Russlands Militärmanöver "Sapad" ist im vollen Gange - ein Ex-Soldat erklärt, was Putins eigentliches Ziel ist

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Russlands Militärmanöver "Sapad" ist im vollen Gange - ein Ex-Soldat erklärt, was Putins eigentliches Ziel ist | RIA Novosti / Reuters
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  • Seit Donnerstag läuft das russisch-weißrussische Großmanöver "Sapad"
  • Fast 13.000 Soldaten proben laut offiziellen Angaben eine Woche lang den Ernstfall
  • Franak Viačorka hat an einer Vorgänger-Übung teilgenommen - er warnt vor den möglichen Folgen des Manövers für den Westen

Für Franak Viačorka und seine Kameraden war das gigantische weißrussisch-russische Manöver ein Spiel. "Wir waren die Spielzeuge und die großen, meist russischen Generäle manipulierten uns", sagt der Ex-Soldat der HuffPost.

Viačorka nahm 2009 bei der von Russland und Weißrussland organisierten Militärübung "Sapad" ("West") teil. Das letzte Großmanöver der beiden Länder fand im November 2013 statt - nur wenige Monate, bevor Russland die ukrainische Halbinsel Krim erst besetzte und kurze Zeit später annektierte.

Am Donnerstag hat Russland erneut das "Sapad"-Manöver gestartet, es wird am 20. September enden. Die Nato beobachtet das "bedeutendste Ereignis für die Streitkräfte" - so nennt es Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu - mit Sorge.

Und Viačorka ebenfalls. Er erlebte vor acht Jahren, welchem Zweck die riesige Militäroperation dient - und warnt im Gespräch mit der HuffPost vor den Plänen von Russlands Präsident Wladimir Putin, sollte dieser seine Machtposition in Gefahr sehen.

"Am Ende eine Atombombe auf Warschau"

Der Weißrusse forscht derzeit an der American University in Washington zu internationalen Beziehungen und arbeitet als Journalist bei "Radio Free Europe / Radio Liberty". Der 29-Jährige ist einer der bekanntesten Kritiker des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko.

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Franak Viačorka in einer Dokumentation des Fernsehsenders Belsat über weißrussische Soldaten

Vor acht Jahren war Viačorka Teil einer Einheit, die während des "Sapad"-Manövers den Luftraum überwachen sollte. "Wir beobachteten die Grenze zur Ukraine, alle zehn Sekunden musste ich die Positionen überprüfen. In der Übung griff uns die Nato von Süden an."

Das ganze Manöver sei stressig gewesen - "und es endete mit einer Atombombe auf Warschau", wie er erklärt.

Was er 2009 erlebte, dürfte auch heute noch aktuell sein. So waren damals etliche Gerätschaften und die Technik nicht voll funktionsfähig, die russischen Generäle seien oft betrunken gewesen, sagt er.

"Aber 'Sapad' dient nicht vorrangig dazu, die militärische Macht oder die Kampfbereitschaft der Armee zu testen", betont Viačorka. Es diene vielmehr der Ideologisierung der Soldaten und der Bevölkerung. "Es ist Propaganda, die vor allem die Weißrussen an die Präsenz von russischen Truppen gewöhnen soll."

Putin selbst nutze die Übung, "um Signale an die russische Bevölkerung zu senden, dass Weißrussland sein Territorium und das Polen, Litauen und der ganze Westen der Feind sei".

"Wer den Suwalki-Korridor kontrolliert, der kontrolliert das ganze Baltikum"

Die Sorgen des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko vor einem Einmarsch russischer Truppen in Folge von "Sapad 2017" kann Viačorka nachvollziehen - allerdings nur zum Teil.

Poroschenko hatte in einem BBC-Interview erklärt, dass es immer mehr Hinweise gebe, "dass Russland einen Offensivkrieg von kontinentalen Ausmaßen plant".

Viačorka glaubt: "Wenn Putin tatsächlich einen Krieg beginnen sollte, dann nicht erneut in der Ukraine, sondern am Suwalki-Korridor."

Damit ist die polnisch-litauische Grenze zwischen Weißrussland und der russischen Exklave Kaliningrad gemeint. "Wer diese Lücke kontrolliert, der kontrolliert das ganze Baltikum", sagt der Politikwissenschaftler.

Er unterstreicht: "Dieses Manöver ist für die ganze Welt gefährlich." Die Teilnehmerzahlen der diesjährigen Übung hält er für manipuliert. Auch Bundesverteidigungsministern Ursula von der Leyen geht davon aus, dass "über 100.000" Soldaten an dem Manöver teilnehmen werden - und damit internationale Spielregeln missachtet werden.

Anders als in der Vergangenheit, würden aber bei der diesjährigen Ausgabe viel weniger Panzer oder Bomben im Mittelpunkt stehen. "Es wird vor allem für den Cyber-Krieg trainiert", sagt Viačorka.

Ein schneller Krieg gegen innenpolitischen Frust

Abgesehen von den knapp 13.000 Soldaten, die offiziell an der Übung teilnehmen, würden weitere Zehntausende an der russischen Westgrenze stehen - "in Bereitschaft für eine potentielle Operation".

Ein solches Szenario hält Viačorka zwar derzeit nicht für realistisch. Doch bereits 2018 könnte das anders aussehen. "Wenn die russische Wirtschaft weiter schrumpft und Oppositionspolitiker Alexei Nawalny Putin noch mehr zusetzt, könnte sich der russische Präsident bedrängt sehen", sagt Viačorka. Und fügt hinzu:

"Um dann vor den innenpolitischen Problemen - zumal vor der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr - abzulenken und um seine Popularität zu erhöhen, könnte Putin auf einen schnellen Krieg zurückgreifen."

So wie 2014 in der Ukraine.

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(ll)