Netz-Expertin warnt vor "kriegsentscheidender Schmutzkampagne im Wahlkampf-Endspurt"

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Netz-Expertin warnt vor "kriegsentscheidender Schmutzkampagne im Wahlkampf-Endspurt" | dpa
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  • Eine zentrale Rolle beim Wahl-Endspurt spielt der Onlinewahlkampf mit sogenannten Dark Ads und in geschlossenen Gruppen
  • Experten warnen vor einer Schmutzwelle ähnlich wie bei den Präsidentschaftswahlen in den USA

Spätestens ab Montag befinden sich die Parteien auf der Zielgeraden der Bundestagswahl - und da werden Wahlen bekanntlich entschieden.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Onlinewahlkampf. Hier lassen sich binnen weniger Minuten zielgruppengerechte Kampagnen aufsetzen, Statements der Spitzenkandidaten streuen oder Nachrichten und Falschnachrichten verbreiten.

So versprechen sich die Parteien, die vielen unentschiedenen Wähler für sich zu gewinnen.

"Bei keiner Wahl waren die letzten Tage so entscheidend"

"In den USA haben wir gesehen, wie auf der Zielgeraden kriegsentscheidende Schmutzkampagnen gegen die Kandidaten gefahren wurden", warnt etwa Adrienne Fichter, Buchautorin und Politologin aus der Schweiz, die auch den Bundestagswahlkampf beobachtet.

"Auch, wenn in Deutschland solche Kampagnen weniger gut funktionieren - ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass wir sie auch hier noch erleben", sagt sie. "Etwa mit Material, das bei den Hackerangriffen auf den Bundestag gestohlen wurde."

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Netz-Expertin Fichter

Ob durch Memes, kurze Videos oder Hetz-Seiten wie jene der AfD zu Merkel, die vor wenigen Tagen online ging - der Onlinewahlkampf entfaltet eine Mobilisierungskraft, wie es sie so vor vier Jahren noch nicht gab.

"Die Budgets dafür waren vor vier Jahren deutlich kleiner", sagt Expertin Fichter. "Außerdem waren die Kampagnen lange nicht so individuell und reaktionsschnell."

Die Bedeutung des Onlinewahlkampfs haben die Parteien spätestens mit dem Sieg des US-Präsidenten Donald Trump und dem überraschenden Erfolg der Brexit-Kampagne begriffen - und entsprechend reagiert.

Zwei Beispiele:

"Wir geben als Bundespartei fünf Millionen Euro für den Wahlkampf aus - 500.000 Euro davon für den Online-Wahlkampf", sagt etwa FDP-Sprecher Nils Droste der Deutschen Nachrichtenagentur (dpa).

Vor allem über Google und Facebook nutze die Partei die Möglichkeit, Wähler präzise zu erreichen. Dabei würden aber nur anonymisierte und aggregierte Daten verwendet. "Wir verwenden keine Daten, die konkret auf einzelne Personen abzielen", sagt Droste.

Die Grünen investieren eine Million Euro in Anzeigen und Spots im Internet.

Zielgruppenwerbung spielen sie ebenfalls aus, zu den Adressaten gehören dabei Tierschützer, Studierende oder Menschen mit sozialen Berufen.

Diese Anzeigen - auch Dark Ads genannt - sind zu einem zentralen Instrument im Onlinewahlkampf geworden. Die Parteien meiden diesen Begriff lieber, weil er sich nach etwas Verbotenem anhört - und nennen die Strategie lieber Microtargeting.

So funktionieren Dark Ads:

Hinter dem Begriff verbergen sich Anzeigen, die genau auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind, aber nicht auf der Seite der Partei oder des Kandidaten auftauchen.

So können immer kleinere Interessensgruppen mit der für sie zugeschnittenen Botschaft versorgt werden. Neben Alter und Beruf können so auf einmal auch der Musikgeschmack oder besuchte Veranstaltungen dafür sorgen, dass selbst Mitglieder einer Familie völlig unterschiedliche Botschaften derselben Parteien erhalten.

CSU warb mit Dark Ads unter Russlanddeutschen

Ein Beispiel: Im März schaltete die CSU eine Werbeoffensive auf Russisch und adressierte Facebook-Nutzer, die sich für den umstrittenen Nachrichtensender Russia Today interessieren.

"Uns interessiert nicht der Sender RT, sondern uns interessieren die Deutschen aus Russland", sagte damals CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

Welche Ausmaße diese Strategie der Online-Werbung annehmen kann, hat der amerikanische Wahlkampf - und da vor allem das Team um Donald Trump - gezeigt.

Für Diskussionen sorgte etwa eine über Facebook verschickte Animation seiner Konkurrentin Hillary Clinton.

Der Clip suggerierte, dass Clinton Afroamerikaner 1996 in einer Rede als Raubtiere bezeichnet hätte. Trumps Zielgruppe für diesen Beitrag: die Afroamerikaner.

Ganz andere Werbebeiträge schickte Trumps Team gezielt an weiße Liberale und junge Frauen - also an die Gruppen, die Hillary Clinton für einen Wahlsieg im November gebraucht hätte.

"Versteckter Wahlkampf auf Facebook"

Parteien führen so einen "versteckten Wahlkampf auf Facebook, vom dem die Öffentlichkeit wenig mitbekommt", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" treffend.

Doch wie verbreitet sind Dark Ads tatsächlich im Bundestagswahlkampf?

Die Onlineseiten "Buzzfeed" und "T-Online" sind dieser Frage in einer großen Analyse auf den Grund gegangen. Rund 1000 Nutzer sammelten bereits 400 versteckte Anzeigen in einer Datenbank.

Das ernüchternde Ergebnis: Davon seien nur eine handvoll Anzeigen auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet, sagt "Buzzfeed"-Chefredakteur Daniel Drepper im Interview mit dem NDR. Offenbar seien Dark Ads nicht "so weit verbreitet, wie es bisher schien".

Expertin Fichter erklärt das mit strengen Datenschutzregeln in Deutschland, die nicht erlauben, Datensätze zu verknüpfen wie etwa in den USA.

Außerdem würde die große Debatte über das Phänomen der Dark Ads, die derzeit hierzulande geführt werde, dafür sorgen, dass Nutzer solche Werbungen besser einordnen könnten.

"Wahlkampf verlagert sich mehr und mehr in geschlossene Kanäle"

Trotzdem ist Fichter sich sicher, dass sich der Wahlkampf "mehr und mehr ins Netz verlagert - und in die geschlossenen Kanäle."

Ein wichtiger Anteil daran hätten nicht nur Dark Ads, sondern nichtöffentliche Gruppen in sozialen Netzwerken und private Nachrichtenkanäle etwa über Whatsapp.

Es sei eine "Messagaerisierung" im Gang, warnt Fichter, bei der eine Partei einen klaren Wettbewerbsvorsprung habe: die AfD. Sie sei in den sozialen Netzwerken extrem gut vernetzt.

"Die Partei beherrscht das Spiel wie keine andere und hat dadurch einen Vorteil", sagt Fichter. Unterstützung erhält sie dabei von der US-Agentur Harris Media, über deren Strategie wir hier berichtet haben.

Tatsächlich hat die AfD drei Mal mehr Facebook-Fans wie jede andere Partei. Außerdem erzielt sie mit ihren Beiträgen eine enorme Reichweite. Bei den Interaktionen liegt sie vor den anderen Parteien, zeigt ein aktuelles Ranking des Portals Storyclash:

storyclash

Wie diese Gruppen funktionieren, wurde etwa beim TV-Duell mit Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz deutlich.

Hashtag Verräterduell

In Foren wiesen rechte Aktivisten ihre Mitglieder an, den Hashtag "Verräterduell" auf Twitter möglichst oft zu verwenden und damit in die Trending Topics zu katapultieren. Anleitungen zeigten den Nutzern, wie sie schnellstmöglich zwanzig Accounts und mehr anlegen konnten.

Die Strategie ging zwar nicht auf, weil Twitter schnell reagierte und neue Accounts keinen Einfluss auf die Trending Topics mehr haben.

Dennoch zeigt das Beispiel, welche Mobilisierungskraft weitestgehend verborgene Kanäle haben.

Diese Methoden lassen die Frage aufkommen, welche Folgen sie für die Demokratie haben. Dark Ads und Wahlkampf in Facebook-Gruppen sind für die Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar, aber extrem effektiv.

"Verhältnis von Wählern und Politik kann auch verbessert werden"

Medienwissenschaflter Martin Emmer von der Freien Universität Berlin hält es für legitim, dass die Parteien mit den Online-Daten die Wünsche und Bedürfnisse der Wähler genauer ansprechen.

"Das kann ja auch das Verhältnis von Politik und Wählern verbessern", zitiert ihn die dpa.

Problematisch werde es, wenn sich die Botschaften der Parteien an die unterschiedlichen Zielgruppen widersprechen oder gar Fake News verbreitet würden. Davon sei Deutschland aber noch entfernt, weil sich die großen Parteien an "ethnische Prinzipien" halten würden.

Expertin Fichter hingegen fordert, diese Form des Wahlkampfs strenger zu regulieren. Es wäre etwa ein Anfang, wenn Nutzer auf Facebook mit einem Klick erfahren könnten, von wem die Werbung finanziert werde und welche anderen Banner noch im Umlauf seien.

"Das würde Dark Ads ein Stück weit entzaubern. Sie wären dann keine Wunderwaffe im Netz mehr, sondern für die Wähler besser zu durchschauen", sagt sie.

Doch selbst wenn es dazu kommt - den Wahl-Endspurt wird es nicht betreffen.

Mit Material von dpa.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

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