Gefangen in "Merkels Hängematte": "Economist"-Journalist Jeremy Cliffe über den deutschen Wahlkampf

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Gefangen in Merkels Hängematte: "Economist"-Journalist Jeremy Cliffe über den deutschen Wahlkampf | Getty
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  • Jeremy Cliffe ist Deutschland-Korrespondent des renommierten Wirtschaftsmagazins "The Economist"
  • Seit Wochen reist er durch die Republik und berichtet über den Bundestagswahlkampf
  • Cliffe findet: Deutschlands wirkliche Probleme kommen in diesem nicht zur Sprache

Ein Hängematten-Wahlkampf. Das ist aus der Sicht von Jeremy Cliffe das, was Deutschland in den vergangenen Wochen erlebt hat.

Cliffe ist Korrespondent des renommierten britischen Wirtschaftsmagazins “The Economist” in Berlin. Er tourt seit Wochen durch das Land und besucht Wahlveranstaltungen, interviewt Politiker und Experten, spricht mit Wählern.

Ein Hängematten-Wahlkampf also. Doch was gemütlich klingt, hat für Cliffe ernste Auswirkungen auf die Zukunft Deutschlands.

"Kaum Differenzen zwischen Martin Schulz und Angela Merkel zu finden"

Cliffes Beobachtung: Die wirklichen Probleme Deutschlands kommen im Wahlkampf nicht zur Sprache. Stattdessen gefallen sich vor allem die großen Parteien CDU und SPD im Konsens.

“Man muss sich wirklich anstrengen, um Differenzen zwischen Martin Schulz und Angela Merkel zu finden”, sagt Cliffe der HuffPost. Schulz sei proeuropäischer, aber da hören für den britischen Korrespondenten die Unterschiede schon auf.

“Der deutsche Wahlkampf unterscheidet sich damit fundamental von den anderen Wahlkämpfen, die wir in letzter Zeit in westlichen Ländern erlebt haben.”

Angefangen von den Wahlen in den USA über Frankreich, die Niederlande und Großbritannien seien die Abstimmungen hoch umstritten gewesen, mit klaren politischen Alternativen.

Man denke an den Krawall-Wahlkampf von Donald Trump oder den linken britischen Bewerber Jeremy Corbyn, der die amtierende britische Premierministerin Theresa May in die Enge trieb.

Nicht so in Deutschland.

Wahlkampfpublikum im Wachkoma

Die zwei größten Parteien hätten eine gemeinsame Vision von Deutschland, sagt Cliffe. Große Auseinandersetzungen oder gar Streit? Fehlanzeige.

Das werde auch bei den Wahlkampfauftritten klar, von denen Cliffe in den vergangenen Wochen Dutzende besucht hat.

Das Publikum bei den Veranstaltung beschreibt Cliffe als in einer Art Wachkoma - da sei kaum Emotion, kaum Begeisterung. Die Menschen klatschten höflich am Ende einer Rede und tränken ihr Bier.

Merkels Auftritte beschreibt Cliffe in dieser Hinsicht gar als eine Art “Kunstwerk”, weil sie es schaffe, alle politischen Positionen abzubilden.

Die Kanzlerin erkläre einerseits, wie wichtig die Integration der Einwanderer sei. Gleichzeitig erkläre sie, Deutschland könne es aushalten, wenn verschiedene Kultur nebeneinander lebten.

Diese Taktik beschreibt Cliffe als die Hängematten-Strategie von Merkel. Sie schwingt erst in die eine politische Richtung, dann in die andere und decke so die politische Mitte von rechts bis links ab.

Die Folgen: Eine SPD, die in den Umfragen auf 20 Prozent abgestürzt ist. Und kleine Parteien, die in den Umfragen nach oben klettern, weil sie Nischenpositionen besetzen, die Merkel nicht abdeckt.

"Deutschland scheint als heile Welt - aber das ist es nicht"

Wenn Cliffe vom deutschen Wahlkampf erzählt, klingt das eher nach Schachspiel als nach Rugby. Doch das emotionslose Taktieren im Wahlkampf sei ein Problem, sagt Cliffe.

“Es gibt unter der Oberfläche viele Spannungen und Unsicherheiten in Deutschland”, glaubt er.

Fast die Hälfte der Menschen hätten nicht von den Lohnerhöhungen der vergangenen Jahren profitiert. Die Schlangen an den Essensausgaben der Tafeln würden immer länger. Der Wohlstand in Deutschland sei ungleicher verteilt als es oft scheine.

Hinzu komme die ungeklärte Frage, welche Rolle Deutschland in der Welt und in Europa spielen wolle - und das, was Cliffe, als “Deutschlands Identitätskrise” beschreibt.

Will Deutschland ein Einwanderungsland sein? Was bedeutet Deutschsein überhaupt? Klare Antworten bleiben die großen Parteien schuldig, sagt Cliffe. Der Gewinner: Die AfD.

“Den Menschen ist es gar nicht so wichtig, was die Kandidaten der AfD von sich geben”, glaubt Cliffe. Im Erfolg der Partei spiegele sich vielmehr die Unzufriedenheit vieler Deutscher.

“Deutschland erscheint als ‘heile Welt’”, fasst Cliffe zusammen. “Aber das ist es nicht.”

Sprich: Außerhalb von Merkels Hängematte sieht es recht ungemütlich aus. Noch aber schaukelt Deutschland zufrieden vor sich.

Aber mit einem deutlichen Erfolg der AfD am Wahlsonntag könnte es damit ganz schnell vorbei sein.

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