle verleiht ihr übermenschliche Kräfte und Reflexe, die sie zu einer unaufhaltsamen Soldatin machen. Und genau diese Fähigkeiten sind gefordert, als ein mysteriöser Schurke sie und ihre Kollegen Batou (Pilou Asbæk), Han (Chin Han) und Aramaki (Takeshi Kitano) herausfordert. Von den Behörden wird er nur als der Puppenspieler bezeichnet, ein nicht unpassender Spitzname: denn der Mann, der sich später als Kuze (Michael Pitt) zu erkennen gibt, dringt in den Verstand von unbescholtenen Bürgern ein und macht sie zu seinen kriminellen Marionetten. Lange dauert es jedoch nicht, ehe Major erkennen muss, dass weit mehr hinter den Machenschaften von Kuze steckt - und dass ihre eigene Vergangenheit eng mit der seinen verwoben ist.

Aus alt mach neu

Wer den Anime kennt, wird sich beim Remake von "Ghost In The Shell" zunächst absolut heimisch fühlen. Das liegt zum einen an den ikonischen Szenen des Originals, die es selbstredend auch in die Neuauflage geschafft haben. Ob der berühmt-berüchtigte Kampf mit dem "Spider Tank", oder die Verfolgungsjagd durch die Straßen einer futuristischen, verfallenen, regelrecht deprimierenden Metropole. Die Anfangssequenz des Animes, in der ihr künstlicher Körper angefertigt wird, sowie einige weitere Szenen, sind regelrecht Frame für Frame übernommen worden.

So auffällig die Gemeinsamkeiten, so deutlich stechen die Unterschiede ins Auge. Und die haben ganz eindeutig kommerzielle Beweggründe gehabt. Dass Johansson keine Lust hatte, die Hälfte des Films komplett nackt wie ihr Zeichentrick-Pendant auf Verbrecherjagd zu gehen, ist noch verständlich. Zumal ihr Tarnanzug ohnehin so eng anliegt, dass er wie eine zweite Haut anmutet. Schwerer ins Gewicht fällt hingegen die Entscheidung, den Streifen fast der gesamten Härte des Originals zu berauben, um ihn so einem möglichst breiten (und jungen) Publikum präsentieren zu können.

Die Optik ist einer der großen Pluspunkte des Films

Eine blutleere Vorstellung

Zu zahm mutet "Ghost In The Shell" oftmals an, zu blutleer. Und tatsächlich, selbst wenn Menschen darin das Zeitliche segnen, gibt es kein Blut zu sehen. Das wäre nicht weiter tragisch, hätte der Film nicht ohnehin mit seinem oftmals zu artifiziellen Look zu kämpfen. So schön die dystopische Zukunft inszeniert ist, so sehr droht sie oftmals, in einer computergenerierten Videospieloptik unterzugehen. Wenn aber noch nicht einmal komplett menschliche Protagonisten wie Menschen anmuten - und sterben -, sondern als quasi blutlose Statisten zu Boden sinken, wird auch der Hauptfigur Major eine interessante Facette des Originals genommen: Darin grenzt sie sich viel mehr von den ordinären "Fleischsäcken" ab, erscheint wirklich wie das Unikat, als das sie stets bezeichnet wird, lebt unter Millionen Mitbürgern und fristet dennoch ein tristes Einsiedlerleben.

Dadurch fällt auch der philosophische Aspekt seichter aus, als es beim Original der Fall war. Der "Bösewicht" des Animes, eine künstliche Intelligenz, die aufgrund eines technischen Bugs ein Bewusstsein erlangt, weicht im Remake der Hollywood-typischen Verschwörung einer durch und durch bösen Organisation. Alles wirkt in der Neuauflage viel stringenter, "Ghost In The Shell" für Dummies, wenn man zynisch sein will. Im Grunde kann man beide Filme ganz einfach vergleichen: Beide sind dasselbe Stück eines Fadens, nur dass er beim Remake feinsäuberlich entwirrt wurde, während er beim Anime noch ein schwer zu durchblickendes Knäuel bildete.

Ein kunterbuntes Ensemble

Im Remake wird zwar versucht, eine ähnlich einsame Atmosphäre für den nichtsdestotrotz interessanten Charakter Major zu schaffen. Aufgrund der wenig menschlichen Darstellung fast all ihrer Mitstreiter und Widersacher fällt das aber oftmals flach. Am Cast selbst liegt das aber ganz und gar nicht. Immer wieder wurde im Vorfeld die Entscheidung bemängelt, mit Johansson eine US-Amerikanerin für die Hauptrolle engagiert zu haben. Macht man sich die Mühe und vergleicht sie mit der Anime-Version, hätte aber wohl keine passendere Schauspielerin gefunden werden können. Zumal der Film eine clevere Lösung dafür findet, warum sie so aussieht, wie sie aussieht...

Und auch der Rest des Ensembles wurde vorzüglich zusammengestellt. "Game Of Thrones"-Star Pilou Asbæk sieht wie die fleischgewordene Reinkarnation des bulligen Cops Batou aus, die japanische Filmlegende Takeshi Kitano (hierzulande wohl am besten für seine Klamauk-Sendung "Takeshis Castle" bekannt) ist ebenfalls über jeden Zweifel erhaben. Highlight des Films ist gar Michael Pitt als "Puppenspieler" Kuze, der die leider viel zu wenigen Szenen, in denen er zu sehen ist, ausnahmslos zu stehlen weiß.

"Game Of Thrones"-Darsteller Pilou Asbæk sieht seiner Zeichentrick-Vorlage ungemein ähnlich

Fazit:

Eine übermenschliche, weibliche Heldin in einer teils kunterbunten, teils deprimierend dystopischen Zukunftswelt. Ja, "Ghost In The Shell" mutet wie das uneheliche Kind von "Bladerunner" und "Das fünfte Element" an. Einige Entscheidungen, sich vom Anime-Original abzusetzen, waren absolut richtig - vor allem ein Teil des Endes betreffend. Andere Abweichungen hatten aber einen eindeutig kommerziellen Hintergedanken und machen aus "Ghost In The Shell" mitunter blutleeres, pseudo-philosophisches Hollywood-Kino. Fans des Animes wird das sicherlich stören, aber: eine Chance hat der Film nicht zuletzt wegen des guten Casts verdient.

Korrektur anregen