Betreiber von Frauenhäusern schlagen Alarm: Wir müssen tausende Frauen in Not abweisen

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FRAUENHAUS
Die Situation sei do dramatisch wie nie, warnen die Betreiber der Frauenhäuser. | dpa
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  • Die Frauenhäuser in Deutschland sind maßlos überfüllt
  • Sie müssen jährlich 9000 Gewaltopfer ablehnen
  • Jetzt hat die Frauenhauskoordinierung einen offenen Brief an den Bundestag geschrieben - und die Politiker um Hilfe gebeten

Jede vierte Frau in Deutschland erfährt mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt von ihrem Partner. Für viele Frauen ist der einzige Ausweg die Flucht in ein Frauenhaus.

Doch zum Teil muss jede zweite Frau abgewiesen werden, die Hilfe sucht – es gibt kaum freie Plätze in Deutschland.

Jetzt wendet sich der Dachverband Frauenhauskoordinierung mit einem offenen Brief an die Bundestagsfraktionen, die Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz und die kommunalen Spitzenverbände.

"Die Aufnahmesituation in deutschen Frauenhäusern ist dramatisch wie nie, die Versorgungssituation von gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern hat sich drastisch verschlechtert“, heißt es in dem Brief.

Der Dachverband fordert die Politiker auf, so schnell wie möglich finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. "Denn jede Frau und ihre Kinder sollten Schutz bekommen, wenn sie ihn brauchen."

Die Frauenhäuser rufen einen Notstand aus

Viele Frauenhausmitarbeiterinnen hätten sich mit den drastischen Problemen in ihren Arbeitsstätten an den den Verband gewandt:

"In mehreren Bundesländern sind seit Wochen keine freien Frauenhausplätze zu bekommen. Betroffene Frauen sind verzweifelt auf der Suche nach einem Schutzplatz. Weder das bundesweite Hilfetelefon noch die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern können ihnen einen Ausweg zeigen, die Frauenhausplätze reichen einfach nicht aus“, heißt es aus Baden-Württemberg.

"Für die Frauen und Kinder ist das eine Katastrophe und für uns eine große psychische Belastung, dass wir den Frauen und Kindern keinen Schutz anbieten können“, berichtet eine Mitarbeiterin aus Hessen.

"Machen wir uns nichts vor: Jede Frau, die zu diesem Moment keinen Platz findet, kann am nächsten Tag tot sein", sagt Brigitte Altendorf dem Sender SWR. Sie ist Mitarbeiterin von einem der Berliner Frauenhäuser.

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Niemand möchte die Verantwortung übernehmen

In Deutschland gibt es rund 360 Frauenhäuser, in denen insgesamt etwa 6700 Betten stehen. Um alle Frauen aufnehmen zu können, müssten es mindestens 4300 mehr sein, heißt es von den Frauenhäusern.

Etwa 40.000 Frauen und Kinder suchen jährlich Zuflucht in Deutschlands Frauenhäusern, aber rund 9000 Frauen müssen aufgrund des Platzmangels abgelehnt werden.

Durch die fehlenden Plätze und den Geldmangel spitzt sich die Lage immer mehr zu. Die Mieten der Frauenhäuser steigen, einen Platz gibt es nicht immer umsonst. Einige der Schutzsuchenden können sich den Aufenthalt gar nicht leisten.

Auch geflüchtete Frauen kommen vermehrt bei den Unterkünften an, um gewalttätigen Männern zu entkommen.

Schon vor fünf Jahren hat die Informationsstelle Autonome Frauenhäuser (ZIF) in einer Stellungnahme kritisiert, dass die finanziellen Mittel, die den Frauenhäusern zur Verfügung gestellt werden, nicht ausreichen.

Aber die Zuständigkeient werden von den Ländern zum Bund, dann auf die Landkreise geschoben und wieder zurück. Keiner möchte die Verantwortung übernehmen. Politiker diskutieren schon lange darüber, wie Frauenhäuser finanziell abgesichert werden sollen. Doch Ergebnisse gibt es bislang keine.

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Eigentlich müsste schnell ein Finanzierungskonzept her

Im Juni ratifizierte der deutsche Bundestag die Istanbulkonvention, ein Übereinkommen des Europarats "zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt". Darunter fällt auch die Hilfe im Zugang zu Unterbringungsmöglichkeiten – wie die Frauenhäuser.

Bis Mai 2017 wurde das Übereinkommen von 44 Staaten unterzeichnet und von 24 in Kraft gesetzt. Deutschland hat es erst Anfang Juli ratifiziert. Damit hat Deutschland sich eigentlich zur "Einrichtung von leicht zugänglichen Schutzunterkünften in ausreichender Zahl" verpflichtet. Das müsste jetzt eigentlich so schnell wie möglich umgesetzt werden.

Die Parteien und ihr Wahlprogramm

Die ZIF ist schon lange damit beschäftigt, Politiker auf diese schwerwiegende Problematik aufmerksam zu machen.

"Im Vorfeld der Bundestagswahl schreiben wir jeden Monat an die Parteivorstände und frauenpolitischen Sprecher*innen der im Bundestag vertretenen Parteien, Briefe zu verschiedenen Themen, die uns in den Frauenhäusern beschäftigen“, schreibt die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser auf ihrer Seite.

Bisher haben nur die SPD, Grüne und Linke das Thema Frauenhäuser in ihre Wahlprogramme aufgenommen. Jede Partei verspricht eine "sichere Finanzierung“. Wie sie diese durchsetzen wollen, ist manchmal mehr, manchmal weniger ausführlich beschrieben.

In den Programmen der CDU und FDP ist das Thema nicht zu finden. Auf einen Brief der ZIF antwortete die CDU zwar, dass ihnen der Schutz von Frauen und Kindern wichtig sei, aber die Zuständigkeit falle den Ländern zu.

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(ks)

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