Erst flohen sie vor Armut, dann vor der Zwangsheirat - das ist die Geschichte von Mona und ihrer Schwester

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Sie riskierten alles, um der Armut Kambodschas zu entfliehen
  • Mona* und ihre Schwester wurde in China ein besseres Leben versprochen
  • Stattdessen wurden sie zu Ware auf einem florierenden Brautmarkt - und sind deshalb erneut auf der Flucht

Die sechzehnjährige Mona sitzt auf dem Boden der hölzernen, aus einem Raum bestehenden Hütte ihrer Familie. In den Armen hält sie ihre drei Monate alte Tochter. Das Licht fällt furch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden.

Einige von Monas sechs Geschwistern schlafen auf Matten, die im Raum verteilt sind. Sie sind müde von der Nachtschicht auf der nahegelegenen Kautschuk-Farm im Südosten Kambodschas, einige Fahrstunden nördlich der Hauptstadt Phnom Penh.

Auf den ersten Blick wirkt Mona wie jede andere Mutter im ländlichen Kambodscha, die ihre Tage damit verbringt, ihr Kind zu stillen und es in der Hängematte zu wiegen.

Aber die Geschichte, wie Mona Mutter wurde, unterscheidet sich von denen der meisten jungen Mütter im Land. Denn sie erfuhr erst von ihrer Schwangerschaft, nachdem sie aus dem Haus ihres chinesischen Ehemannes geflohen war und im kambodschanischen Konsulat in Schanghai Unterschlupf fand.

1
Mona und ihre Schwester konnten aus China fliehen, aber zuhause in Kambodscha hören die
Schwierigkeiten nicht auf.

Mona ist eine von vielen jungen Frauen aus Kambodscha, die von Menschenhändlern nach China gelockt und dort als Bräute verkauft und zwangsverheiratet werden.

Die extreme Armut in den kambodschanischen Dörfern und fehlende Perspektiven für Frauen und junge Mädchen treibt diese nach China. Dort ist der florierende Brautmarkt die Endstation. Wo Frauen wie Vieh verkauft werden.

Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Frauen aus Kambodscha über Menschenhändler nach China kommen und dort in die Ehe verkauft werden.

Menschenrechtsgruppen schätzen, dass es jedes Jahr Dutzende sind, wenn nicht sogar mehr. Die kambodschanische Regierung berichtete im Jahr 2014 von 58 Fällen, 2015 waren es schon 85 Fälle, in denen Frauen nach Kambodscha zurückgebracht wurden, nachdem sie der Ehe in China entflohen waren. Aber die Dunkelziffer liegt noch viel höher.

Im Juni senkte das US-Außenministerium Chinas Einschätzung für Vergehen gegen das Menschenhandelsgesetz. Das Land steht nun auf einer Stufe mit dem Iran und Nordkorea.

Nach Jahren der Ein-Kind-Politik ist das Verhältnis von Männern und Frauen im Land nicht mehr ausgeglichen. Junge Männer suchen verstärkt im Ausland nach einer Frau, oft locken sie diese und ihre Familien auch mit Geld.

Während heiratswillige Frauen aus vielen Ländern nach China kommen, hat sich der Markt für die Zwangsverheiratung kambodschanischer Frauen mit chinesischen Männern zu einem Nischenmarkt entwickelt.

Kambodscha ist ein idealer Markt für weniger wohlhabende chinesische Familien, die für ihren Sohn eine passende Frau suchen. Und weil die Menschen im ländlichen Kambodscha Not leiden, ist für Frauen ein regelrechter „Preiskampf“ entstanden.

Falsche Versprechen für die Zwangsehe

Manche Frauen wie Mona stimmen der Ehe im Gegenzug für das falsche Versprechen zu, ihr chinesischer Ehemann würde Geld an die Familie in Kambodscha schicken.

Anderen wiederum wird ein gutbezahlter Job in einer chinesischen Fabrik versprochen. Erst wenn sie in China ankommen, begreifen sie, dass sie einen chinesischen Mann heiraten sollen.

In beiden Fällen werden die Frauen in ein komplexes System des Menschenhandels geworfen, dass sich über viele Grenzen erstreckt.

Mona und ihre ältere Schwester Theary*, die zusammen nach China kamen, bevor sie an verschiedene Familien verkauft wurden, durchliefen viele Stationen des Handels, bis sie zu ihren neuen Ehemännern kamen.

Während der zweiwöchigen Reise waren sie in den Händen kambodschanischer, vietnamesischer und chinesischer Menschenhändler, die mit dem Transport der Frauen beauftragt waren.

2
Ein Dorf in der Region Kampong Speu, westlich von Kambodschas Hauptstadt, in dem viele Mädchen nach China verkauft wurden.

„Meine Eltern sind arm und hatten Schulden“, erzählt Mona. „Meine Schwester und ich wollten der Familie helfen, wir hofften auf bessere Jobs, in denen wir Geld verdienen konnten.“

Auf der Suche nach Arbeit zogen die Mädchen in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh. Theary, die zu der Zeit 19 Jahre alt war, fand Arbeit in einer Bekleidungsfabrik, wo sie ungefähr 200 Dollar im Monat verdiente. Aber Mona, die grade einmal 15 Jahre alt war und die Schule nur bis zur vierten Klasse besucht hatte, war noch zu jung um legal zu arbeiten. Als sie durch die Straßen zog und nach Arbeit fragte, wurde sie von einer gut gekleideten Frau Mitte 30 angesprochen.

„Sie sagte mir, dass ich in Kambodscha niemals Arbeit finden würde, weil ich zu jung sei und keinen Personalausweis hätte“, erklärt Mona.

Nicht lange nach ihrem ersten Treffen schlug die Frau vor, nach China zu gehen. Sie erzählte den Schwestern, das Leben in China sei gut, sie könnten einen reichen Mann heiraten und wären abgesichert. Aber viel wichtiger noch: Sie versprach den Mädchen, dass auch ihre Familie Geld bekommen würde.

Geld bekamen sie nie. Und das Leben war nicht gut.

Ich dachte, die Frau würde mir nicht wehtun, sie war ja auch eine Khmer. Ich dachte an meine Familie und wie ich ihnen helfen könnte.“

So erzählt es Mona. Sie drückt dabei die Überzeugung aus, dass jemand ihrer eigenen Volksgruppe – Khmer machen mehr als 90 Prozent der kambodschanischen Bevölkerung aus – auf ihrer Seite sei.

Es war diese kurze Begegnung, die den Stein der Reise von Kambodscha durch Vietnam an die chinesische Grenze ins Rollen brachte.

Die Reise war lang und ungewöhnlich kräftezehrend: Mit dem Bus von Phnom Penh in die quirlige Metropole Ho Chi Minh City in Vietnam, ein Flug nach Hanoi, der Hauptstadt Vietnams und eine lange Fahrt mit dem Motorrad durch dichte Wälder und über steile Bergpässe.

Die Reise dauerte über zwei Wochen. Die Mädchen legten den größten Teil der Reise gemeinsam zurück, in Vietnam kamen für kurze Zeit noch zwei weitere junge Mädchen aus Kambodscha dazu. Die Menschenhändler auf diesem Stück der Reise reisten immer mit zwei Mädchen. Mona und ihre Schwester blieben in einem gemieteten Zimmer in Hanoi, während die anderen beiden Mädchen weiter nach China fuhren.

Als der Mann sie über einsame Bergstraßen von Hanoi bis an die chinesische Grenze fuhr, keimte bei ihnen der Verdacht auf, dass sie die Grenze illegal überqueren würden. Sie konnten nicht mit dem Mann sprechen, sie sprachen nicht seine Sprache. Sie waren verängstigt und hungrig.

3
Eine unbefestigte Straße in Kampong Speu. Auf solchen Straßen werden viele Bräute nach China gebracht.

„Als wir die Grenze erreichten war es dunkel. In den Bergen ging es auf und ab, wir durchquerten dichte Wälder“, erinnert sich Mona.

Der Grenzübergang, den die Menschenhändler ausgesucht hatten, war unbemannt und er hatte keinen offiziellen Checkpoint.

Theary hatte Angst, den Fluss nachts zu überqueren, aber die Mädchen wurden dazu gezwungen. Unter ihren Füßen befand sich nur eine wackelige Bambusplanke, über ihren Köpfen ein Bambusseil zum Festhalten. So kamen sie von einem Ufer ans andere. Auf der chinesischen Seite wurden sie von verschiedenen Händlern in Empfang genommen.

In China angekommen, befahl man ihnen, die Kleidung zu wechseln, damit man sie für Chinesinnen halten würde.

Neue Kleidung, neues Leben

Sie bekamen neue Kleider, Schuhe und Sonnenbrillen. Nach einer langen und anstrengenden Reise, auf der sie kein Wort sprechen durften – niemand sollte merken, dass sie keine Chinesinnen waren – kamen sie in einem kleinen Dorf an. Dort wurden sie getrennt voneinander verkauft.

Beide Mädchen erinnern sich noch gut daran, wie sie in einem Hotelzimmer saßen und die Eltern ihrer möglichen zukünftigen Ehemänner kamen, um sie zu begutachten.

Die Geschwister waren noch nie zuvor getrennt gewesen, die ältere Schwester war für Mona auf der Reise eine große Unterstützung. Als sie darauf warteten, verkauft zu werden, taten ihnen die anderen Mädchen aus Kambodscha Leid, die alleine unterwegs waren. Auch Mona hatte Angst, ihre Schwester nie wiederzusehen.

Die Schwestern erinnern sich noch gut daran, wie sie in einem Hotelzimmer saßen und die Eltern ihrer möglichen zukünftigen Ehemänner kamen, um sie zu begutachten.

Monas neuer Ehemann war 27 Jahre alt und lebte bei seinen Eltern in einem Dorf in der Provinz Anhui, im Osten des Landes. Die Familie besaß ein Geschäft, in dem Schuhe, Gürtel, Teller und andere Dinge verkauft wurden. Mona durfte das Haus kaum verlassen. Sie war einsam, hatte Heimweh und konnte mit ihrer neuen Familie nicht kommunizieren.

Drei Monate später floh sie zusammen mit drei anderen kambodschanischen Mädchen, die in das gleiche chinesische Dorf verkauft worden waren. Doch die Flucht war nicht leicht.

Monas neue Familie hatte am Anfang ein wachsames Auge auf sie. Aber irgendwann wurden sie entspannter und sie erlaubten Mona, sich mit den anderen kambodschanischen Mädchen im Dorf anzufreunden.

Für eine Abtreibung war es zu spät

Die Flucht gelang ihr, als die anderen Mädchen sie eines Tages mit einem Motorrad abholten. Mona hatte Glück. Die Polizei half ihr und brachte sie mit den kambodschanischen Behörden in Kontakt. Das ist nicht immer der Fall, wenn Frauen, die von Menschenhändlern nach China gebracht wurden, sich an die Polizei wenden. In vielen Fällen werden die Frauen dann zurück zu ihren Peinigern gebracht oder weiterverkauft.

Doch Mona schaffte es nach Schanghai und von dort weiter nach Peking. Von dort aus wurde sie mit Hilfe der kambodschanischen Botschaft zurück nach Hause gebracht - wo sie schließlich ihre Tochter zur Welt brachte.

Als Mona im Konsulat in Schanghai untersucht worden war, wurde ihre Schwangerschaft festgestellt. Zuerst dachte sie an eine Abtreibung, aber als sie in Kambodscha ankam, war es dafür bereits zu spät.

4
Nach der Flucht stellte Mona fest, dass sie schwanger war.

Ein Jahr später kam auch Monas Schwester Theary wieder nach Hause. Man hatte ihr nie den Namen des Dorfes gesagt, in dem sie sich befand. Eines Tages konnte sie sich aus dem Haus schleichen und wanderte drei Tage lang durch das Land, ohne überhaupt zu wissen, wo sie war.

Schließlich gelang es ihr mit der Hilfe eines Taxifahrers die Polizei zu verständigen. Sie wurde in einem chinesischen Straflager festgehalten, aber die Formalitäten ihrer Rückreise wurden organisiert. Es dauerte ein Jahr, bis sie nach Kambodscha zurückkehren konnte.

Nicht jede hat das Glück, fliehen zu können

In China gibt es keine formale Vorgehensweise bei ausländischen Frauen, die Menschenhändlern entkommen sind. In der Regel hängt der Erfolg der Flucht davon ab, ob sich eine Botschaft oder ein Konsulat in der Nähe befindet und von den Beamten, auf die eine Frau trifft.

Laut Nadia Jung, einer Beraterin bei der Anti-Menschenhandel-Organisation Chab Dai in Kambodscha, misslingt den meisten Opfern die Flucht.

„Um zurückkehren zu können müssen sich die Frauen mit dem Konsulat oder der Botschaft in Verbindung setzen oder mit jemandem, der ihnen helfen kann. Aber in China ist das schwierig. Dort gibt es nur wenige Organisationen, die Opfern von Menschenhändlern helfen“, erklärt Jung.

„Manchmal haben wir es mit Frauen zu tun, denen die Flucht misslingt. Sie landen dann wieder bei den Familien ihrer Ehemänner, die dann noch strenger über sie wachen.“

So wie bei Leak*. Die 31-Jährige versuchte viermal zu fliehen, bis es ihr schließlich gelang und sie nach Kambodscha zurückkehren konnte.

Eine Frau in Leaks Heimatdorf in Kampong Speu hatte ihr einen guten Job in China versprochen. Sie war eine Nachbarin. „Sie sagte mir nicht, um welche Art von Arbeit es sich handeln würde“, erzählt Leak. „Aber ich hätte alles für Geld getan, da meine Familie sehr arm und verzweifelt ist.“

Nachdem Leak nach China gekommen war, wurde sie zunächst an eine Kambodschanerin verkauft, die sie dann schließlich an ihren späteren Ehemann weiterverkaufte.

Leak erinnert sich daran, wie sie an einem Esstisch saß und ihrem neuen Ehemann dabei zusah, wie er 10.300 Dollar für sie bezahlte. Eine solche Summe hätte Leaks Familie in Kambodscha für eine sehr lange Zeit über die Runden geholfen, aber es ging alles an den Menschenhändler.

"Die Khmer-Frau sagte mir, ich sollte bald mit meinem neuen Ehemann schlafen. Sonst würde er das Geld zurückverlangen."

Vier Jahre lang wurde Leak von ihrem Ehemann und seiner Familie bewacht, bevor ihr die Flucht gelang.

5
Leak erinnert sich daran, wie sie an einem Esstisch saß und ihrem neuen Ehemann dabei zusah, wie er 10.300 Dollar für sie bezahlte.

Heute sind alle drei Frauen froh, dass sie wieder zuhause bei ihren Familien sind. Aber die finanziellen Sorgen sind geblieben.

Ein paar Monate sind seit ihrer Rückkehr vergangen - aber das Leben hat es nicht gut mit ihnen gemeint: Leak hat keine Arbeit. Monat ist Mutter. Und Theary arbeitet auf einer Kautschuk-Farm, wo sie weniger als 140 Dollar im Monat verdient.

Ihre Eltern haben ihr verboten, wieder nach Phnom Penh zu gehen. In der Hauptstadt könnte sie eine besser bezahlte Arbeit finden.

Doch nach allem was geschehen ist, wollen sie ihre Tochter nicht mehr gehen lassen.

* Alle Namen geändert.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

2017-09-08-1504854297-2100683-CopyofHuffPost.png
Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

(mf)

Korrektur anregen