"Ich erwarte nichts mehr vom Leben" - so ergeht es einem Obdachlosen in New York

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  • Harry ist seit zwei Jahren obdachlos
  • Die Krebs-Erkrankung seiner Frau hat ihn in die Pleite getrieben
  • Jetzt bettelt er jeden Tag mit seinem Hund am Times Square und schl├Ąft in einem Auto

Die Passanten am New Yorker Times Square lachen, wenn sie Lucy sehen. Sie tr├Ągt ein pinkfarbenes T-Shirt zu einer pinkfarbenen Plastikbrille, bunten Schmuck und ein Prinzessinnen-Kr├Ânchen. Lucy ist ein Hund.

Ihr Besitzer Harry sitzt hinter ihr auf einem Plastikstuhl. Neben den beiden steht ein Eimer mit der Aufschrift "Bitte lasst ein bisschen Kleingeld da". Immer dann, wenn Lucy sich hinlegen will, zieht Harry an ihrer Leine.

"Beweg dich, Idiotin!", ruft er. "Die Leute m├╝ssen dein Gesicht sehen!"

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Gleich darauf beugt er sich zu ihr herunter, streichelt und k├╝sst sie. Wenn die Passanten Lucys Gesicht sehen, verdient Harry mehr. Immer wieder kommen Menschen und fotografieren die H├╝ndin.

Harrys Ehefrau bekam Brustkrebs - seitdem ist er pleite

"Oh mein Gott, ist sie s├╝├č! Wie lustig sie aussieht!", sagt eine Frau, stellt ihre gro├če Shopping-Tasche von dem Designer-Kaufhaus Bloomingdales neben Lucy ab und bittet ihre Freundin, ein Foto von ihr und dem Hund zu schie├čen. Danach wirft sie einen Ein-Dollar-Schein in Harrys Eimer.

Nach zwanzig Minuten hat Harry etwa vier Dollar eingenommen. Einen Job hat er nicht. Seine Frau verkauft Rosen am Times Square.

"Ich erwarte nichts mehr vom Leben", sagt Harry, der so alt ist wie ein Kartensatz, wie er sagt: 52. Kurz nimmt er seine abgewetzte Kappe ab, die eine Halbglatze versteckt, l├Ąsst sie in den H├Ąnden kreisen und setzt sie wieder auf.

Vor zwei Jahren hat Harrys Ehefrau Brustkrebs bekommen. Sie brauchte eine Chemotherapie, Medikamente und psychische Unterst├╝tzung.

"Ihr sind nicht nur alle Haare ausgefallen", sagt Harry. "Sondern der Krebs hat sie komplett zerst├Ârt. Das ist es, was Krebs mit dir macht: Er zerst├Ârt dich."

Harry hatte keine Krankenversicherung

Harry sagt, sie h├Ątten keine Krankenversicherung gehabt. In den USA steht eine Krankenversicherung anders als in Deutschland nicht im Gesetz.

Erst seitdem es Obamacare gibt, k├Ânnen sich viele Amerikaner ├╝berhaupt eine Krankenversicherung leisten. Doch Harry h├Ąlt nicht viel von Obama, sagt, Obamacare h├Ątte auch nicht alle Untersuchungen ├╝bernommen.

Ô×Ę Mehr zum Thema: "Niemand sollte pleite gehen, weil er ├╝berleben will": Ohne Obamacare w├Ąre ich heute tot

Tats├Ąchlich hatten 2015 trotz Obamacare immer noch 9,1 Prozent der US-Amerikaner keine Krankenversicherung.

Also, sagt Harry, h├Ątte er alle Untersuchungen und Medikamente f├╝r seine Frau selbst bezahlt. Eine Chemo-Einheit h├Ątte bis zu 40.000 Dollar gekostet. Danach sei er pleite gewesen.

Seine zwei Kinder sind zwar mittlerweile schon 22 und 23 Jahre alt, brauchen aber selbst noch Geld von ihm. Sein Sohn verdient sein Geld als Uber-Fahrer, seine Tochter ist Hausfrau. Zu ihr hat er keinen Kontakt mehr, wie zu den meisten seiner Verwandten.

"Meine Tochter hat uns im Stich gelassen"

"Sie hat einen Mann auf Instagram kennen gelernt und ist sofort zu ihm nach Florida gezogen. Er ist ein Vollidiot", sagt Harry. Seitdem h├Ątten sie keinen Kontakt mehr.

"Ich verstehe einfach nicht, wie eine junge Frau nach Florida durchbrennen kann, deren Mutter gerade Krebs hat", sagt er. "Wenn es eine Zeit im Leben gibt, in der ihre Mutter sie wirklich gebraucht h├Ątte, dann ist es diese gewesen. Aber sie hat uns im Stich gelassen."

Harry zieht die buschigen Augenbrauen w├╝tend zusammen und blickt auf Lucy hinab, die sich wieder hingelegt hat. "Steh auf, du Hurensohn!", br├╝llt er und zerrt an der Leine. Lucy r├╝hrt sich nicht. Harry nimmt eine leere Plastik-Wasserflasche und knallt sie gegen die Mauer hinter ihm. Erschrocken setzt Lucy sich auf.

"Es war die Idee meiner Tochter, Lucy so anzuziehen", sagt Harry. "Da war sie etwa 17 und wir haben noch in einem Haus gelebt. Sie, meine Frau, mein Sohn und ich. Immer wenn sie mit Lucy gespielt hat, hat sie ihr pinke Outfits angezogen. Lucy hat das nichts ausgemacht und meine Tochter hatte so viel Spa├č."

Jetzt streichelt Harry Lucy wieder ├╝ber den Kopf.

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"Ich schlafe den halben Tag, was soll ich denn sonst machen?"

"Mein Tag verl├Ąuft immer gleich. Ich sitze hier f├╝r vier oder f├╝nf Stunden. Dann gehe ich in mein Auto und schlafe. Was soll ich denn sonst machen?", fragt Harry.

Sich f├╝r Jobs zu bewerben hat er aufgegeben, nachdem er nur Absagen bekommen hat. 28 Jahre lang s├Ąuberte er die Stra├čen von New York.

"Aber wenn du 28 Jahre lang Stra├čen ges├Ąubert hast und deine Frau dann Krebs kriegt und du den Job verlierst, dann kannst du einfach nicht wieder Stra├čen s├Ąubern", sagt Harry. Doch einen anderen Job findet er nicht. Also bettelt er oder verbringt die Zeit in seinem Auto.

"Lucy mag es nicht, im Auto zu sein. Sie quengelt dann, sie will raus", sagt Harry. "Also muss ich mit ihr raus gehen. Dann schlafe ich wieder. Und hoffentlich kommt dann der n├Ąchste Tag. Dann sitze ich wieder hier."

In seiner Freizeit beobachtet er erfolgreiche M├Ąnner

Harry sagt, es gefalle ihm, am Times Square zu sitzen. Er ist in New York geboren und aufgewachsen und der Times Square sei "der verdammt noch mal beste Ort in New York City", denn hier verdiene er am meisten Geld. Au├čerdem kann Harry hier am besten seiner Lieblingsbesch├Ąftigung nachgehen: Menschen beobachten.

"Dieser Mann da!" - Harry zeigt auf einen gut gekleideten Mann mit schulterlangem braunen Haar, der mit energischen Schritten an ihm vor├╝ber eilt.

"Sieht er nicht aus wie Gottes Sohn? Eine neun w├╝rde ich sagen! Jesus! Was f├╝r eine neun!"

Harry verteilt den M├Ąnnern, die er sieht, Nummern auf einer Skala von 1-10.

"Was soll ich denn sonst machen?", fragt er. "Erfolgreiche M├Ąnner finde ich interessant. Ich bin ehrlich, was habe ich zu verlieren? Ich w├Ąre auch gerne erfolgreich."

"Trump ist ein Genie!", sagt der Obdachlose

"Trump zum Beispiel, er ist ein Genie", sagt Harry. "Ich bin nicht bl├Âd, nat├╝rlich ist er auch ein Idiot. Und ein Clown. Und l├Ącherlich. Aber trotzdem ist er ein Genie. Alles, was er anfasst, wird zu Gold. Ich bin ganz ehrlich, ich w├Ąre auch gerne so wie er.

Ich w├╝nschte bei mir w├Ąre es so, dass alles, was ich anfasse, zu Gold wird. Und was ist? Stattdessen sitze ich hier. Ich sitze hier mit diesem Schei├č-Hund und bitte darum, dass mir jemand Geld gibt."

"Ich will kein Mitleid, aber irgendwie muss ich Geld verdienen"

Ein Mann im Anzug kommt auf Harry zu. Er kniet sich neben Lucy und streichelt sie. Harry sieht ihn bewundernd an.

"Hey, wie geht's?", fragt Harry. "Ihr Name ist Lucy."

"Hi, Lucy", sagt der Mann. "Danke gut. Wie l├Ąuft es bei dir?"

"Wie jeden Tag", sagt Harry.

Der Mann steckt einen Dollar-Schein in den Eimer.

"Danke, hab einen sch├Ânen Tag."

"Du auch."

Harry streichelt Lucy zufrieden.

"Die Menschen m├Âgen Lucy", sagt er. "Sie bringt sie zum Lachen. Ich will kein Mitleid. Sonst w├╝rde ich ja auf mein Schild schreiben, dass meine Frau Krebs hatte. Aber das will ich nicht. Blo├č muss ich irgendwie Geld verdienen. Also versuche ich die Leute zum Lachen zu bringen."

"Wenn der Krebs zur├╝ckkehrt, w├╝rden wir das nicht ├╝berleben"

Mittlerweile ist Harrys Frau wieder gesund.

"Sie muss eigentlich regelm├Ą├čig zu Untersuchungen gehen, um sicherzugehen, dass der Krebs nicht zur├╝ck ist", sagt er. "Aber das macht sie jetzt nicht mehr. Wir wollen das nicht mehr. Es ist mir auch ganz egal, ob das Menschen verstehen oder nicht.

Wir w├╝rden das sowieso kein zweites Mal durchstehen. Und wir erwarten sowieso nichts mehr vom Leben. Deshalb lassen wir es mit den Untersuchungen einfach bleiben. Ja, fast niemand versteht es. Weil fast niemand in dieser Schei├č-Lage ist."

Harry sieht auf die Uhr.

"Noch ein paar Stunden. Dann kann ich wieder schlafen."

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(lk)

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