"Je erfolgreicher eine Frau ist, desto unbeliebter wird sie" - Hillary Clinton erklärt, wie es ist, als Frau um die US-Präsidentschaft zu kämpfen

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

Unter den vielen Kritiken, die Hillary Rodham Clinton während ihres Präsidentschaftswahlkampfs verfolgt haben, waren auch ihre ungeschickten Bemühungen den Anschluss zu millennial Wählern und Wählerinnen zu finden. Einige behaupteten, es wirke zu sehr "erzwungen”.

Andere wiederum fanden, sie würde sich "anbiedern” – nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei Minderheiten. Sogar Präsident Obama witzelte, sie sei jedermanns "Tante Hillary”, die Facebook nicht ganz versteht.

Trotzdem fand ich (eine Wählerin, die Schwarz und Latina ist) mich letzte Woche wieder, wie ich mich mit der ersten Frau, die jemals einen echten Versuch gestartet hat, ins Weiße Haus gewählt zu werden, zusammen setzte und sofort mit ihr auf einer Wellenlänge war.

Als ich sie fragte, welche Rolle Präsident Clintons Unterstützung bei ihrem Wahlkampf hatte, erhellte sich ihr Gesicht und sie berührte meinen Arm, lächelte und erzählte mir, sie wünsche sich, mehr junge Männer würden die Ehe als Balance und unterstützende Partnerschaft verstehen.

Ich machte mir eine geistige Notiz, das mit meinem Ehemann zu teilen, wenn ich denn jemals einen haben sollte: "Hillary Clinton hat mir einmal gesagt,...”

Ich könnte schwören, dass da ein kleines Funkeln in ihren Augen war

Als Hillary Clinton im Hauptquartier der Human Rights Campaign in Manhattan ankam um das Refinery29-Team zu begrüßen, ging von ihr eine warme Energie aus, die zuvor oft durch den Bildschirm während des Wahlkampfs verloren gegangen war.

Als sie vor mir saß, war sie die Version der Clinton, die diejenigen beschreiben, die sie länger kennen: Fröhlich und entspannt ("Ich bin so stolz darauf, wie sehr Refinery29 gewachsen ist!” jubelte sie) witzelte sie gutmütig über unsere zufällig zusammenpassenden dunkelblauen Hosen ("Du musst wohl an meinem Kleiderschrank gewesen sein!”) und begrüßte jede einzelne Person im Raum mit einem Händeschütteln, direktem Augenkontakt und einigen weiteren Komplimenten zur Outfitwahl.

Am Ende unseres Gesprächs bat ich sie, ihre Power-Pose zu zeigen (ihr müsst euch das Video anschauen, um diesen Moment zu sehen). Und auch als die Kameras nicht mehr liefen, nahm sie sich die Zeit, unserem Team von der Recherche zu erzählen, die sie zu Power-Posen unternommen hatte und zeigte uns, wie jeder von uns es hinbekommen kann, sich größer zu fühlen und größer zu wirken, indem sie ihre Arme und Beine so von sich streckte, dass ihr Körper möglichst viel Raum in Anspruch nahm.

Sie sah komplett lächerlich aus, als sie so gespreizt dastand, aber man konnte sehen, dass es ihr nichts ausmachte. Vielmehr könnte ich schwören, dass da ein kleines Funkeln in ihren intensiv blauen Augen war.

Jeder Mensch erlebt Verluste

Dennoch, unter all dem ganzen Schein und Sein, bleibt kein Zweifel offen, dass Clinton auch ein wenig erschöpft war. Dieselben blauen Augen schienen ein wenig niedergeschlagen, als wir über die Wahlnacht sprachen und sie nahm kein Blatt vor den Mund, als sie erzählte, wie vernichtend diese Erfahrung war – weder in unserem Interview noch ihrem neuen Buch "What Happened", das jetzt erhältlich ist.

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Clinton beschreibt ihre 500 Seiten starke Nacherzählung der letzten beiden Jahre – die sie am Esstisch ihres Hauses in Chappaqua, New York, verfasste – als "erlösend”. Sie hofft auch, dass das Buch als Ratgeber für junge Frauen dient, die eine Karriere im Öffentlichen Dienst anstreben: Sie will sie dafür wappnen, wie brutal alles sein kann.

"Jeder Mensch erlebt Verluste,” sagt Clinton. "Nicht jeder Mensch wird eine Präsidentschaftswahl verlieren, aber es wird alle möglichen Verluste und Enttäuschungen geben, die Teil der Natur und des Lebens sind.

Ich ziehe den Vorhang für die Menschen auf, damit sie sehen, was es bedeutet, eine Frau in der Öffentlichkeit zu sein, die auf einem hohen Drahtseil ohne Auffangnetz balanciert.”

In ihrem Buch gibt es auch einige Donald Trump Sticheleien

Das Buch ist voll ehrlicher Überlegungen wie dieser; solche, von denen wir uns mehr während des Wahlkampfs gewünscht hätten. Sie teilt Details über die Nachwirkungen ihrer Niederlage, einschließlich dessen, wie ihr lange Spaziergänge in den Wäldern und Marathonläufe geholfen haben, überhaupt mit der Niederlage fertig zu werden.

Sie denkt darüber nach, wie hart es als junge Mutter für sie war, dass ihr Baby Chelsea nicht aufhören wollte zu weinen. Sie spricht sogar die Spekulationen über ihre Ehe mit Präsident Clinton an, dass selbige arrangiert sei: "So etwas nennt man Ehe,” schreibt sie.

"Er liest mir etwas über seine Schulter hinweg aus der Küche heraus vor, während unsere Hunde ihm zu Füßen liegen und eine Minute später wird er das Bücherregal zum hundertsten Mal neu sortieren.”

Und ja, es gibt einige Donald Trump Sticheleien. Clinton wird überraschend offen ihrem Kontrahenten gegenüber und denkt daran zurück, wie sie 2005 an seiner Hochzeit teilnahm (ein "protziges, übertriebenes Spektakel”) und wie sie "Gänsehaut bekam”, als er sich bei der Debatte über sie beugte.

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Was letzteres betrifft, erklärt sie, dass sie in diesem Moment entscheiden musste, ob sie sich ihm gegenüber zur Wehr setzen oder sich bedächtig verhalten sollte. "Ich habe Ruhe bewahrt. Dafür hat es geholfen, dass ich mein ganzen Leben mit schwierigen Männern zu tun hatte, die ständig versucht hatten, mich zu verunsichern. Ich habe jedoch das Mikrophon extra fest umklammert.”

Es ist genau der Teil des Buchs, Schwesternschaft genannt, der Clinton dazu führte, mit uns darüber zu sprechen, wie es wirklich war, die erste Frau zu sein, die von einer großen politischen Partei für die Präsidentschaftskandidatur aufgestellt wurde.

Die Highlights aus dem Imterview

Auch wenn sie die Wahlkampfniederlage nicht gänzlich an ihrem Geschlecht fest macht, ist sie sich doch dessen Einfluss auf den Wahlkampf bewusst. In einem exklusiven Interview mit Refinery29 spricht Clinton offen und ehrlich über Frauen in der Politik, ihre Hoffnungen für die Zukunft und vieles mehr. Hier sind die Highlights:

Wieso sie während der Wahlkampfperiode so wachsam war:
"Ich habe eine Freundin von mir konsultiert, Sheryl Sandberg, die, wie ihr wisst, die COO von Facebook ist. Sie und ihre beiden besten Forscher kamen zu mir, um mich einzuweisen, bevor der Wahlkampf richtig begann. Sie sagten: 'Die Forschung zeigt, dass je erfolgreicher ein Mann wird, desto beliebter wird er. Je professionell erfolgreicher eine Frau wird, desto weniger beliebt wird sie.'

Wir wissen, dass Ambitionen ein zweischneidiges Schwert sind. Es ist okay für einen jungen Mann, oder einen Mann jedes Alters, ambitioniert zu sein. Aber eine ambitionierte junge Frau, oder eine Frau jeden Alters, weckt alle möglichen Unstimmigkeiten in den Köpfen der Menschen.”

Ob Ivanka Trump Verantwortlich gemacht werden sollte:
"Jeder Mensch, der mit ihm (Trump, Anm. d. Red) assoziiert ist, sollte verantwortlich gemacht werden. Sie sind entweder mit an Bord oder nicht. Und wenn sie es nicht sind, sollten sie ihren Mund aufmachen oder gehen. Aber wenn sie still sind und Lippenbekenntnisse für konträre Meinungen ablegen, dann sind sie Teil seiner Agenda und sollten zur Verantwortung gezogen werden.”

Zu Donald Trumps Sexismus:
"Wenn jemand, der jetzt unser Präsident im Weißen Haus ist, derartig degradierende Kommentare über Frauen ausspricht und derjenige ist, der auf Tonband überführt wurde, wie er diese Sachen gesagt hat, gibt das anderen Menschen die Erlaubnis, sich ebenfalls gegen Frauen, gegen unseren Fortschritt und gegen unsere Rechte, auszusprechen.

Und ich denke es ist wirklich wichtig, dass junge Frauen erkennen, dass wir natürlich einen Fortschritt gemacht haben, aber dass wir alle noch weiterhin für uns einstehen müssen, für uns gegenseitig einstehen müssen und für die Gesetzte, die wir brauchen, einstehen müssen. Wir müssen uns des Sexismus annehmen, der so weit verbreitet ist und der durch Trump einen neuen Aufschwung bekommen hat.”

Ob die Abtreibungs-Gretchenfrage für Demokraten nötig ist:
"Ich muss sagen, dass ich stolz bin, Demokratin zu sein und ich bin stolz auf den Fortschritt, der während meiner Lebenszeit passiert ist. Und ich werde weiterhin die Politik der Demokratischen Partei vertreten. Aber ich denke nicht, dass das ein Entweder-Oder ist. Man braucht eine wirklich starke ökonomische Botschaft, die ich hatte, denke ich, die aber schwer durchzusetzen war. Und man muss für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Grundrechte einstehen. Und das Recht einer Frau, ihren Körper und ihre Krankenkassenentscheidung selbst zu kontrollieren ist ein fundamentales Menschenrecht.”

Ihr Ratschlag für Millenial-Frauen:
"Ich habe ein kleines Mantra, bei dem ich sage: Wehre dich, engagiere dich und sei hartnäckig. Nicht jeder Mensch wird sich zur Wahl aufstellen lassen, aber man kann diejenigen unterstützen, die es tun; ob man dafür kämpft, dass gleichberechtigte Bezahlung zwischen Männern und Frauen endlich einheitliche Regeln oder dass Menschen eine Krankenversicherung bekommen. Man kann sich momentan bei so vielem einbringen und ich habe das Gefühl, dass das Engagement da ist. Die Leidenschaft ist da.”

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(ks)